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Workshop Her Turn Syria III Der Chor der syrischen Journalistinnen

Zum ersten Mal treffen sich in Damaskus auf Initiative der taz Panter Stiftung 15 syrische Journalistinnen aus allen Teilen des Landes. Über einen Workshop mit Zwischentönen.

Ein Lied, sollte man meinen, kann keinen Schaden anrichten. Wie falsch diese Annahme sein kann, zeigte sich im Mai dieses Jahres, als sich auf Initiative der taz Panter Stiftung zum ersten Mal eine Gruppe von 15 Journalistinnen aus allen Teilen Syriens für ein dreitägiges Online-Treffen zusammenschaltete. Das ursprünglich geplante persönliche Treffen in Damaskus musste aus Sicherheitsgründen abgesagt werden.

Angeregt und kollegial diskutierten die Journalistinnen darüber, welche Wunden der Krieg in die syrische Gesellschaft gerissen hat und wie eine ausgewogene und verantwortungsvolle journalistische Berichterstattung dazu beitragen kann, die Gräben zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen im Land zu überwinden. So gut das online bei einem ersten Treffen eben möglich ist – die Stimmung war gut.

Dann kam die Sache mit dem Lied

Die Hausaufgabe für den letzten der drei Tage des Online-Treffens lautete: Einigt euch auf ein Lied, das euch als eine Art Erkennungsmelodie bis zum Ende des Jahres auf eurer gemeinsamen journalistischen Reise durch Syrien begleiten kann. Die Idee scheiterte kläglich und entzweite die Gruppe entlang der ethnischen, religiösen und kulturellen Trennlinien im Land.

Auf den Streit folgten Entschuldigungen und Beschwichtigungen, die Arbeit an gemeinsamen Artikeln begann. Sie schrieben darüber, welche Rolle die Renovierung von Parks für die Wiederaufnahme eines öffentlichen Lebens in Homs darstellt, über Luftverschmutzung in Qamischli, die Rolle von Frauen im syrischen Journalismus, über die Probleme von Menschen, die in ihre zerstörten Häuser zurückkehren, nur um festzustellen, dass dort bereits eine andere geflüchtete Familie lebt.

Sie arbeiteten gemeinsam an einem Handbuch für syrische Journalistinnen und Journalisten, in dem die Grundzüge einer konflikt-sensitiven Berichterstattung aufgezeigt werden. Die Kurzversion davon lautet: DO NO HARM, also richte mit deiner Berichterstattung keinen Schaden an.

Persönliches Treffen in Damaskus möglich

Die Sache mit dem Lied wurde nie wieder erwähnt, klang aber ganz leise im Hintergrund während der kommenden Online-Treffen immer noch nach.

Fünf Monate später, in der letzten Woche des Septembers 2026, dann, endlich, ist ein persönliches Treffen in Damaskus möglich. Für drei Tage treffen sich die 15 Journalistinnen mit den Coaches der taz Panter Stiftung und Vertreterinnen der syrischen Zivilgesellschaft. Ziel des Programms ist es, einen gemeinsamen Nenner für eine Berichterstattung über den Neubeginn in Syrien zu finden, die mögliche Lösungen und Perspektiven aufzeigt, und die Aufarbeitung der Vergangenheit journalistisch begleitet.

Doch auch hier, in einem Raum im „Arab Radio & TV Training Center“, zeigt sich wie gut es dem Assad-Regime in den vergangenen 50 Jahre gelungen ist, die unterschiedlichen Gruppen im Land gegeneinander auszuspielen, um sich selbst die Macht zu sichern. Die 15 Journalistinnen sitzen nach Regionen getrennt, das Einzige, was sie zu einen scheint, sind ihre eigenen traumatischen Erfahrungen, die sie während der ersten Diskussion mit ihren Kolleginnen teilen. Von Haft, über Vertreibung bis hin zum Verlust von Familienangehörigen ist eine jede Berichterstatterin und Betroffene zugleich. „Eine jede von uns“, sagt die teilnehmende Journalistin Zeinab Afifeh, „hat ihren eigenen Schmerz“ (siehe Interview)

Es gibt vieles das die Journalistinnen eint

Durch die persönliche Begegnung während der drei Tage in Damaskus wird allen aber sehr bald klar, dass es mindestens genauso viel gibt, was sie eint. Allem voran ihre Rolle als Journalistin in einer von Männern dominerten Medienlandschaft. Oder die Schwierigkeit als Mutter Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Und natürlich: Die Herausforderung, zwei Jahre nach dem Fall des Assad-Regimes, über den Neubeginn Syriens zu berichten.

Die Antworten, die sie hierzu, während der von der taz Panter Stiftung organisierten Exkursionen, erhalten, könnten unterschiedlicher kaum sein. In Sednaya, dem Ort, der durch das berüchtigte Foltergefängnis des Assad-Regimes zu trauriger Berühmtheit gekommen ist, aber ursprünglich als Pilgerort für Christen und Muslime bekannt ist, erklärt ihnen eine Nonne, dass sie in Jahrhunderten und nicht in Jahren denkt und man deshalb mit Gottes Hilfe die Vergangenheit schon überwinden werde.

In Daraja, einem südwestlichen Vorort von Damaskus, der im syrischen Bürgerkrieg zu einem weltweiten Symbol für den zivilen Widerstand, extreme Zerstörung und eine erbarmungslose Belagerung wurde, treffen sie Frauen der Initiative Truth Tents, die landesweit Protest- und Gedenkstätten für Angehörige von Vermissten betreibt. Unter Tränen berichten ihnen Frauen, wie ihre Männer und Söhne von Scharfschützen erschossen wurden oder für immer in dem Foltergefängnis Sednaya verschwanden. Nachrichten, wie und wohin ihre Söhne deportiert worden sind, haben sie bis heute nicht erhalten. Insgesamt werden in Syrien noch immer rund 100.000 Menschen vermisst. In keinem Land der Welt sind es mehr. „Der nationale Wiederaufbau von Syrien“, sagt die Leiterin der Truth Tents in Daraja, „wird nur gelingen, wenn wir endlich über das Schicksal unserer Angehörigen informiert werden, und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.“

Jedes zweite Haus ist zerstört

Wie groß diese Aufgabe ist und wie viel Zeit sie benötigen wird, lässt sich an der allgegenwärtigen Zerstörung in Daraja gut ablesen. Jedes zweite Haus ist zerstört, überall zeugen Trümmer und Schutt von den Fassbomben, die über dem Ort abgeworfen wurden, bis heute sterben Kinder, weil sie beim Spielen auf Minen treten.

„Kommt nach Aleppo“, sagt eine der Teilnehmerinnen, „dort sieht es in einigen Regionen noch schlimmer aus.“ Doch anstatt, dass sich die Journalistinnen erneut mit Opfergeschichten überbieten, entspannt sich eine konstruktive Diskussion darüber, wie man über das Schicksal der Vermissten berichten kann, ohne dabei die Mütter, die nach ihren Männern und Söhnen suchen, unangemessen vorzuführen oder gar erneut zu traumatisieren. Nach und nach lösen sich dabei die gegenseitigen Vorbehalte auf, die Journalistinnen rücken zusammen, die journalistische Neugier ist größer als das, was sie trennt.

Draußen, in der Trümmerlandschaft von Daraja wartet der Kleinbus, der die Journalistinnen zurück ins Trainingszentrum bringt. Eine nach der anderen steigt ein, es wird langsam Abend, der Fahrer legt den Gang ein, die Rückfahrt ins Zentrum von Damaskus beginnt. Auf einmal beginnt eine der Journalistinnen zu singen, erst klatschen die anderen im Takt, dann singen sie gemeinsam im Chor.

„Wir müssen lernen, Syrien wieder als ein Land zu sehen.“

Die syrische Journalistin Zeinab Afifeh sagt, die syrische Gesellschaft habe ein großes Vertrauensproblem und erklärt, wie Journalismus helfen kann, die Gräben zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Land zu überwinden.

taz Panter Stiftung: Alle Deine 14 Kolleginnen, mit denen Du in unserem gemeinsamen Projekt zusammenarbeitest, haben bei unserem Treffen in Damaskus, von ihren ganz persönlichen traumatischen Erfahrungen berichtet, die sie während des Krieges in Syrien gemacht haben. Welchen Einfluss haben diese Erlebnisse auf Eure Arbeit als Journalistinnen?

Zeinab Afifeh: Ja, jede von uns hat ihren ganz eigenen Schmerz. Dass dem so ist, hat journalistisch gesehen, eine gute und eine schlechte Seite. Die schlechte ist, dass es dazu führen kann, dass ich für andere Themen blind werde und mich ausschließlich auf das Leid des Krieges fokussiere, quasi in meiner eigenen Geschichte gefangen bin. Die Gute Seite ist, dass ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich eine vertriebene Familie interviewe oder über ihre Situation berichte.

taz Panter Stiftung: Eure Gruppe syrischer Journalistinnen kommt aus allen Teilen des Landes, ihr habt unterschiedliche kulturelle, ethnische oder religiöse Hintergründe. Eint es Euch eigentlich, dass ihr alle während des Krieges traumatische Erfahrungen gemacht habt?

Zeinab Afifeh: Für uns als Gruppe von Journalistinnen mag das vielleicht gelten. Gesamtgesellschaftlich betrachtet, muss ich die Frage mit einem klaren Nein beantworten. Ich würde sogar so weit gehen, dass uns der eigene Schmerz trennt.

taz Panter: Inwiefern?

Zeinab Afifeh: Gemeinschaften sollten ein gemeinsames Gedächtnis haben. Erinnerung ist nicht nur die Vorstellung einer Sache, sondern auch das Gefühl, das man dazu hat. Viele Menschen in Syren glauben sich bis heute nicht gegenseitig. Jeder hat das Gefühl, er sei das einzige Opfer oder er sei mehr Opfer als andere.

taz Panter: Woran liegt das?

Zeinab Afifeh: An mangelnden Informationen. Bis heute gibt es Menschen in Syrien, die nicht wahrhaben wollen, was das Assad-Regime der eigenen Bevölkerung angetan hat. Sie haben keine Vorstellung von der Lage in den kurdischen Regionen im Nordosten oder der Situation in Sweida im Süden. Ein Grund dafür ist, dass sich ein Großteil der Menschen in Syrien ausschließlich über soziale Medien informiert und dort in der eigenen Meinungsblase gefangen ist.

taz Panter Stiftung: Kommt man dagegen als einzelner Journalist überhaupt an?

Zeinab Afifeh: Wir müssen es versuchen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass in dem Programm der taz Panter Stiftung Journalistinnen aus allen Teilen von Syrien vertreten sind. Nur wenn wir als Journalistinnen über den eigenen Tellerrand blicken, können wir das auch unserem Publikum oder unserer Leserschaft glaubhaft vermitteln. Dass wir nun hier an Texten und Themen zusammenarbeiten ist ein erster und sehr wichtiger Schritt. Wir müssen lernen, Syrien wieder als ein geeintes Land zu sehen, nur so haben wir eine Zukunft.

Die syrische Journalistin Zeinab Afifeh lebt in Hama und arbeitet als investigative Journalistin in allen Teilen des Landes.