Wirtschaft: Ausstieg geht nicht? Gibtʼs nicht!
Die Belastung des Neckars mit der giftigen Ewigkeitschemikalie Trifluoressigsäure (TFA) ist deutlich gesunken, nachdem der Chemiekonzern Solvay in Bad Wimpfen seine TFA-basierte Produktion gestoppt hat. Das zeigen Untersuchungen des Chemikers Michael Müller, die er in Kontext erstmals vorstellt. Entwarnung gibt er nicht.
Von Gunter Haug (Interview)
Herr Müller, Sie haben in den letzten Monaten das Neckarwasser getestet, nachdem die Chemiefirma angekündigt hat, seine TFA-basierte Produktion und damit die Einleitung in den Neckar zu beenden. Hat sich das in ihren Proben bereits bemerkbar gemacht?
Tatsächlich kann ich nach unserer Beprobung vom Frühjahr sagen, dass nach unserer Kenntnis in Bad Wimpfen kein TFA mehr direkt in den Neckar eingeleitet wird. Dadurch reduziert sich der TFA-Gehalt des Neckars um etwa 50 Prozent. Es waren dort zuletzt, also 2025, vier bis fünf Mikrogramm pro Liter nachweisbar, jetzt reduziert sich das auf die Größenordnung von zwei bis drei Mikrogramm pro Liter.
Das klingt zunächst einmal positiv. Aber andererseits, wenn Solvay seine Produktion beziehungsweise die Einleitung von TFA doch beendet hat: Wie lässt sich erklären, dass das Neckarwasser immer noch mit TFA belastet ist? Woher kommt das dann?
Das hat viele Quellen und viele Ursachen. Es kommt aus Medikamenten, aus Pestiziden, aus den Kältemitteln der Klimaanlagen und und und. Die Kläranlagen spielen hier ebenfalls eine Rolle, weil das Abwasser mit PFAS-haltigen Vorläufern, zum Beispiel Medikamenten, belastet ist. Dadurch, dass die Kläranlagen PFAS teilweise abbauen, kann am Ende TFA entstehen – je nach Kläranlage und Vorläufersubstanzen in unterschiedlichem Maße. Und das landet dann wieder in den Flüssen.
Aber es gibt doch in modernen Kläranlagen inzwischen die als Wunderstufe bezeichnete vierte Stufe, kann die TFA nicht herausfiltern?
Die vierte Reinigungsstufe ist nur ein Sammelbegriff für verschiedene Methoden, die angewandt werden können. Wir haben eine der größten Kläranlagen in Baden-Württemberg untersucht, deren vierte Reinigungsstufe ist ein Aktivkohlefilter. Und hier konnten wir nachweisen, dass Aktivkohle TFA nicht herausfiltert. Der TFA-Gehalt des Abwassers hinter der vierten Reinigungsstufe ist nahezu identisch mit dem Gehalt an TFA, der in die vierte Stufe hineinfließt. Das heißt: TFA rauscht hier sozusagen ungehindert durch. Und es geht sogar noch weiter: Andere Reinigungsstufen, die beispielsweise mit Ozon arbeiten, erhöhen eher den TFA Gehalt. Das hängt mit chemischen Prozessen zusammen. Studien zeigen, dass der TFA-Gehalt nach der Ozonolyse höher ist als vorher. Das bedeutet: Wir haben da und dort zwar vierte Reinigungsstufen, aber ein Wundermittel in Sachen TFA stellen sie nicht dar.
Irgendwie muss man diese tückische Ewigkeitschemikalie doch aus der Umwelt bekommen. Es heißt ja immer wieder, am Ende bleibe zur Beseitigung von TFA und PFAS nur die sogenannte „thermische Behandlung“ übrig. Also die Verbrennung bei hohen Temperaturen, beispielsweise in den Müllkraftwerken. Ist das die Lösung?
Der Glaube, dass die PFAS zu 100 Prozent abgebaut werden können, ist irreführend. Zum einen haben wir PFAS in allen möglichen Produkten – auch im Hausmüll oder auch im Klärschlamm. Bis hin zum Sondermüll, der bei hohen Temperaturen bei circa 1.200 Grad verbrannt wird. Aber, und das ist das Problem: Zum einen zersetzen sich diese Substanzen auch bei hohen Temperaturen nicht vollständig. Und zum anderen können die Stoffe, die bei der Verbrennung entstehen, zum Teil toxisch sein, auch humantoxisch. Das bedeutet, es gibt bei der Verbrennung eben keine saubere Zersetzung der PFAS zu Kohlendioxid und Calciumfluorid, sondern es entstehen auch andere Produkte. Unter anderen wiederum TFA. Und Stoffe wie TFA sind erst bei extrem hohen Temperaturen oder massiven elektrischen Strömen zersetzbar. Das aber ist nicht nur unwirtschaftlich, sondern auch vom Energieeintrag, der dabei geleistet werden muss, weder sinnvoll noch machbar. Es gibt von daher nur eine Lösung.
Ein sofortiges Verbot aller PFAS?
Ich nehme nicht gerne das Wort Verbot in den Mund, sondern verweise lieber auf Vorgänge und damit einhergehende Lernkurven, die wir in der Vergangenheit schon hatten, beispielsweise bei den klima- und ozonschädlichen FCKW. Will heute jemand noch FCKW in den Spraydosen benutzen? Möchte jemand allen Ernstes noch verbleites Benzin? Oder möchte jemand Asbest verwenden? Die Antwort ist nein, und das würde heute niemand mehr als Verbot bezeichnen, denn wir haben uns darauf geeinigt, dass es sinnvoll ist, dies alles nicht mehr zu nutzen, weil das Risiko nicht kalkulierbar ist und die Kosten nicht beherrschbar sind.
Die Industrie sagt, es gebe keine Ersatzstoffe für PFAS. Man könne da gar nichts anderes machen, als sie weiter zu produzieren.
Zunächst einmal: Die Anwendungsbreite der PFAS ist enorm. Von Hydraulikölen über Dichtungen, Teflon, Membranen für alle möglichen Anwendungen bis hin zur Kleidung, Kletterseilen, Zahnseide, Skiwachs und so weiter. Es gibt unzählige Produkte, die PFAS enthalten oder mit PFAS hergestellt werden. Aber allein, wenn wir jetzt nur den technischen Bereich betrachten, so wird inzwischen kaum jemand noch ernsthaft widersprechen können, dass für technische Anwendungen fast überall Ersatzstoffe zur Verfügung stehen. Gehen wir weiter zu den Wirkstoffen: Hier ist inzwischen offensichtlich, dass die Agroindustrie beim Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft schon vor vielen Jahren die Umstellung begonnen hat. Da sind längst Substanzen entwickelt worden, die keine PFAS sind und die in der Umwelt abbaubar sind. Dann schauen wir auf die Medikamente: Auch hier war ja die Annahme, dass diese Substanzen essentiell sind – und deshalb sind sie sogar aus dem Regulierungsantrag auf EU-Ebene herausgenommen worden! Aber diese Annahme hat sich überhaupt nicht bestätigt: Für einen Großteil der PFAS-Wirkstoffe, die in Deutschland am Markt sind, und zwar für mehr als 80 Prozent gibt es bereits Ersatzmedikamente.
Tatsächlich gibt es auch in der Medizintechnik nur wenige Bereiche, wo PFAS-Materialien hilfreich und derzeit unabdingbar sind, weil sie nicht mit dem Gewebe interagieren – zum Beispiel bei Implantaten. Hier wird dann in der Tat der Ersatz schwierig und teuer. Aber das gilt wie gesagt nur für einen relativ kleinen Bereich. Für die anderen Bereiche ist es wie bei den FCKW: Das Argument, FCKW seien nicht ersetzbar, ist längst widerlegt. Und genauso ist es auch bei den PFAS: Für den allergrößten Teil der PFAs gibt es Ersatzstoffe.
Woran hakt es denn dann noch? Fehlt es am grundsätzlichen Verständnis in der Wissenschaft?
Eindeutig. Aber das hat vielerlei Gründe. Denn es ist zunächst einmal so, dass uns die Fluorchemie Möglichkeiten gegeben hat, Substanzen zu entwickeln, die es auf der Welt zuvor nicht gab. Diese wiederum haben uns Anwendungsmöglichkeiten verschafft, die wir vorher nicht gekannt haben: seien es wasserabweisende Textilien oder Teflonpfannen. Der Trugschluss war zum einen, dass es nur diese Substanzen sind, mit denen das gelingt. Aber dies ist mitnichten der Fall. Deutschland ist eine der weltweit führenden Chemienationen. Deshalb wären wir gut beraten, daraus zu lernen und nicht mehr auf persistente, also nicht abbaubare Substanzen zu setzen, sondern auf Substanzen, die auf Dauer mit menschlichem Leben und menschlicher Gesundheit kompatibel sind. Und dafür gilt es, Geld in die Hand zu nehmen. Aber nicht um irgendwelche irreführenden, mehr oder minder willkürlichen Grenzwerte einzuhalten. Oder mit falschen Versprechungen: siehe thermischer oder biologischer Abbau von PFAS oder andere Methoden, mit denen man angeblich diese Substanzen vollständig zurückgewinnen kann. Wir müssen schlichtweg versuchen, aus dieser ganzen Thematik komplett rauszugehen.
Also: Es gibt Ersatzstoffe, die werden aber nicht genutzt. Und das auch deshalb, weil man vor allem aus industrienahen Kreisen der Wissenschaft immerzu hört, es gehe nicht ohne PFAS. Sie sagen dagegen: Es geht! Brauchen wir also eine neue Ethik in der Chemie?
Allerdings! Wir brauchen eine nachhaltige Chemie und Pharmazie, eine globale, ganzheitliche Sichtweise unter Einbeziehung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten. Eine naturwissenschaftliche Ethik, die nicht nur die Produkte betrachtet. Sondern die sich fragt: Wann greift die Verantwortung des Chemikers, wann greift die Verantwortung des Pharmazeuten? Erst nach Herstellung der Substanzen? Erst nach Herstellung der Wirkstoffe? Bei der Abgabe der Wirkstoffe oder schon vorher? Die Antwort ist eindeutig: Natürlich greift diese Verantwortung schon vorher. Und dahin müssen wir kommen. Dann wird das Thema PFAS eines Tages ebenso Geschichte sein wie FCKW oder Asbest.
Professor Dr. Michael Müller ist Studiendekan an der Universität Freiburg und dort Lehrstuhlinhaber für Pharmazeutische und medizinische Chemie. Er gilt als einer der führenden europäischen Experten auf dem Gebiet der Auswirkungen von PFAS auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Im vergangenen Jahr hat er eine aufsehenerregende Studie über den Gehalt von TFA in Weinen publiziert. Einen sofortigen Ausstieg aus der PFAS-Produktion bezeichnet er als dringend notwendig – und möglich. (gh)
Das REACH-Programm der EU (in Kraft seit Juni 2007) soll im Interesse der menschlichen Gesundheit den Umgang mit Chemikalien regeln. Im Focus stehen dabei die „Ewigkeitschemikalien“ aus der Fluorchemie, die sogenannten PFAS, von denen es mindestens 10.000 verschiedene gibt. Sie stehen im Verdacht, gesundheitsgefährdend zu sein – manche mehr, manche weniger. Die Forschung steht hier noch ganz am Anfang. Um diesen gesundheitspolitischen Blindflug so rasch wie möglich zu stoppen, haben Deutschland, Dänemark, die Niederlande, Schweden und Norwegen 2023 beantragt, die PFAS auf EU Ebene in ihrer Gesamtheit zu verbieten. Durch massive Lobbyarbeit der chemischen Industrie wurde dies verhindert. Und auch im neuen Grenzwert zum Schutz des Trinkwassers, in dem die maximale Belastung durch 20 PFAS festgelegt wurde, fehlt ausgerechnet das wichtigste und gefährlichste PFAS-Molekül: TFA. Die Lobby war auch hier erfolgreich am Werk. (gh)
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