Wie die Provinz nach Berlin kommt: „Prenzlauer Berg wurde zum Dorf“
Berlin lockt als Großstadt mit Freiheiten, aber viele Zugezogene etablieren lieber kleinstädtische Strukturen. Ein Gespräch mit Judith Finsterbusch, die eine Boutique für Ökomode betreibt.
taz: Frau Finsterbusch, warum haben Sie Ihren Laden "Wertvoll" für Ökomode hier im Prenzlauer Berg eröffnet?
Judith Finsterbusch: Das Klientel in diesem Kiez ist sehr anspruchsvoll. Es will den direkten Kontakt und von allem nur das Beste. Es ist sehr empfänglich für die authentischen, guten Geschichten, die wir ihm über jedes Kleidungsstück hier erzählen können. Die Leute wollen sich freuen, wenn sie sich was Schönes gekauft haben – und kein schlechtes Gewissen haben.
Das ist doch moderner Ablasshandel!
Mag sein. Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass man heute nur so Mode verkaufen kann. Ich habe lang genug in der Modeindustrie gearbeitet und hatte vor der Eröffnung unseres Ladens völlig aus dem Blick verloren, wie schön Mode sein kann.
Kaufen hier auch Menschen ein, die Berlin für das bessere Bullerbü halten?
Wir verkaufen hier Mode auf hohem Niveau, also auch coole Jeans und edle Seidenkleider. Und der Großteil unserer Kunden weiß das sehr zu schätzen.
An diesem Samstag erscheint zum ersten Mal die neue, zwölfseitige Berlin-Wochenendausgabe der taz. Sie bietet unter anderem ein aktuelles Schwerpunktthema, eine stark erweiterte Kulturberichterstattung, einen Wochenrückblick und das einstige Montagsinterview.
Zudem erscheint der taz.plan jetzt immer donnerstags als 16-seitige Beilage. Er liefert eine unverzichtbare Orientierung durch das Berliner Kunst-, Kultur- und Nachtleben.
Geht Ihnen das Idyll Prenzlauer Berg wirklich niemals auf die Nerven?
Oh doch! Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich im selben Kiez lebe und arbeite – und in letzter Zeit erinnert mich dieser allzu oft aus der schwäbischen Kleinstadt, aus der ich mal nach Berlin geflüchtet bin. Der Prenzlauer Berg ist ein Dorf geworden.
Sind Sie auch aus der Provinz in die Stadt gezogen? Was vermissen Sie - und was vermissen sie gar nicht? Schreiben Sie uns Ihre Antwort, entweder an kommune@taz.de oder als Kommentar unter diesen Artikel.
Inwiefern?
Hier ist alles so rosa, flockig und heil geworden. Die Leute haben keine Sorgen mehr. Ich vermisse die Reibungen, die die Großstadt ausmachen. Auch die Vielfalt. Das Leben hier fühlt sich manchmal direkt irreal an, als ob es keine Konflikte gäbe in der Welt.
Tragen nicht auch Sie dazu bei, dass man hier weniger Konflikte aushalten muss – und sei es nur beim Kauf eines Pullovers?
Doch, schon. Aber es gibt nun einmal verschiedene Arten von Konflikt. Ich vermisse nicht den Konflikt, in den man gerät, wenn man einen Pullover kauft, der in Indien von Kindern genäht wurde.
Welche Konflikte vermissen Sie?
Ich vermisse eher den Konflikt, wie er zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen auftreten kann, die es hier ja nicht mehr gibt. Hier gibt es nur noch Mittelstand im mittleren Alter. Mein Kind wird zum Beispiel nicht daran gewöhnt sein, auf der Straße auch mal alten Leuten zu begegnen.
„Wir haben die Stadt zum Dorf gemacht“ heißt das erste Schwerpunktthema der neuen 12-seitigen taz.berlin-Wochenendausgabe, die am Samstag erscheint. Darin zusätzlich zu diesem Thema: ein Essay, ein Interview mit einem Stadtforscher sowie drei Porträts.
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