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momentaufnahmenWenn die Kerze beim Ziehen krumm wird

Auf dem Vorhof der Föhrer Kerzenscheune wird geschnattert, Kinderquaken und Jauchzer durchbrechen den Wind. Die Kleinen sind eingepackt in zu große Schürzen, halten Holzgriffe mit je vier langen Dochten vor sich. Nach jedem Bad im Wachsfass müssen sie ihre Kerzenzöglinge um den Ahorn im Hof spazieren tragen, um die neue Schicht trocknen zu lassen: Grün. Grün. Blau. Blau. Lila. Lila.

Auf der Bank vorm Café sitzen zwei Elternpaare und beobachten ihre Kinder beim Lauf um den Baum. Jüngere Geschwister quengeln, wollen mit Kuchen oder Eis ruhiggestellt werden. Ein Junge rennt auf seine Eltern zu: „Schau, bin fertig!“ Unterm Arm in Brotpapier geklemmt vier Kerzen in Blau und Grün. Die äußerste Wachsschicht perlt leicht; es schmatzt, als er sie aus der papiernen Umarmung löst.

Nieblum,

500 Ein­wohner:innen,

ist eine Gemeinde auf der Insel Föhr im Nordwesten Schleswig-Holsteins. Auf Dänisch heißt der Ort Niblum, auf Nord­friesisch Njiblem.

„Schön!“, sagt der Vater, „aber guck mal, die hier ist ein bisschen krumm“, hält er eine der Kerzen ins Licht. „Warte, ich bieg sie mal …“ „Nein!“, will der Junge dazwischengehen, aber es ist schon zu spät. Zwei wächserne Bruchteile bröseln in der Handfläche. Zum Schnattern, Quaken, Jauchzen gesellt sich ein spitzer Schrei. Pauline Cruse

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