Wachschutz an Schulen: Aufpasser machen sich beliebt

Seit zwei Monaten arbeiten Wachschützer an der Karl-Weise-Grundschule in Neukölln. Statt Schülerausweise zu kontrollieren, spielen sie schon mal mit - oder geben Rat.

Sollen sicherer lernen: Berliner Schüler Bild: AP

Wie Angehörige einer paramilitärischen Einheit wirken sie nicht. Eher wie BVG-Fahrer, die sich verirrt haben: In dunkelblauen Blousons und passenden Hosen stehen Christian Schiller und Petra Laudan mitten im Große-Pause-Getümmel auf dem Hof der Karl-Weise-Grundschule in Neukölln. Nur der Schriftzug auf dem Rücken ihrer Jacken verrät ihre ganz spezielle Aufgabe: "Germania Wachschutz" steht da. Die Karl-Weise-Schule ist eine der 13 Neuköllner Schulen, die seit zwei Monaten von dem Wachdienst beschützt werden. Insgesamt drei Grundschulen sind darunter. Von Schulbeginn an bis zum Nachmittag sind Schiller und Laudan an der Schule, patrouillieren im Innern des Gebäudes und auf dem Schulhof und machen auch mal einen Gang um den Block. Die Wachdienste Schülerausweise werden hier an der Grundschule - anders als bei den höheren Schulen - nicht kontrolliert. Von den meisten SchülerInnen werden die beiden Sicherheitskräfte ignoriert, nur ein paar Vorwitzige trauen sich mit Fragen heran: "Wie heißt du? Arbeitest du hier?" Die drei Fünftklässlerinnen Hanan, Fay und Paula finden es okay, dass die Wachschützer jetzt da sind: "Ist doch gut, wenn hier jemand aufpasst!" Wachschützer Christian Schiller freut sich über die Annäherungsversuche der Kinder. Er sei "geprüfte Werkschutzfachkraft und seit 23 Jahren in der Sicherheitsbranche", erzählt er. Die Arbeit an der Schule mache mehr Spaß, als nachts leere Industriehallen zu bewachen. Der freundliche kleine Mann mit dem blonden Schnauzbart hat selbst drei Kinder, die in Neukölln zur Schule gehen. Bei Regen spielt er mit den Schülern und Schülerinnen der Karl-Weise-Schule gerne auch mal "Mensch-ärgere-Dich-nicht". "Du bist eine alte Frau!", sagt ein Kind zu Petra Laudan. Die 43-Jährige nimmt es gelassen. "Manche haben eben schlechte Umgangsformen." Früher hat sie als Horthelferin gearbeitet. Als Wachschützerin hat sie sich gezielt für den Job an einer Schule beworben. Die Kinder kämen auch mal mit ihren Problemen zu ihr, erzählt sie: "Wir sind dabei, eine große Familie zu werden." Auch die Zusammenarbeit mit den LehrerInnen laufe gut: "Wir arbeiten Hand in Hand." Mit dem Schlichten von Streitigkeiten der GrundschülerInnen untereinander haben die Wachschützer der Karl-Weise-Schule wenig zu tun. Die Bedrohung, vor der sie die Kinder hier beschützen sollen, kommt von außerhalb. Schon zweimal hat der Wachdienst in brenzligen Situationen eingreifen müssen. Einmal war eine Klasse auf dem Heimweg vom Eisstadion zur Schule von älteren Kindern angegriffen worden. Ein anderes Mal drohten Jugendliche die Weihnachtsfeier der Schule zu stören. Die Wachschützer konnten sie beruhigen. Schulleiter Klaus Hartung ist nicht nur deshalb froh über seine Wachleute. Obwohl er sie nicht selbst auswählen konnte, hat er ziemlich genau bekommen, was er sich gewünscht hat: "Wir wollten keine jung-dynamischen, goldkettchenbehängten Sonnen- und Fitnessstudio-Freaks." Ihm gefällt, dass seine Wachschützer Erfahrung im Umgang mit Kindern haben: "Sie sind der Sache absolut gewachsen", findet Hartung. Er hofft, die beiden künftig noch ein wenig mehr in den schulischen Alltag einzubinden: "Aber sie können sich ja auch nicht mit den Kindern ins Musikzimmer zurückziehen und eine Band gründen!" Dann wären sie nämlich vielleicht nicht schnell genug vor Ort, wenn wieder etwas passiert. Als Rektor der Schule ist Hartung zwar nicht Vorgesetzter seiner WachschützerInnen, hat aber "temporäre Weisungsbefugnis". Und regelmäßig kontrolliert ein Mitarbeiter der Germania vor Ort, ob die WachschützerInnen ordentlich ihren Dienst tun. Etwas würde der Schulleiter doch gerne verändern: die Uniform der Wachschützer. "Die könnte etwas legerer sein. Und es müsste ja auch nicht ausgerechnet 'Germania' hinten draufstehen." Fortsetzen will Hartung die Arbeit mit dem Wachschutz im nächsten Schuljahr aber auf jeden Fall. Wie laut Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) auch alle anderen Schulen, die das Angebot des Neuköllner Bezirksamtes bislang wahrnehmen. Gerade hat Schimmang ein neues Schreiben an die 68 staatlichen Schulen seines Bezirks geschickt hat - mit dem Angebot, den Einsatz der Sicherheitskräfte weiter auszudehnen. Auch wenn er dann wahrscheinlich noch mehr Geld aus der Bezirkskasse "zusammenkratzen muss", so Schimmang: "Der Senat ist zwar in seiner Kritik an unserer Maßnahme etwas differenzierter geworden." Aber der Vorschlag der Neuköllner, der Senat solle den Wachschutz mitfinanzieren, "stößt nicht auf Gegenliebe", klagt er. Immerhin könnte mit der Ausweitung des Wachdienstes auf mehr Schulen eventuell Rektor Hartungs Problem mit den Germania-Uniformen gelöst werden. Bei großem Interesse nämlich muss das Bewerbungsverfahren für den Wachschutz-Auftrag neu ausgeschrieben werden - und zwar europaweit.

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