Vorwurf der verschwiegenen Provisionen: Unicef verliert Spendensiegel

Das Kinderhilfswerk Unicef hat sein Spendensiegel für Deutschland verloren. Begründung der zuständigen DZI-Stiftung: Unicef log über Provisionen.

Eine Marke, die zunehmend an Glaubwürdigkeit einbüßt: Unicef Bild: dpa

KÖLN taz Das seit Wochen in der Kritik stehende Deutsche Komitee für Unicef kommt nicht zur Ruhe. Am Mittwoch kam die nächste Hiobsbotschaft: Die bundesdeutsche Sektion des Kinderhilfswerks hat das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) verloren. Aufgrund des undurchsichtigen Geschäftsgebarens von Unicef Deutschland sei der Entzug "unumgänglich" gewesen, teilte das DZI mit.

Laut DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke hat Unicef gleich mehrfach gegen die Standards des renommierten Zertifikats verstoßen. So habe die Organisation "bei den jährlichen Spenden-Siegel-Prüfungen seit 2005 wahrheitswidrig behauptet, keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden zu bezahlen". Auch die Antworten von Unicef im Rahmen der jetzt erfolgten Nachprüfung seien "nicht von uneingeschränkter Offenheit getragen" gewesen. Vielmehr hätten sie zum Teil sogar "eher zur Verschleierung der Sachverhalte" beigetragen.

Weiter kritisiert das DZI, dass potenzielle Spender nicht über mögliche Provisionszahlungen aufgeklärt worden seien. So habe das Hilfswerk einräumen müssen, "dass die von erfolgsabhängig bezahlten Fundraisern angesprochenen Personen in der Regel nicht über den besonderen Vergütungsmodus informiert wurden". Zudem habe Unicef "gegen den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit verstoßen".

Hierbei geht es um den skandalösen Umgang mit einer 500.000-Euro-Spende der Handelskette Lidl, die eigentlich Tsunami-Opfern zugutekommen sollte. Das Geld hatte der damalige Lidl-Chef Stefan Rohrer im Januar 2005 Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs bei einer Gala in Berlin direkt zugesichert. Kurz darauf überwies der Discounter das Geld. Warum allerdings anschließend Unicef einen an dieser Spende völlig unbeteiligten Fundraiser mit einer Provision in Höhe von 30.000 Euro beglückte, kann das Kinderhilfswerk bis heute nicht schlüssig erklären. "Unicef konnte dem DZI trotz mehrfacher Nachfragen, und obwohl es zwischenzeitlich den gegenteiligen Eindruck erweckte, nicht belegen, dass zwischen dieser Vergütung und dem Zustandekommen der Spende ein sachlicher Zusammenhang besteht", heißt es dazu in der DZI-Mitteilung.

Angesichts der "gravierenden Leitungs-, Aufsichts- und Managementmängel und des unzureichenden Auskunftsverhaltens" forderte DZI-Geschäftsführer Wilke: "Eine durchgreifende Erneuerung der Strukturen von Unicef Deutschland ist jetzt nötig." Nur dadurch bestehe die Chance, das Spendensiegel zurückzuerhalten. Das ist aber ohnehin erst nach Ablauf eines vollständigen Geschäftsjahrs möglich - also frühestens 2010. Das DZI-Siegel ist das einzige Qualitätszertifikat für Spendenorganisationen und muss jedes Jahr neu beantragt werden.

In der Unicef-Zentrale in Köln wurden die Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung am Mittwochmorgen über die schlechte Nachricht informiert. "Dieses Urteil trifft uns hart", sagte der Interimsvorsitzende Reinhard Schlagintweit. "Wir waren nicht darauf vorbereitet." Er wisse, "dass schwere Fehler gemacht wurden", räumte der 79-jährige Exdiplomat ein. Das seien aber "Einzelfälle". Nichtsdestotrotz werde Unicef nun "mit allen Kräften an die Reform unserer Arbeit und unserer Strukturen gehen", versprach der Nachfolger der Anfang des Monats zurückgetretenen Heide Simonis. Eine neue Unicef-Spitze soll am 10. April auf einer Mitgliederversammlung in Köln gewählt werden.

Der ebenfalls demissionierte Unicef-Geschäftsführer Garlichs geht nach taz-Informationen nach wie vor in der Kölner Unicef-Zentrale ein und aus. Wegen seiner umstrittenen Geschäftspraktiken gilt Garlichs als für die gegenwärtige Unicef-Krise Hauptverantwortlicher. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Untreue.

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