piwik no script img

SanssouciVorschlag

■ Auch was zum Zuhören: Blumfeld im Club Gérard Philipe

So kann es gehen. Da schreibt man sein Leben lang Songs, oder genauer gesagt: Lieder, wird auch irgendwann noch richtig erfolgreich damit, aber niemand kümmert sich um die Musik. Nicht einmal HipHop hat so mit dem Problem zu kämpfen, daß die Textebene die musikalische völlig überlagert. Ob nun die taz oder Spex, wo es sechs satte Seiten interpretatorische Hilfe für den Lyrikwilligen gab, der Herr Distelmeyer wird allein als Dichter und politischer Mensch wahrgenommen. Daß er sich sicherlich auch als ein solcher sieht, ist unbenommen, aber ja wohl nicht nur, sonst hätte er ja gleich die anderen beiden Blumfelder rauswerfen und die gesamte neue Platte „L'Etat et Moi“ so wie das Titelstück instrumentieren können – nämlich gar nicht. Der Jochen Distelmeyer ist nämlich auch Musikant und macht als solcher nicht nur Lyrik, sondern eben auch Musik.

Mehr als das Wörtchen „Pop“ verliert kaum eine Rezension und ergeht sich statt dessen in Querbezügen, Zitatforschungen, Politeinschätzungen und Bedeutungseinordnungen. Sicher auch berechtigt, aber warum wohl wird dann nicht einfach die Textbeilage ohne CD verkauft? Und warum sollte man dann gar in ein Konzert des Hamburger Trios gehen? Eben weil da doch noch viel mehr bleibt als das intellektuelle Interpretationsspielchen, eben weil es da auch etwas zu hören gibt. Eben weil Blumfeld nicht nur politisch relevanter Pop, sondern halt auch Pop sind.

Die Melodien, die Distelmeyer benutzt, sind meist sehr naheliegend, so gut wie immer an den Worten und an der Harmonie entlang gefunden. Die Gitarren versuchen sich nicht im Rockhandwerk, sondern suchen den schlichtesten Weg, auf dem Struktur nur mehr durch Leise-Laut-Verschiebungen entsteht. Fast könnte man glauben, Distelmeyer, Bohlken und Rattay suchen in den Klängen eine kindliche Unschuld, die ihnen kurz vor dem Gymnasialabschluß verlorengegangen ist. Ein Suchen, das sicher auch manchen der Texte beherrscht, aber das Ziel ist ungleich leichter mit Tönen zu erreichen.

Blumfelds Leistung ist denn auch vor allem, diese beiden so gegensätzlichen Wege zu harmonisieren, den Kopf dem Bauch wieder ein Stück näher zu bringen. Oder weniger pathetisch gesagt: Die Texte hörbar, ja sogar ein wenig besser verstehbar zu machen. Und das ist doch viel mehr, als man sonst über Popmusik sagen kann. Was dabei entsteht, ist eine klare, helle, ja fast reine Musik. Eine Musik, die viel, viel Raum läßt. Und diesen Raum nutzen die Worte erfolgreich. Thomas Winkler

Blumfeld (mit Tocotronic), heute, 20 Uhr, im Club Gérard Philipe, Karl-Kunger-Straße 29, Treptow.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen