■ Vorschlag: Tanz auf dem Dach in die Nacht: "Ort 1" mit der Gruppe Rubato
Verkehrslärm tost, irgendwann läuten Kirchenglocken, zumindest einer der unzähligen Riesenkräne dreht sich noch, abends um acht auf der größten Baustelle Europas. Mittendrin befindet man sich und doch ganz weit weg, oben auf dem Dach des Weinhauses Huth, dem einzig verbliebenen, weil denkmalgeschützten Haus auf dem Potsdamer Platz. In den Räumen hat die debis ihre Zentrale errichtet und obendrüber präsentiert nun die Tanzgruppe Rubato „Ort 1“. Minimalismus pur, von Jutta Hell für zwei Tänzer choreographiert.
Futuristisch wirken die weißen, wattierten, Samurai-Kluft mit Science-fiction kreuzenden Anzüge von Stephan Dietrich. Futuristisch muten auch die Bewegungen der Tänzer an. Jeder Neigungswinkel scheint zuvor am Reißbrett errechnet, und wenn die Tänzer sich anfassen, tun sie es mit einer geradezu unheimlichen Präzision. Sehr nah hat sich die Choreographin an das Architektur-Thema herangearbeitet: Wie Skulpturen erscheinen, trotz aller Bewegung, die Silhouetten der Tänzer, die sich gegen den dunkel werdenden Himmel abheben. Man beginnt sich für den kleinen Kratzer an Dieter Baumanns linkem Bein zu interessieren und für die Grübchen, die sich an den Ellenbogen von Imma Sarries-Zgones bilden. Für die Äußerungen eben, in denen sich der Körper als ein realer erweist.
Von ganz nah und ganz fern zugleich scheint das von einem stetigen Blaston überzogene Klangmaterial Wolfgang Bley-Borowskis zu kommen, das – sich fast unbemerkt in die Alltagsgeräusche einfügend – eine enorm verfremdende Wirkung entfaltet. Einmal stehen die Tänzer ganz dicht voreinander und vollführen mit merkwürdig angewinkelten Gelenken eckige Bewegungen und scheinen sich in einer höchst merkwürdigen, nur ihnen bekannten Sprache zu unterhalten (und diffus erinnert man sich an ein sehr süßes und sehr piepsiges Gespräch zweier Außerirdischer in „Krieg der Sterne“): Ein leider nur kurzer humorvoller Ausflug und der wohl schönste Moment des Abends. Michaela Schlagenwerth
20. bis 22. und 27. bis 29.9., 19.30 Uhr, Weinhaus Huth, Eingang über Potsdamer Platz, Kartenvorverkauf im Hebbel-Theater.
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