Vor der Kommunalwahl: Ort der rasenden Mütter

Kleinmachnow vor der Kommunalwahl: Jahrelang galt hier: Ossi gegen Wessi. Das ist vorbei. Von einem Miteinander kann aber keine Rede sein

An bürgerschaftlichem Engagement mangelt es in Kleinmachnow nicht. Fünf Initiativen bewerben sich um den Einzug ins Gemeindeparlament - mehr als die Zahl etablierter Parteien. Sie heißen "Bürger in Kleinmachnow" und "Wir in Kleinmachnow". So ähnlich die Themen auch klingen, die meisten agieren gegeneinander: Von einem Miteinander ist die Gemeinde vor den südlichen Toren Berlins weit entfernt. Es herrscht Burgfrieden nach den Jahren des Kampfes von alteingesessenen Ossis gegen zugezogene Wessis.

Vom "Kleinmachnow-Syndrom" sprachen Bonner Politiker in der Nachwendezeit, wenn sie über den Streit um Haus und Hof in Ostdeutschland redeten. Nirgends nahmen die Rückforderungsansprüche von Wessis ein ähnliches Ausmaß an wie in der Kleinstadt. Nicht ohne Grund: Die Alteigentümer witterten Geld und Gewinn in dem Ort, der traditionell Heimat von Künstlern und Schriftstellern - wie etwa Christa Wolf - war.

Auch die Lage nahe Zehlendorf war attraktiv. Viele Ex-DDR-Bürger mussten die Häuser verlassen, die sie ihr Zuhause nannten. Für die Zwangsumsiedler baute die Gemeinde ein eigenes Viertel am Ortsrand. "Ghetto" nannten es die Zornigen, die mit ihrem Hab und Gut ankamen.

"Das liegt hinter uns", sagt Gemeindekämmerer Michael Ecker. Auch wenn es noch viele ungeklärte Eigentumsfälle gibt, spielen inzwischen weniger die bestehenden Häuser eine Rolle als die Neubaugebiete: Kleinmachnow wächst enorm. Von 11.000 Einwohnern kurz nach der Wende ist der Ort auf mehr als 19.000 gewachsen. "Mit den vielen Kindern wächst eine Generation heran, für die Alt- oder Neu-Bürger keine Begriffe mehr sind", sagt Ecker.

Er sitzt im Rathaus und blickt auf das neue Ortszentrum, das im Zuge des Baubooms aus dem Boden gestampft wurde. Ein Springbrunnen plätschert, um den Platz gruppieren sich Boutiquen, ein Bücherladen und eine Pizzeria. Mütter bummeln mit Kinderwägen, Rentner erledigen im Penny-Markt den Tageseinkauf. Ecker hat recht, es ist Frieden eingekehrt in Kleinmachnow.

Trotzdem scheint das Zentrum symptomatisch zu sein für den Ort: Es ist nicht echt. Wie es denn aussieht mit dem Zusammenwachsen? Ecker setzt an: "Alt und Neu ist noch nicht so …" - er bricht ab - ".… also die Neuen sind noch nicht angekommen."

Wer durch die Gemeinde radelt, kommt von einer Fertighaussiedlung in die nächste. Zwischen älteren Einfamilienhäusern leuchtet ein rotes schwedisches Holzhaus, einem anderen haben die Kleinmachnower den Spitznamen "Barbie-Haus" gegeben - wegen der entsprechenden Farbkombination. Die Gemeinde erarbeitet derzeit für einzelne Viertel Gestaltungssatzungen, um zumindest äußerlich gemeinsam aufzutreten.

Viele sagen, die Neubürger seien schuld am fehlenden Gemeinsinn. Sie engagieren sich, wenn es um die Verkehrsberuhigung ihrer Straße geht, haben aber kein Problem damit, wenn in der Nebenstraße Tempo 70 gefahren werden darf. "Wenn die Sachfrage geklärt ist, kommen sie nicht mehr in die Gemeindevertretung", sagt Ecker.

Überhaupt der Verkehr. Er ist neben Schulen und der Frage, wer wie viele Wildschweine abschießen darf, das Hauptthema der Kommunalwahl. Viele Zugezogene pflegen die Rollenverteilung: Vati arbeitet in angesehener Stellung in Berlin, Mutti sitzt mit Uniabschluss und drei Kindern zu Hause.

"Das bringt das Problem der rasenden Mütter mit sich", so der Kämmerer. Die Sprösslinge müssten - wegen des vielen Verkehrs - mit dem Auto zur Schule gebracht werden. Nach Unterrichtsschluss geht es per Auto zum Ballett, zur Reitstunde und zum Klavierlehrer. "Die Mütter jagen durch Kleinmachnow", sagt Ecker. Abends, wenn die Kinder im Bett sind, treffen sich die Frauen dann in der Bürgerinitiative gegen den vielen Verkehr vor der Grundschule.

Ein Ost-West-Konflikt? Es klingt eher nach der Posse aus einer prosperierenden Gemeinde im Metropolenspeckgürtel, wie es auch um München oder Hamburg herum passieren könnte. Und es gibt inzwischen Bewohner, die hoffen lassen auf ein Ende der Querelen. Menschen wie die 40-jährige Frau, die mit Mann und zwei Kleinkindern vor einem Jahr in die Gemeinde gezogen ist. "Wir haben uns bewusst für ein altes Haus entschieden, wir wollten zu den Alteingesessenen", erzählt sie. "Hier ist es weitaus familiärer, als wir es aus Berlin kennen."

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