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Volha Hapeyeva.

wie fasst man ein jahr in hundert worte

jenseits

aber

wie nie zuvor bei mir selbst

das schwerelose

aber

auch der zementschmerz

als wäre es nicht zu hause sein

aber

als wäre es das doch

das leben in antonymen

in wörterbüchern überprüfe ich, was sie bedeuten

patria

locus natalis

heimat

welches davon ist radzima?*

die nachtigall wartet mit geschlossenen augen darauf

dass sich das erste blatt entfaltet

die wahre heimat gibt es nur im traum

alte schriftrollen geben mehr antworten als nachrichten

die ich seit einem jahr nicht mehr gelesen habe

und immer öfter spreche ich mit motten und vögeln

sie fragen nicht nach irgendetwas

sie sind einfach da

und erlauben

mir

Alle Texte aus dem Flucht-Schwerpunkt der taz und Podcasts zum Thema finden Sie unter taz.de/2015

einfach da

zu sein

wo es keine zeit gibt

und keine worte

*radzima, Belarussisch für Heimat

Aus: Volha Hapeyeva „Trapezherz“. Aus dem Belarussischen von Matthias Göritz. Literaturverlag Droschl Graz/Wien 2023, Seite 54–55. Auf Belarussisch in: Volha ­Hapeyeva „Pad asobnymi koǔdrami“, Skaryna Press, London 2024

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