Video der Woche: Bbbbündnerfleisch!

YouTube-Videos von Politikern müssen nicht peinlich sein: Der frühere Schweizer Finanzminister Merz steckte das ganze Parlament mit seinem Lachen an.

Kurz vor dem Lachanfall: Hans-Rudolf Merz. Bild: screenshot/youtube.com

Wenn Videos von Politikern bei YouTube zu sehen sind, zeigen sie meist peinliche Momente. Ob Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble seinen Sprecher öffentlich zurechtwies oder Günther Oettinger holpriges Englisch sprach – diese Clips hatten großes Fremdschäm-Potenzial.

Dass man als Politiker auch mit einem humorigen Video zum Internet-Star werden kann, hat dagegen der inzwischen pensionierte Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz bewiesen. Er hatte eine Rede über Fleischimporte und Zölle gehalten – eigentlich ein Garant für Langeweile.

Anlass für Merz' Rede Ende September war eine Parlamentsanfrage. Jean-Pierre Grin, einem Politiker der konservativen Schweizerischen Volkspartei SVP, war aufgefallen, dass die Schweiz bereits in der ersten Jahreshälfte fast soviel gepfeffertes Fleisch eingeführt hatte wie im gesamten Jahr 2009. Er befürchtete, dass Schweizer Bauern so gezwungen würden, ihr Fleisch günstiger anzubieten und wollte von Merz wissen, was dessen Behörde in dem Fall zu tun gedenke.

Merz, dessen Rede von seinen Beamten geschrieben wurde, ahnte, dass das Thema dröge werden würde: „Auf diese Antwort habe ich mich den ganzen Sonntag schon gefreut“, sagte der 68-jährige Polit-Profi zu Beginn süffisant. Was er den Abgeordneten dann vorlas, war eine Schachtelsatz-Rede im feinsten Bürokratendeutsch über die „Schweizerischen Erläuterungen zum Zolltarif“.

Je länger die Rede dauerte, desto verwirrter wurde Merz. Er kicherte, blickte immer wieder ins Plenum, schüttelte den Kopf und zuckte hilflos mit den Schultern. Als er den Abschnitt „sofern dadurch der Charakter einer Ware dieses Kapitels nicht verändert wird – Klammer – zum Beispiel Bündnerfleisch“ vorlas, konnte er sich nicht mehr halten: „Bbbbündnerfleisch!“ prustete er lachend heraus – und steckte damit auch die anderen Abgeordneten an. „Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich zwischendrin einfach nicht verstanden habe, was ich vorlas“, sagte er zum Schluss.

Bündnerfleisch wird gepökelt und gewürzt und ist eine Spezialität aus dem südöstlichen Kanton Graubünden. Da das Land jährlich große Mengen an Bündnerfleisch produziert, ist es auf Importe angewiesen. Bis zum Frühjahr wurden für gewürztes Importfleisch auch noch niedrigere Zölle erhoben als für ungewürztes.

Einige Zulieferer hatten deshalb getrickst: Sie brachten gepfeffertes Fleisch in die Schweiz und reinigten es dann, um die höheren Zölle zu umgehen. Der Bund hatte dies im Mai unterbunden: Fleisch mit ganzen Pfefferkörnern, die wieder abgewaschen werden können, muss nun wie ungewürztes verzollt werden. Dies verhindert zwar nur den extremen Missbrauch; weiter, so Merz in seiner Rede, könne er aber nicht gehen.

In der Schweiz machte Merz' Heiterkeitsausbruch gleich die Runde: Ein Radiosender produzierte einen „Bbbbündnerfleisch!“-Rap, und der Verband Bündner Fleischfabrikanten verteilte in Bern Bündnerfleisch-Packungen mit Merz' Foto – frei nach dem Motto: „Nie den Humor verlieren“.

Als Politiker war Merz, der sich Ende Oktober aus dem Bundesrat zurückzog, umstritten: Als er Kundendaten der Großbank UBS an die USA weitergab, wurde er heftig kritisiert; auch sein Handeln in der Libyen-Affäre gilt als ungeschickt.

Einer der letzten Termine in Merz' Polit-Karriere war ein Treffen mit Wolfgang Schäuble, bei dem beide ein Steuerabkommen unterzeichneten. Nur eine Woche später konnte man Schäubles Wutausbruch bei YouTube sehen. Das Internet dokumentiert inzwischen jeden Fehltritt – egal, ob sympathisch oder unsympathisch.

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