Uniproteste gedruckt: Blinde Flecke der Audimaxisten

Lang galt die Unilandschaft in Österreich als eine der besten in Europa. Nun toben Proteste und Streiks auf dem Campus. Darüber bringen Studenten ein Buch heraus.

Studenten besetzen das Audimax, den größten Hörsaal der Universität Wien. Dienstag, 27. Okt. 2009 Bild: AP/Ronald Zak

Keine Studiengebühren, keine Zugangsbeschränkungen - die österreichische Universitätslandschaft, die gleich einer paradiesischen Insel im europäischen Hochschulraum vor allem deutsche "NC-Flüchtlinge" anlockt, hat spätestens seit Beginn des Wintersemesters 2009 ein brennendes Problem. Das unausgewogene Verhältnis von Studierenden, Lehrenden und Studienplätzen und die Implementierung der Bologna-Struktur gaben den Ausschlag für einen massiven Studierendenprotest. Der Studienalltag in teils völlig überlaufenen Lehrveranstaltungen, der sich wiederum in hohen "Drop-out"-Raten niederschlägt, steht in völliger Diskrepanz zu dem positiven Idealbild eines freien Hochschulzugangs. Denn was nützt der quantitativ freie Zugang, wenn die Qualität der Bildung nicht gesichert ist?

Im Verlauf der Studierendenproteste, die ausgehend von und kulminierend in Wien durch die Besetzung des größten Hörsaals Österreichs vom 22. Oktober bis 21. Dezember andauerten, gab es im Rahmen basisdemokratischer Plena, heterogener Betätigungen in Arbeitsgemeinschaften und der Nutzung interaktiver Kommunikationskanäle viele Impulse, die Universitätspolitik neu zu beleben. Doch blieb das lösungsorientierte Handeln irgendwo zwischen den Streitparteien von Politikern, Universitätsrektoren sowie Studenten und Lehrenden auf der Strecke.

Zweifelsohne haben die Proteste einen bitter notwendigen Raum geschaffen, um sich den Debatten vor allem in Österreich, aber auch in Deutschland ausgiebig zu widmen. Mit der Bewegung, die den Namen "unibrennt" oder auch "unsereuni" trägt und noch bei der 10-Jahre-Jubiläumskonferenz des Bologna-Prozesses Mitte März in Wien zur Demonstration aufgelaufen ist, kann man sich seit Kurzem auch mit der Lektüre eines Buchs auseinandersetzen.

Unter dem nachhallenden "UNI BRENNT" entstand auf Initiative von protestierenden Studierenden im Verlag Turia + Kant eine Textsammlung, in der sich "Grundsätzliches, Kritisches und Atmosphärisches" zur Bewegung und zur Debatte universitärer Bildung in Form von Essays, Kommentaren, Reden oder Interviews vereint findet.

Neben Eckdaten wie dem "allgemeinen Forderungskatalog der Studierenden der Universität Wien", einem "erweiterten Forderungskatalog der Lehrenden- und Forschendenversammlung der Wiener Universitäten" und einem chronologischen Abriss der Proteste gibt es von den Studierenden vielfältige Berichte in dem Kapitel "Aus den besetzten Hörsälen" (mit Hauptaugenmerk auf Wien), wie etwa "unibrennt im Internet, Beobachtungen zu einer sich ändernden Protestqualität" oder "Zum subversiven Charakter gelebter audimaxistischer Politik". Neben einer kritischen Beleuchtung einer prekären Lehre im Kapitel "Arbeitsplatz Universität" wird außerdem in der 300 Seiten starken Beitragssammlung den bildungspolitischen Reflexionen und Anmerkungen vonseiten Lehrender, Intellektueller und Künstler viel Platz eingeräumt. Armin Thurnher, Chefredakteur der Wochenzeitung Falter und einer von vielen hinzugezogenen Stimmen des öffentlichen Lebens in Wien, hat in seiner im besetzten Audimax gehaltenen und hier abgedruckten Rede festgehalten, "dass externe Unterstützung für eine Besetzung überlebenswichtig ist". In diesem Sinne kommt es der Wirkung des Buchs zugute, dass es die universitäre Debatte zu einer gesellschaftlichen macht.

Vor allzu nostalgischen Rückblicken auf das goldene Zeitalter (neu-)humanistischer Bildungsideale ist man gefeit. Auch wenn Wilhelm von Humboldts emanzipatorischer Bildungsbegriff gern zitiert wird, wenn man im deutschsprachigen Raum gegen die Ökonomisierung von Bildung ins Feld zieht, so wird in "Die blinden Flecken der Audimaxisten" dagegengehalten, dass "ein vermeintlich freies Studium, bei dem jede/r studiert, was ihr/ihm gerade in den Sinn kommt, in der nur von wenigen Studierenden bevölkerten Humboldt-Universität möglich gewesen wäre, in Massenuniversitäten aber schlicht unmöglich ist".

Mit dieser (selbst-)kritischen Auseinandersetzung bezeugen die studentischen Herausgeber von "UNI BRENNT" stellvertretend ihr ernsthaftes Engagement und den Willen zur Mitgestaltung eines demokratischen Hochschulwesens. Das Buch ist weniger ein Resümee als ein Appell an die zuständigen Politiker und Rektoren, die brennende Uni nicht einfach auszusitzen.

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