Überm Kesselrand: „Esistsounheimlich still“
Vor einem Monat herrschte Krieg:Zwölf Tage lang bombardierten Israel und die USA den Iran. Nun herrscht Ruhe – keine gute Nachricht, sagen drei Iraner:innen, die in der Rhein-Neckar-Region leben. Sie blicken mit ganz unterschiedlichen Sorgen und Hoffnungen auf ihr Heimatland.
Von Sarah Weik
Anahita Azizi hat die Stille hassen gelernt. Sie war vier Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in den 1990er-Jahren den Iran verließ und die Familie politisches Asyl in Deutschland bekam. An viel kann sie sich nicht erinnern. Es sind Bruchstücke: ihre Wohnung in Teheran, Aufmärsche, die sie vom Fenster verfolgte. Nur eines bleibt ihr bis heute in Erinnerung: das Flüstern. „Meine Eltern haben ständig geflüstert.“ Manchmal, erzählt sie, hätten sie mitten in einem Gespräch ihre Stimmen plötzlich gesenkt. „Dieses Flüstern war so dunkel, so schwer.“ Noch schlimmer war es für sie, wenn ihre Eltern schwiegen. Selbst Jahre später, als sie längst in Deutschland lebten, habe ihre Mutter bei vielen Themen noch immer geflüstert.
Auch jetzt erträgt sie die Stille nur schwer. Einen Monat ist es her, dass Israel und die USA den Iran bombardierten. Ihre Ziele: Militärstützpunkte, Flugplätze, Nuklearanlagen. Israel erklärte, es wolle damit die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm ausschalten. Iran sei kurz vor der Fertigstellung der Atombombe, begründete Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Angriffe. Ob das stimmt, ist unklar. Klar ist jedoch, dass Israel auch gezielt hochrangige Militärkommandeure ins Visier nahm – und wohl auch Irans geistliches Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Der Iran schoss daraufhin Raketen auf Israel. In der Nacht zum 22. Juni griffen dann die USA in den Krieg ein und warfen bunkerbrechende Bomben auf die iranischen Atomanlagen in Fordo, Natanz und Isfahan. Zwei Tage später verkündete US-Präsident Donald Trump eine Waffenruhe. Beide Seiten beendeten ihre Angriffe und erklärten ihren Sieg. Mindestens 20 Anführer der iranischen Armee und der Revolutionsgarden starben bei den Angriffen, berichtet Israel. Aber auch über 400 Zivilisten. Chamenei überlebte in einem Bunker.
Seitdem herrscht Ruhe. Ein angespannte Ruhe. „Es ist so unheimlich still“, sagt Anahita. Sie hört kaum etwas von Freunden und Familienmitgliedern, die noch dort leben. Doch Schweigen, das hat sie gelernt, bedeutet selten etwas Gutes. Sie ist sich sicher: „Das war nicht alles, da kommt noch was.“ Auch Ramin vertraut der Ruhe nicht. „Alle Seiten sprechen zwar von Sieg, aber ich bin überzeugt davon, dass niemand seine Ziele bisher erreicht hat. Weder Israel, noch der Iran, noch die USA.“ Schließlich sei Chamenei noch am Leben und ungewiss, wie groß der Schaden an Irans Atomanlagen wirklich ist. Und aufgeben, dass kündigte der iranische Präsident Massud Peseschkian bereits an, will der Iran sein Atomprogramm „unter keinen Umständen“.
Immer in Sorge um die Familie
Ramin lebt seit zwei Jahren in Deutschland, machte in Heidelberg seinen Master. Verlassen wollte er den Iran schon viel früher, doch es dauerte, bis ihm die Ausreise gelang. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, um Familienmitglieder zu schützen. Mehr als einmal sorgte er sich schon um Verwandte und Freunde. Bereits sein Vater wurde verhaftet – zur Zeit der Islamischen Revolution Ende der 1970er-Jahre, die damals zum Sturz der Monarchie unter Schah Mohammad Reza Pahlavi führte und zur Rückkehr Ruhollah Chomeinis aus dem Exil. Er baute den Iran zu einer Islamischen Republik um und zerschmetterte damit die Hoffnungen vieler linker Gruppierungen, die in der Revolution für einen liberaleren Staat gekämpft hatten.
In diesen unübersichtlichen Zeiten kam Ramins Vater ins Gefängnis – aufgrund eines Missverständnisses, sagt Ramin. „Und er kam als ein anderer Mensch wieder raus.“ Seine Eltern hätten seitdem versucht, ihre Kinder davon abzuhalten, politisch aktiv zu werden. Erfolglos. Er engagierte sich in einem Jugendclub in seinem Viertel in Teheran. „Ich gab dort Englischkurse für Kinder und heimlich haben wir politische Diskussionen organisiert.“ Etwa darüber, wie der Iran liberaler, demokratischer werden kann. Wie alle jungen Männer musste auch Ramin seinen Wehrdienst absolvieren und bekam aufgrund seines Studiums eine Führungsposition. „Das war eine harte Zeit – dieser ständige Balanceakt zwischen der täglichen Berichterstattung, meinen eigenen Überzeugungen und der Verantwortung für die Jüngeren in meiner Einheit.“ Die bekamen während ihrer Zeit beim Militär oft Zweifel: an ihrem Glauben, an ihrer Führung.
Seit dieser Zeit verfolgt Ramin gezielt militärische Nachrichten. Er scrollt durch seinen Telegram-Account, er folgt mehreren Militärkanälen. „Ich wusste vor dem 13. Juni, dass etwas passieren wird“, sagt er. Er versuchte, seine Familie und Freunde zu warnen, wollte, dass sie Teheran verlassen. Sie blieben. Auch als der Krieg begann. „Anfangs dachten alle, es werden nur militärische Ziele angegriffen.“ Als die Einschläge näher kamen, auch Wohngebäude getroffen wurden, flohen sie doch aus der Stadt. „Ich hatte große Angst um sie. Das Internet funktionierte nicht mehr, auch Anrufe kamen nur selten durch.“ Nach ein paar Tagen häuften sich die Nachrichten über den Tod hochrangiger Militärs – und in Ramin keimte eine leise Hoffnung. „Es wurde klar, dass das eigentliche Ziel ein Regimewechsel war.“ Gespannt verfolgte er die Nachrichten, wartete aufgeregt auf diese eine, entscheidende Eilmeldung: „Ich bin sicher: Wenn Chamenei nicht mehr lebt, fällt das Regime auseinander – er hält alles zusammen.“ Genauso überzeugt ist er davon, dass ein Regimewechsel nur mit Hilfe aus dem Ausland möglich ist. „Wir haben doch gesehen, wie brutal das Regime jeden Protest, jeden Widerstand niederschlägt.“ Der Preis für einen erfolgreichen Aufstand, da ist er sich sicher, wäre viel zu groß. „Millionen Iranerinnen und Iraner müssten dafür ihr Leben lassen.“
Ramin hat die Brutalität des Regimes hautnah erlebt. Bei den Protesten vor drei Jahren, ausgelöst durch den Tod von Jina Mahsa Amini. Die 22-jährige kurdische Iranerin wurde im September 2022 von der Sittenpolizei verhaftet, weil ihr Kopftuch angeblich nicht richtig saß. Sie starb, vermutlich an einem Schädel-Hirn-Trauma, verursacht durch heftige Schläge. „Sie wurde ermordet“, sagt Ramin. Wie so viele junge Menschen damals gingen auch er und seine Freunde auf die Straße. „Das Krankhaus, in dem Jina starb, liegt ganz in der Nähe unserer Wohnung. Es war eine Welle von Menschen, die dorthin zog – und sie wurde immer größer.“ In den Tagen danach flammten überall im Land Proteste auf. Vor allem junge Menschen waren auf der Straße. Ihr Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ verbreitete sich auf der ganzen Welt.
Sanktionen und Bomben treffen stets die Bevölkerung
Auch Anahita nahm ihn auf. Erschüttert von den Bildern, die sie aus ihrem Heimatland erreichte, beschloss sie, aktiv zu werden. Nicht länger zu flüstern, sondern ihre Stimme zu erheben. „2022 gab es so viel Aufmerksamkeit für den Iran. Ich dachte: Jetzt muss sich etwas ändern.“ Gemeinsam mit der Mannheimerin Bahare Beverunge und anderen Mitstreiter:innen gründete sie die Initiative „Frauen Leben Freiheit Rhein-Neckar“. Sie organisierten Proteste, Lesungen, Ausstellungen, formulierten einen offenen Brief mit Forderungen an die politischen Verantwortlichen in Deutschland. Darunter unter anderem: die Beendigung aller Beziehungen mit der Islamischen Republik. Politisch, vor allem aber auch wirtschaftlich. „Deutschland ist für den Iran immer noch einer der wichtigsten Handelspartner. Die bisherigen Sanktiönchen reichen einfach nicht. Sie treffen nicht das Regime, sondern vor allem die Bevölkerung.“
Das kann Ahmed nur bestätigen. Der 27-Jährige, der lieber anonym bleiben will, lebt seit 2023 in Deutschland. Auch er kam für sein Studium in Heidelberg in die Region. „Ich wollte mich weiterentwickeln.“ Er berichtet, dass die wirtschaftliche Lage im Iran immer schwieriger wird. Der iranische Rial verliert rasant an Wert, die Preise steigen. „Die Sanktionen treffen das Volk hart, vor allem die Mittelschicht.“ Er kritisiert die Sanktionen ebenso hart wie den Angriff Israels und der USA. Im Gegensatz zu Anahita und Ramin will er die iranischen Machthaber nicht „diabolisieren“, wie er es formuliert. „Ich nenne es nicht Regime. Es ist unsere Regierung. Ist alles, was unsere Regierung tut, gut? Mit Sicherheit nicht – aber wo ist es das schon?“ Er sei offen für Veränderungen, was während der Proteste 2022 passierte, mache ihn traurig. Aber er ist überzeugt: „Diese Veränderungen müssen aus dem Inneren kommen. Nicht von außen.“ Damit habe das Land in seiner langen Geschichte schließlich nie gute Erfahrungen gemacht. „Die Briten, die USA, die Sowjetunion, Israel – so viele Länder haben sich schon eingemischt und nie ging es gut aus.“ Ihm bereitet die momentane Ruhe ebenfalls Sorgen. Jederzeit, davon ist er überzeugt, könne ein neuer Angriff Israels folgen. Er erzählt, dass er wenige Tage vor dem 13. Juni Onkel wurde. „Ich denke jeden Tag an meine Schwester und meinen Neffen. Kein Kind dieser Welt sollte Angst haben, von Bomben getroffen zu werden. Nicht im Iran. Nicht im Gazastreifen. Nicht in Israel.“
Hoffnung auf Freiheit mit und ohne Schah
Der Krieg, so sieht es Anahita, habe bisher nur eines erreicht: „Dass die iranische Bevölkerung zermahlen wird – zwischen den Bomben Israels und der Brutalität des Regimes.“ Schließlich handelten weder die USA noch Israel im Interesse der Menschen. „Ihre Ziele sind ganz andere.“ Selbst wenn Chamenei getötet worden wäre und das Regime zerschlagen: „Dass Israel im Iran als der große Befreier gefeiert wird – dieses Bild sehe ich nicht.“
Keine guten Voraussetzungen für einen Neustart. „Man kann nicht mit dem Flammenwerfer über ein Land hinwegfahren und dann erwarten, dass daraus etwas Nachhaltiges wächst.“ Dennoch hofft sie auf Unterstützung aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland. „Das Regime verspricht seinen Anhängern, gerade auch im Militär, Macht, Sicherheit und Geld. Wenn sich Deutschland überwindet und endlich wirksame Sanktionen einführt, könnte deren Unterstützung ins Wanken kommen.“
Diese Hoffnung hat auch Ramin. „In den Revolutionsgarden gibt es einige Superreiche, die nicht unbedingt am Regime hängen – aber an ihrem Geld.“ Solange aber die Streitkräfte hinter den Machthabern stehen, fürchtet er, werde jeder Versuch eines Umsturzes enden wie 2022. Damals dauerte es nicht lange, bis die Revolutionsgarde gegen die Protestierenden vorging. Erst mit Tränengas und Gummigeschossen, dann auch mit scharfer Munition. „Also protestierten wir im Auto.“ Doch die Gewalt der Einsatzkräfte wurde immer heftiger. Hunderte Menschen starben, Tausende wurden festgenommen, die Bewegung wurde brutal niedergeschlagen.
Was nun kommt? Niemand weiß es. Und die Wünsche für ihr Heimatland sind durchaus unterschiedlich. Ramin könnte sich eine konstitutionelle Monarchie vorstellen – mit Reza Pahlavi an der Spitze, dem ältesten Sohn des letzten Schahs. „Ich denke, er könnte viele Menschen im Iran zusammenbringen“, sagt er. Pahlavi lebt seit der Revolution von 1979 im US-amerikanischen Exil. Von dort rief er Ende Juni seine Landsleute zum Sturz des Regimes auf und kündigte einen Plan für eine 100-tägige Übergangsphase zur Demokratie an. Anahita sieht Pahlavi skeptischer, eine Monarchie wünscht sie sich nicht. „Aber ich denke, dass Pahlavi bei einem Regimewechsel durchaus eine Rolle spielen könnte. Als Teil einer Übergangsregierung.“
Denn klar ist: Wie auch immer eine neue Regierung aussieht, sie muss Menschen mit vielen unterschiedlichen Überzeugungen hinter sich vereinen können. Auch religiöse Menschen. Ahmed verweist dabei auf die Jahrtausende alte Kultur des Irans. „Und der Islam ist seit fast 15 Jahrhunderten Teil davon.“ Er berichtet, wie eine Freundin seiner Mutter, die aus Überzeugung ein Kopftuch trägt, deswegen während der Proteste 2022 von Demonstrierenden angegangen wurde. „Das kann doch nicht das Ziel sein“, sagt er.
Dass die Zukunft des Irans in den Händen der Bevölkerung liegt – diesen Wunsch teilen alle drei. Auch wenn Ahmed daran seine Zweifel hat: „Solange Iran Öl hat, werden sich andere Länder immer in unsere Angelegenheiten einmischen.“
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