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Tödliche Kugel sucht Mündung

■ Stahl-Krise beendet / Justiz und Polizei überbieten sich weiterhin in Unwahrscheinlichkeiten

Berlin (taz/dpa) – Verwirrspiel ohne Ende: Wolfgang Grams soll nun doch nicht mit seiner eigenen Waffe erschossen worden sein. Wie der Justizminister in Mecklenburg-Vorpommern, Herbert Helmrich (CDU), gestern in Schwerin erklärte, lasse die am Leichnam von Grams festgestellte „Stanzmarke“ weder auf die Verwendung einer Polizeipistole noch auf die von Grams schließen. Zu diesem Ergebnis kämen die Gutachter der Universitätskliniken Lübeck und Kiel in ihrem Obduktionsbericht. BKA-Chef Zachert hatte dagegen am Dienstag abend ein Gutachten des rechtsmedizinischen Institutes der Universität Münster angeführt, in dem eine „weitgehende Übereinstimmung“ zwischen dem Stanz- und dem Mündungsprofil der Waffe von Grams behauptet wird. Zacherts letzte Version daraufhin: Grams hat sich möglicherweise selbst getötet, als sich bei einem Sturz ein Schuß aus seiner Waffe löste ...

Helmreich, Vorgesetzter der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Schwerin, wollte die widersprüchlichen Gutachten nicht werten. Bisher lägen lediglich Teilergebnisse vor, die vollständigen Gutachten stünden noch aus. Von einer dritten Untersuchung in Zürich gebe es noch gar keine Ergebnisse. Auf die Frage, ob der sogenannte „dritte Mann“, bei dem es sich wahrscheinlich um einen V-Mann des Verfassungsschutzes handelt, bereits vernommen wurde, erklärte der Minister nur, man werde jeden heranziehen, der etwas zu den Vorgängen sagen könne.

Das Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Kritische Polizisten, Manfred Such, erklärte in Düsseldorf, es sei aufgrund polizeilicher Erfahrung nicht auszuschließen, daß Polizisten im Dienst auch andere als dienstlich gelieferte Waffen trügen.

Auch ein Sprecher der Polizeigewerkschaft räumte auf Anfrage ein, daß GSG-9-Beamte aus taktischen Gründen neben ihrer normalen Dienstwaffe eine weitere Waffe mitführen könnten, die ihnen „offiziell zur Verfügung gestellt wird“. Für die Theorie, ein Beamter habe Grams mit einer Pistole erschossen, die er privat mit sich führte und bei der anschließenden kriminaltechnischen Untersuchung nicht vorlegte, um nicht aufzufallen, gebe es aber keine realitätsnahen Anhaltspunkte.

Immer im Dienst: taz, die tageszeitung, Ihr Fachblatt für Handfeuerwaffen. wg

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