Tod eines Nigerianers in der Türkei: Von der Justiz abgeschmettert

Vor vier Jahren wurde ein nigerianischer Fußballer in einem Istanbuler Gefängnis von einem Polizisten erschossen. Einen Prozess gab es bis heute nicht.

Solidarität mit Festus Okey in Istanbul. Bild: Archiv

ISTANBUL taz | 20. August 2007 im Istanbuler Ausgehviertel Beyoglu: Der Nigerianer Festus Okey wird am Nachmittag zusammen mit einer Freundin wegen Verdachts des Drogenbesitzes festgenommen und zur Wache gebracht. Dort werden beide in getrennten Räumen verhört. Während der Befragung, so Okeys Freundin Mamaria Oga später, hört sie ihn plötzlich schreien; dann fällt ein Schuss. Festus Okey wird in ein nahes Krankenhaus gebracht, wo er kurz darauf stirbt.

Im offiziellen Polizeibericht heißt es, Festus Okey habe während seiner Vernehmung dem Polizeibeamten Cengiz Yildiz die Dienstpistole entreißen wollen. Bei dem Gerangel habe sich ein Schuss gelöst und Festus Okey wurde tödlich getroffen. Der Nigerianer war 2005 mit 23 Jahren nach Istanbul gekommen und wollte, wie viele afrikanische Migranten, sein Glück als professioneller Fußballer versuchen.

Freunde des Verstorbenen hegten erhebliche Zweifel an der Schilderung des Tathergangs. Wichtige Beweisstücke wie das Hemd, das Festus Okey an diesem Tag trug, sind der Polizei angeblich verloren gegangen. Das Hemd hätte Aufschluss über die Distanz und den Schusswinkel geben können. Obwohl die Polizeistation mit Überwachungskameras ausgestattet ist, gibt es keine Aufzeichnungen des Geschehens in dem Raum, in dem Festus Okey erschossen wurde.

Im Herbst 2007 wurde der Polizeibeamte Cengiz Yildiz wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Seither gab es 14 Anhörungen, doch ein Prozess hat noch nicht stattgefunden. Das Gericht wartet auf Dokumente aus Nigeria, die die Identität des Opfers bestätigen sollen, die vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR ausgestellten Ausweispapiere genügen ihm nicht. Freunde von Okey verweisen darauf, dass die türkische Regierung seine Identität bereits anerkannte, um seinen Leichnam nach Nigeria zu überführen.

Um den Prozess dennoch eröffnen zu können, versuchten verschiedene Organisationen und 170 Einzelpersonen durch das Einreichen einer Petition als Nebenkläger in dem Prozess aufzutreten. Sie wurden mit der Begründung abgewiesen, sie hätten keinen "unmittelbaren Schaden" durch den Tod von Okey erlitten. Im November 2010 erstattete der Vorsitzende Richter sogar Strafanzeige wegen Verleumdung des Gerichts gegen 120 UnterzeichnerInnen der Petition.

"Cengiz Yildiz wurde zwar versetzt, aber er ist immer noch im Dienst und trägt seine Dienstwaffe. Zu den Gerichtsverhandlungen bringt ihn sein Vorgesetzter höchstpersönlich in seinem Dienstwagen", empört sich Ahmet Ogun, ein Mitglied des MigrantInnen-Solidaritätsnetzwerks (Göçmen Dayanisma Agi).

Während der letzten Anhörung am 12. Juli 2011 verkündete der Richter nun, er würde auch für den Fall, dass Nigerias Regierung die Identität des Opfers nicht bestätigt, zum nächsten Termin den Prozess eröffnen und gleichzeitig ein Urteil verkünden. "Es ist natürlich ein Erfolg", bewertet die Rechtsanwältin Burcu Özaydin diese Entwicklung, warnt aber: "Sollten wir innerhalb der türkischen Justiz keinen Erfolg haben, werden wir den Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de