Susanne Fischer : Verlorene Hobbys
Die freiwillige Selbstausbeutung in meiner Umgebung ist bei 24/7 angekommen. Wie schön, die Freundin macht einen erholsamen Spaziergang. Jedenfalls schön für sie, ich müsste das nicht unbedingt wissen, es sei denn, sie will es gerade mir erzählen. Dann könnte sie mich ja mal anrufen. Dafür hat sie aber keine Zeit, weil sie ihren ruhigen Spaziergang filmen und bei Instagram posten muss. Mit wertvollen Tipps, wie man mal so richtig abschalten kann.
Also muss man sich offenbar seine Hobbys medientauglich aussuchen, damit sie Mehrwert liefern und der eigenen Scheinperson ausreichend schmeicheln. Da wäre Spazierengehen nicht meine erste Wahl gewesen. Ich zum Beispiel spiele, in meiner Freizeit gern Saxophon, was meine Social-Media-Gemeinde freundlich liket, sich aber dann lieber nicht anhören möchte. Weil nur hippe Konzerte als Content taugen, dürfen sie nicht mehr zu meinen Auftritten kommen. Außerdem kann man auf meinen Instagram-Fotos nicht sehen, wie gut ich spielen kann. Das ist mit Absicht so. Sonst würde ich ja Videos posten.
Mein einziges echt weirdes Hobby kann ich leider nicht vermarkten, weil Filmverbot herrscht. Ich bin Schöffin an einem Landgericht; und da mal live gehen – „Herr Y wurde angeklagt, Herrn X gehauen zu haben, die Sachlage ist jedoch nicht eindeutig, weswegen auch Herr Z. heute als Zeuge geladen wurde … Herr Y, winken Sie mal? Das freut meine Follower!“ –, also das ist leider verboten. Übrigens ist mein Beispiel detailrealistisch gewählt; Frau Y, Frau X und Frau Z kamen bisher nur als Opfer oder Zeuginnen in den Gerichtssaal. Gewaltkriminalität ist immer noch eine Männerdomäne.
Gerichtsverhandlungen sind hierzulande nur öffentlich, solange man persönlich vorbeischaut. Bei aufsehenerregenden Fällen darf immerhin manchmal vorab im Gerichtssaal fotografiert oder gedreht werden.
Hier könnte die Firma Leitz übrigens ein völlig neues Geschäftsfeld erobern, denn einige Angeklagte hatten zwar keine Hemmungen, ihren Nachbarn zu schlagen, Frauen zu vergewaltigen oder jemanden zu ermorden, aber erkennen soll man sie hinterher bitte doch nicht gleich. Schon knallen sie sich einen hässlichen grauen Büroordner vors Gesicht. Da mal Farbe reinbringen! Motive entwerfen, passend zum Tatvorwurf vielleicht, oder grasende Unschuldslämmer im Grünen. Da gäbe es doch Möglichkeiten, das kalte Justizsystem etwasmenschlicher zu gestalten.
Neulich sah ich ein Plakat für einen Lost-Hobby-Flohmarkt. Passt, dachte ich, Amateur-Richterei ist ein ziemlich lostes Hobby, aber was soll ich damit auf einem Flohmarkt? Es gegen ein besseres tauschen, vielleicht will jemand Süßwasseraquaristik loswerden? Doch eigentlich ging es um verlorene frühere Hobbys, deren Zubehör man an Menschen weiterverkaufen sollte, die auch eines Tages mal ein Hobby verlieren möchten. Vielleicht könnte ich meine Ordnersammlung verkaufen.
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