Streiklicht: Die Pariser hamstern
■ In den Bezirken stimmt der Umsatz
Nachteile vom Streik? Der Chef des Supermarktes im 20. Pariser Arrondissement lacht verschmitzt: „Wir machen sogar ein gutes Geschäft.“ Statt des üblichen Wochenendausflugs zu einem der Hypermarchés zwischen Autobahnausfahrt und Métroeingang kaufen die Kunden in diesen Tagen am liebsten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein. Das spart Zeit und erleichtert den Transport, der in Ermangelung öffentlicher Verkehrsmittel und angesichts des Dauerstaus auf den Straßen zu Fuß stattfinden muß.
Auf der rue des Pyrenées, die sich durch das populäre Arrondissement zieht, pulsiert das Leben. Auf den Trottoirs schlängeln sich Radfahrer zwischen den Fußgängern hindurch. Einzig die Bushaltestellen der Linie 26 sind verwaist, und es stinkt nach den Abgasen des stehenden Verkehrs auf der zweispurigen Straße. Die Metzgerin ist wohlgemut. Auf ihre feste Klientel, die wegen der zarten Kalbslebern und frischen Hasen zu Madame kommen, kann sie sich verlassen. Ihr Gatte stellt sich auf eine kurze Nachtruhe ein. Wie jeden Mittwoch wird er heute auf dem Großmarkt Nachschub kaufen. Sicherheitshalber wird er drei Stunden früher als üblich losfahren.
Auch beim Zeitungshändler nebenan stimmt der Umsatz: „Die Leute wollen doch wissen, was los ist“, erklärt er. Das kommunistische Blatt L'Humanité, das detailliert über den Streik und die Demonstrationen informiert, geht weg wie warme Semmeln. Die Bäckerin gegenüber schimpft über die Enarchen – Abgänger der Eliteschule für Verwaltung (ENA) –, die das ganze Land unter Kontrolle haben. Premierminister Alain Juppé ist einer von ihnen – gegenwärtig der Bestgehaßte. „Die verbringen ihre Zeit mit ihresgleichen in den Palästen der Republik und haben nicht die geringste Ahnung, wie wir leben“, sagt die Bäckerin, die nichts gegen den Streik hat – solange die Elektrizitätswerker nicht den Strom abschalten.
Im Zentrum der französischen Hauptstadt ist die Stimmung anders. Dort waren am Samstag bereits 3.000 Geschäftsleute auf die Straße gegangen, weil sie seit Streikbeginn angeblich bis zu 40 Prozent Umsatzeinbußen haben. „Die Leute hasten an unseren Schaufenstern vorbei, zum Schlendern hat niemand Zeit“, sagt der Verkäufer in einem eleganten Kleiderladen. Statt Parfüm und Barbiepuppen kaufen die Pariser in den letzten Tagen verstärkt Zucker und Öl, Nudeln und Mehl. Der Supermarktchef im 20. Arrondissement muß die Regale mit den Grundnahrungsmitteln mehrfach täglich auffüllen. Panikkäufe wie während des dreiwöchigen Streiks im Mai 1968 seien das aber noch lange nicht, sagt er.
Der Patron über 40 Angestellte hat Verständnis für die Streiks und hat keineswegs vor, dagegen auf die Straße zu gehen. Was ihn jedoch beunruhigt, ist die Möglichkeit eines Lkw- Fahrerstreiks. Dann würde der Nachschub zusammenbrechen, und er müßte „ziemlich schnell technische Arbeitslosigkeit anmelden“. Einen Arbeitskampf in seinem Supermarkt kann er sich nicht vorstellen: „Unseren Angestellten geht es gut.“
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