■ Das Portrait: Stefan Heym
Stefan Heym, der am Samstag 80 Jahre alt wird, geriet zuletzt im Juli vergangenen Jahres in die Schlagzeilen, als er bei einer Lesung in Köln zum Opfer einer rüden Attacke wurde. Der streitbare Heym, der seinen pöbelnden Angreifer für einen Faschisten hielt, zahlte dessen Beschimpfungen kräftig zurück und wurde daraufhin von seinem Gegner brutal zusammengeschlagen. Der Mann entpuppte sich als früherer DDR-Bürger, der bereits seit 1957 in den USA gelebt hatte. Mehr noch als die Fausthiebe, kann man vermuten, muß Heym verletzt haben, daß er hier als Repräsentant des SED-Staates getroffen werden sollte.
hier Foto Nr. 19
Foto: vario-press
Ein solcher hat er auch als Nationalpreisträger (1959) niemals sein wollen. Seit dem 17. Juni 1953 war seine journalistische und literarische Arbeit ein Drahtseilakt zwischen der Kritik der versteinerten Verhältnisse und der Affirmation der sozialistischen Errungenschaften gewesen. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns, gegen die auch Heym protestierte, setzte diesem Kurs ein Ende. Heym, wie Christa Wolf 1978 aus dem Schriftstellerverband der DDR verstoßen, hatte genug vom eigenen „Rundlauf um den heißen Brei“.
Das Ergebnis seiner Abrechnung mit der Gründergeneration des Arbeiter- und Bauernstaates, der Roman „Collin“ (1979), konnte nur noch in der Bundesrepublik erscheinen. In der DDR wurde Heym seither ins Abseits geschoben und totgeschwiegen. Er fand ein neues Forum in der Friedensbewegung, die sich damals, angetrieben von apokalyptischen Ängsten, zu formieren begann.
Die achtziger Jahre, in denen Heym im Westen zum meistgelesenen Schriftsteller der DDR avancierte, endeten für ihn mit einer merkwürdigen Ironie. Stefan Heym gehörte nämlich neben Martin Walser zu den wenigen, die in jenen goldenen, geschichtslosen Jahren noch von der deutschen Wiedervereinigung sprachen. Als sie dann unverhofft stattfand, zeigte sich Stefan Heym von der neuen Unübersichtlichkeit ziemlich überfordert. Mit arroganten Attacken gegen die vermeintliche Konsumsucht der Ostler, vor allem aber durch den von ihm mitinitiierten, fatalen Aufruf „Für unser Land“ verspielte er die Chance, als jener Sprecher eines demokratischen Sozialismus gehört zu werden, für den er sich auch heute noch hält. Jörg Lau
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