Star-Komponist Mauricio Kagel ist tot: Neues Land, Neue Musik

Der deutsch-argentinische Komponist Mauricio Kagel war einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Musik. Jetzt ist er gestorben, doch seine Werke leben weiter.

Kagels Anti-Oper "Staatstheater" bekam wegen Fascho-Drohbriefen Polizeischutz. Bild: dpa

Er kam, kommentierte und verfehlte den Sieg: Mauricio Kagel. 1957 traf der polyglotte junge Mann zusammen mit seiner Frau, der Bildhauerin Ursula Burghardt, in Köln ein. Aus Buenos Aires, wo er 1931 zur Welt kam, brachte er die Erfahrungen eines literarisch gebildeten Komponisten und Kapellmeisters mit, dazu die eines alternativen Filmemachers. Und Aufbruchstimmung! Die peronistische Zensur, der sein Debütfilm zum Opfer gefallen war, hatte die Idee der Luftveränderung beflügelt.

Mit großer Dynamik und ebenso großer Skepsis mischte sich Kagel in die Szene der Neuen Musik ein, die damals in Köln ihr Zentrum hatte: undogmatisch und scharfzüngig. Was er an musikalischen Traditionen vorfand, wendete er alternativ (oft auch ironisch). Getrieben vom Willen zu Grenzüberschreitungen schrieb er so unterschiedliche Werke wie "Anagrama" (für Soli, Sprechchor und Ensemble), "Match" (eine kleine, aber höchst theatralische "Kampfszene" für zwei Celli und Schlagzeug), die elektronische "Transición" und "Hallelujah" für Stimmen.

Der Blick dieses Komponisten auf mitteleuropäische Kulturgepflogenheiten kam von außen und seine in rascher Folge präsentierten Arbeiten bereicherten den noch immer stark vom Serialismus bestimmten Markt der Neuen Musik. Am deutlichsten "Exotica" für außereuropäische Instrumente (1972) und "Mare nostrum - Entdeckung, Befriedung und Konversion des Mittelmeerraumes durch einen Stamm aus Amazonien". Dann auch die Salonorchesterstücke der Achtzigerjahre, die der Komponist den Himmelsrichtungen der südlichen Hemisphäre widmete.

Zur ästhetischen Erfahrungen der Moderne gehört, dass alle live gespielte Musik theatral ist. Wie wenig andere schöpfte Kagel aus ihr. Und immer wieder kommentierte er die ihm suspekte Musikgeschichtsschreibung oder Kritikermeinungsmache. Exemplarisch 1969 mit dem Film "Ludwig van". Die neuen Hör- und Seherfahrungen setzten im vorigen Jahrhunderts ja nicht nur in Konzertsälen oder an "alternativen" Aufführungs-Orten ein, sondern gerade auch in den hehren Musentempeln. Mit Kagels "Staatstheater", das 1971 in Hamburg Skandal und Furore machte, emanzipierten sich Requisiten und Kulissen zu selbständigen Akteuren. Alle Orchestermusiker stiegen aus dem tiefen Graben ins Rampenlicht und wurden auf Schienen über die Bühne hin- und herrangiert. Auch so kam Bewegung in die Verhältnisse.

Früh hatte Kagel mit "Sonant" und "Sur Scène" das entwickelt, was er dann als "Instrumentales Theater" bekannt und erfolgreich machte. Das "Zwei-Mann-Orchester" war eine kleine Sensation. Das große Solo "Der Tribun" für Lautsprecher und einen politischen Redner, der seine demagogischen Auftritte probt, rieb sich noch einmal an der Sprache der Diktatoren - ergänzt durch "10 Märsche, um den Sieg zu verfehlen". Das Gegenbild zum enthemmten Politiker blieb der Künstler: Die "Sankt-Bach-Passion" gedachte 1985 in säkularer Frömmigkeit des irdischen Leidens eines universellen Musikers und ironisierte nur am Rande einige Aspekte einer allzu gläubigen Bach-Rezeption.

Zu den polarisierenden Pionierwerken der Bundesrepublik gehört "Aus Deutschland" (uraufgeführt an der Deutschen Oper Berlin 1981). Kagel isolierte Texte bekannter Kunstlieder und einzelne musikalische Motive. Aus dem zertrümmerten Material entwickelte er einen neuen Tonsatz und Theaterkontext. Die kontrastreiche Szenenfolge reihte Schubert-Splitter an Goethe-Reminiszenzen und Hölderlin-Ragout. Die einen sahen in dieser "Liederoper" eine "Verhunzung" von deutschem Bildungsgut, andere sahen das Modell der Dekomposition als richtungsweisend.

Seit den Achtzigerjahren rückte Kagel dann selbst in die Nähe der Klassiker, deren Nimbus er einst zu durchkreuzen suchte. Er wandte sich von den theatralisch-kritischen Experimenten ab und konzentrierte sich auf das, was er "vollgültige Konzertmusik" nannte. Womöglich gab er dadurch ein Terrain preis, auf dem gerade er noch eine Menge hätte leisten können: Innovatives, das der große Magen des Musikbetriebs nicht so einfach verdauen kann. Mauricio Kagel gehörte dezidiert jenem kurzen 20. Jahrhundert an, das in politischer wie in künstlerischer Hinsicht bereits zu Beginn der Neunziger zu Ende ging. Am Donnerstag ist er in Köln gestorben.

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