Standbild: Spannershow
■ Bitte melde dich!, Reality-TV, SAT 1
Bitte melde dich!, Reality-TV, Sat.1, Montag, 22 Uhr
Daß sich der Sportjournalist Jörg Wontorra für nichts zu blöd ist, weiß man, seit er für die Bild- Zeitung „Wontis Olympia-Tagebuch“ verfaßt hat. Am Montag jedoch hat er alle Rekorde in Sachen Geschmacklosigkeit gebrochen: Als Moderator der Sat.1- Show „Bitte melde dich“ bringt uns der XY-Zimmermann für Herz-Schmerz erschütternde Schicksale ins Wohnzimmer. „Bitte melde dich“ – im Originalschriftzug der Bild-Zeitung – fahndet nach Menschen, die abgehauen sind.
Die Human-Touch-Show setzt naturgemäß auf Voyeure, die sich am Schicksal anderer ergötzen. Etwa am Fall Brigitte Löhnert. Eine Frau, die es nicht mehr aushalten konnte mit ihrem Mann und, hochschwanger, ihn und ihre vier Kinder im Januar 1992 verließ. Ein Fall für Wontis Spannerteam, gnadenlos halten sie drauf: „Brigitte, auch wenn Du uns nicht mehr magst, komm zurück, Mama und Papa wollen es so“, fleht der Verlassene in die Kamera, ein Kind auf dem Arm. Brigitte müßte wirklich verrückt sein, wenn sie zurückkehrt. Doch so einfach will Wonti es der Ausgerissenen nicht machen: Mit Catrin Herriger steht ihm eine Psychologin zu Seite, die, wie einst Doktor Korff in der Bravo, jeden Fall verständnisvoll analysiert: „Ich verstehe, daß Sie gehen mußten“, schmeichelt die Schweizerin und zieht die Psycho-Daumenschrauben an: „Traurig ist es schon, wegen den Kindern, sie sind doch die Mutter.“
Fünf Fälle stellt Wonti pro Sendung vor, alle nach dem gleichen Strickmuster. Betroffene stoßen mit tränenerstickter Stimme Komm-zurück-Rufe aus und geloben Besserung. Die Kameraführung unterstreicht die Gefühlsduselei mit vulgärpsychologischen Tricks: Immer wieder werden die Hände der „Opfer“ gefilmt, weil auch Lieschen Müller weiß: Hände verraten alles.
Als besonderes Bonmot liefert uns Wontorra zum Schluß eine geglückte Familienzusammenführung nach 37 Jahren. Die 80jährige Mutter des verlorenen Sohnes, die – wie wunderbar – bei laufender Kamera die Fassung verliert, starb elf Tage später: voller Frieden, weil sie ihren Sohn gesehen hatte, sagt Wontorra samtäugig und schaut, als ob er die Goldmedaille für glückliche Sterbehilfe verdient hätte.
Ab 11.1. bittet Boulevard- Wontorra montags live um 21.15 Uhr zum Spannen oder Mitschämen. Uns bleibt nur die Hoffnung, daß er bis dahin in irgendeine Abseitsfalle läuft. Michaela Schießl
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