Stadtplanung: Ein Pionier auf unsicherem Gelände

Auf einer Veranstaltung zur neuen Landesbibliothek gibt es hymnisches Lob – und eine offene Frage.

Einer von acht bislang prämierten Entwürfen für das neue Haus der Bücher Bild: MOA Architekten

Braucht Berlin eine neue Zentral- und Landesbibliothek? Wer die Situation in der Amerika-Gedenkbibliothek oder am ZLB-Standort Breite Straße kennt, wird sofort zustimmen. Die in die Jahre gekommenen Häuser sind in der Substanz marode, zu klein, wenig benutzerfreundlich. Kurz, sie entbehren jener Eigenschaften, die für eine zeitgemäße Bibliothek gelten sollen. Stadtplaner denken sich Bibliotheken heute nicht nur als Orte der Information, sondern auch der sozialen Kommunikation, Integration und des Bildungsvergnügens. Sie ersetzen heute vielfach den öffentlichen Raum als Ort der Begegnung.

Die Idee einer neuen ZLB, die die bisherigen Standorte samt ausgelagertem Magazin vereint, klingt also verlockend. Die am Montag in der Friedrich-Ebert-Stiftung anberaumte Veranstaltung mit einigen Protagonisten der Bibliotheksneuplanung sollte genauere Auskünfte zu „Idee und Umsetzung“ des Senatsvorhabens geben. Was dann kam, war eine Art Werbeveranstaltung, in der vor allem Kulturstaatssekretär André Schmitz das schon als „Wowereit Gedächtnis Bibliothek“ verspottete Projekt geradezu hymnisch pries: als „wegweisendes Kultur- und Bildungsprojekt“ für Berlin.

Freilich musste Schmitz zugestehen, dass die dreigeteilte ZLB schon heute mit 5.000 Besuchern am Tag Berlins meistfrequentierte Kultureinrichtung ist. Ein Neubau mit 52.000 Quadratmetern, fast doppelt so viel wie die jetzigen Standorte zusammen, könne die Besucherzahlen ab geplanter Fertigstellung 2020 noch einmal auf das Doppelte steigern, so Schmitz.

Wunderbare Effekte

Dass das nicht abwegig ist, zeigt die Erfolgsgeschichte der 2007 eröffneten Openbare Bibliotheek in Amsterdam (OBA). Ihr Direktor, Hans van Velzen, trat als Kronzeuge dafür auf, welch wunderbare Effekte eine Bibliothek auf die Stadt und ihre Bewohner haben kann. Die OBA funktioniert nach dem Konzept einer „Event Library“. Der offene und attraktive Bau lädt die Leute zum Verweilen ein, es gibt ein Theater, ein Restaurant, manche benutzen die Arbeitsplätze gar als Büroersatz. Die OBA ist sieben Tage in der Woche von 10 bis 22 Uhr geöffnet und scheint zu einer Art von sozialem Biotop geworden sein. Ähnlich erfolgreich funktioniert die Berliner Staatsbibliothek am Kulturforum – weil sie Aufenthaltsqualität bietet und Kontakte ermöglicht.

Schmitz führte Amsterdam aber vor allem deshalb als leuchtendes Beispiel an, weil die OBA als Pionierbauwerk ein neues Stadtquartier im Gefolge hatte. Das soll ja auch mit dem ZLB-Standort auf dem Tempelhofer Feld geschehen. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher erläuterte, warum eine Bibliothek an dieser eher dezentralen Stelle der Stadt positioniert werden soll. Es gehe nicht nur um die glückliche Paarung Bücherei/Park, sondern um die Entwicklung eines ganzen Quartiers (was die Parkanbindung schon wieder relativiert). Die Ergebnisse eines unverbindlichen Ideenwettbewerbs konnte man in der Ebert-Stiftung ebenfalls studieren. Die acht Projektvorschläge machen klar, dass es sich allein wegen der Baumassen um ein Großprojekt handelt. Dummerweise hat Berlin beim Handling solcher Vorhaben zuletzt wenig Geschick bewiesen.

Der ZLB-Lobpreis nahm im Laufe der Veranstaltung fast groteske Züge an, da die Kostenfrage – angeblich 270 Millionen Euro – völlig außen vor blieb. Und das, obwohl die CDU nach der finanziellen Hiobsbotschaft zum Zensus die Bibliothek offenbar „in eine ferne Zukunft“ verschieben will (s. S. 21). Schmitz erklärte schließlich auf Nachfrage, er gehe davon aus, dass die Bibliothek komme. „Das Projekt steht“, erklärte er tapfer. Man wird sehen.

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