Stadtentwicklung: Die Quadratur des Kreises

Einst waren Mitte und Kreuzberg Hochburgen der linken Szene, heute herrscht dort Schicki-Micki-Idylle. Auf einem Kongress diskutierten Aktivisten, inwiefern sie selbst zur Gentrifizierung beitrugen.

Das Kottbusser Tor harrt noch der Entdeckung als Szene-Kiez. Bild: AP

Bei einigen Immobilienspekulanten hat es sich bereits herum gesprochen: Was die Entdeckung von künftigen In-Kiezen betrifft - da hat die linke Szene einen guten Riecher.

Anlässlich der europaweiten Freiräumetage hat es am Wochenende auch in Berlin zahlreiche Aktionen gegeben: AktivistInnen besetzten am Freitag symbolisch das ehemalige Krankenhaus in der Hannemannstraße in Neukölln-Britz. Ein weiteres Gebäude in unmittelbarer Nähe des Bundeskriminalamts in Treptow wurde für kurze Zeit ebenfalls als "besetzt" deklariert. In beiden Fällen ist die Polizei laut Augenzeugen nicht eingeschritten. Die Besetzer verließen die Gebäude von selbst. Nervös waren die Einsatzkräfte im weiteren Verlauf aber dennoch: Unübersehbar viele Wannen waren in der Nacht auf Sonntag vor allem in Kreuzberg und Friedrichshain unterwegs: UnterstützerInnen der linken Hausprojekte in der Rigaer- und Libarstraße in Friedrichshain hatten spontan die Straße besetzt und unangemeldet ein Fest abgehalten. Zu Auseinandersetzungen ist es nicht gekommen.

Aktuelles Beispiel: Nord-Neukölln. Während die Allgemeinheit mit dem Reuterkiez noch gewalttätige Jugendbanden, Rütli-Schule und Hartz IV-Verwahrloste assoziierte, eröffneten linke StudentInnen vor nicht allzu langer Zeit in den leerstehenden Läden ihre ersten alternativen Szenetreffs. Nun vergeht kein Monat, in dem nicht zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee ein neues Café, ein Kreativunternehmen oder eine Modeboutique aufmacht. Kein Wunder, dass in diesem Teil von Neukölln nun auch die Mieten kräftig steigen.

Mit "Trüffelschweinen" verglich die Stadtsoziologin Karin Baumert diese zumeist linken KünstlerInnen und Studierenden in ihrem Beitrag für den Kongress "Right to the City - soziale Kämpfe in der neoliberalen Stadt", der am Wochenende im Mehringhof in Kreuzberg abgehalten wurde. Der Kongress fand im Rahmen der europaweiten Freiraum-Aktionstage statt (siehe Kasten).

Ihrer so genannten "Pionierrolle" sind sich viele Angehörige der linken Szene durchaus bewusst. Kommt es rasch zur Aufwertung des Viertels, verbunden mit höheren Mieten und der Verdrängung sozial Benachteiligter, würden sich viele eher um den Verlust der szeneeigenen Freiräume sorgen, heißt es in dem Aufruf zum Kongress. Die zentralen Fragen bei der Auftaktveranstaltung lauteten daher: "Wie können Brücken geschlagen werden von solchen partikularen Kämpfen zu den sozialen Fragen in einer neoliberalen Stadt? Wie können die Linken ihre Rolle als Pioniere der Aufwertungslogik innenstadtnaher Stadtviertel begegnen? Wie neoliberal ist die Linke selbst?"

Die Antworten zu diesen Fragen fielen auf dem Kongress ambivalent aus. Denn was die Veranstalter mit dem Begriff "Gentrifizierung" verteufeln, nämlich die Verdrängung von BewohnerInnen aus ihren Quartieren, weil Immobilienspekulanten eine lukrative Verwertung der Grundstücke wittern, stieß nicht bei allen Teilnehmern auf uneingeschränkte Zustimmung. "Ist dieser Teil von Neukölln nicht lange Zeit ein sozial benachteiligter Kiez gewesen?", fragte etwa ein Teilnehmer. Sei es nicht gut, dass sich in diesem Teil endlich was tut? Ein zweiter ergänzte: Stadtviertel seien immer sozialem Wandel unterworfen. Niemand könne einem Viertel ein bestimmtes Flair überstülpen und davon ausgehen, dass dies für immer so bleibe. Die zentrale Frage sei also: Wie lässt sich dieser Wandel sozialgerecht beeinflussen?

Linke Stadtentwicklungspolitik begründe sich auf allem darauf, so eine Teilnehmerin, dass Gentrifizierung nicht als Gott gegeben akzeptiert werde. Vielmehr müsse hinterfragt werden, warum der Verdienst an Wohnungen gesellschaftlich höher bewertet wird als das "Menschenrecht auf Wohnen". Beispiele, bei denen sich die BewohnerInnen gegen auf Rendite gierige Investoren zur Wehr setzen, gebe es in Berlin zuhauf: Dazu gehöre die Initiative gegen den Ausbau des Fichtebunkers in Kreuzberg ebenso wie der Widerstand gegen die Baumfällung am Landwehrkanal oder das Bürgerbegehren "Spreeufer für alle", mit dem AnwohnerInnen den weiteren Ausbau zu einem rein kommerziell orientierten Medienzentrum verhindern wollen. Und in der Tat: Hätte es Initiativen dieser Art in den vergangenen Jahren nicht gegeben, würde es heute überall so aussehen wie in der tot sanierten Marienstraße in Mitte oder am Kottbusser Tor.

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