Stadt des 21. Jahrhunderts: Müllberge und Dachgärten

Verstädterung, Klimawandel und Wassermangel: In Berlin diskutierten international führende Landschaftsarchitekten die Stadt des 21. Jahrhunderts.

Ob Müllhalde oder Lebensraum, das entscheiden die Stadtplaner. Bild: ap

Es war Joan Roig aus Barcelona, der die Tätigkeit eines Landschaftsarchitekten an diesem Abend am ehrlichsten auf den Punkt brachte: "Ich arbeite immer an hässlichen Orten, und ich fühle mich wie einer, der das Schlachtfeld aufräumt, nachdem die Ingenieure und Architekten abgezogen sind."

Da es auf den Umgang mit verwüsteten Landschaften spezialisiert ist, wird das Büro "Batlle i Roig Architects" regelmäßig auf den Plan gerufen, wenn Tunnel- oder Straßenbauarbeiten an der Periphere von Barcelona abgeschlossen sind. Dann versuchen die Architekten, Natur zurückzugewinnen, indem sie etwa beim Ausschachten entstandene Erdmassen nicht abtransportieren, sondern an Ort und Stelle belassen, Gras und Bäume darauf pflanzen.

Aber sehen so Parks aus, fragen dann die städtischen Auftraggeber, die sich darunter Wiesen und darauf spielende Kinder vorstellen. "Durchaus", sagt Roig, "sie sind natürlich nicht Versailles, aber ich bin ja auch nicht André Le Nôtre."

Im Frühjahr 2010 wird an der Berliner Akademie der Künste, zum fünfzigjährigen Bestehen des Hauses, eine Ausstellung mit dem viel versprechenden Titel "Die Wiederkehr der Landschaft" eröffnet. Die Stadt des 21. Jahrhunderts, so die These der Ausstellungskuratorin Donata Valentien, muss aus der Landschaft entwickelt werden. Zum Auftakt des Projekts, das im Rahmen der "Nationalen Stadtentwicklungspolitik" auch vom Bundesministerium gefördert wird, stellten am Mittwochabend der amerikanische Fotograf Alex MacLean und sieben an der Ausstellung beteiligte internationale Architekturbüros ihre Positionen vor.

Bekannt geworden durch seinen Band "Over - Der American Way of Life oder das Ende der Landschaft", lieferte MacLean an diesem Abend eine Zustandsbeschreibung aus der Vogelperspektive. Seit Jahren fotografiert er die Vereinigten Staaten aus einigen hundert Metern Höhe von seinem Leichtflugzeug aus: Inseln sattgrüner Golfanlagen inmitten der Wüste, Autobahnknoten, wilde Müllkippen und Schrottplätze an Flüssen, Trailerparks und Fertighaussiedlungen mit Garagen für bis zu drei Autos, ausgetrocknete Seen, ausufernde Stadtgebiete.

Von oben sieht man nicht, dass es sich um eine ökologische Katastrophe handelt. Die Bilder dieses Überfliegers taugen nicht als unmittelbare Warnung, denn sie sind atemberaubend schön. Erst durch die mitgelieferten Daten zu CO2-Emission, Zerstörung der Erdatmosphäre, Wasserverbrauch und Abfallwirtschaft wird das Bedrohliche dieser Lebensweise am Ende der Ressourcen bewusst.

Welche Vorschläge zur Wiedergewinnung machten nun die Landschaftsarchitekten?

Barbara Aronson vom Jerusalemer Büro "Aronson Architects", beschrieb, welche Rolle die Beschäftigung mit archaischen Landschaftsbildern für den Entwurf ihrer eigenen Umwelttechniken spielt. Neben den Umgebungen der Gedenkstätte Yad Vashem und des Flughafens Ben Gurion, hat das Büro auch die höchste Erhebung außerhalb Tel Avivs, den Hirija-Müllberg, umgestaltet. Diese Architekten können ihre gesamte Arbeit als topografisch-historische Geschichte erzählen und präsentierten die realisierten Projekte, als Markierungen auf Israels Landkarte.

Grundverschieden davon der Ansatz des New Yorker Architekten Ken Smith: Er orientiert sich an der Simulationstheorie von Jean Baudrillard und interessiert sich wenig für das Vorgefundene: Smith, geht davon aus, dass Situationen durch Ästhetik überhaupt vorhersagbar werden; in diesem Sinne verwirklichte er mit seinem Dachgarten auf dem Gebäude des New Yorker MoMA ein synthetisches Modell aus durch und durch synthetischem Material. Im Orange County Great Park entwickelt Smith soeben einen künstlichen Canyon.

Eine ideale Fusion zwischen Stadt und Natur versprechen die Arbeiten des Milaneser "Studio Boeri". Bei ihnen scheint es so, als seien die Gebäude, an deren Außenflächen Pflanzen gedeihen, dadurch selbst ins Stadium des natürlichen Wachstums übergetreten. Der "Bosco Verticale" (vertikaler Wald) ist ein Projekt für großstädtische Wiederaufforstung und sieht Zusammenballungen von Hochhäusern vor, auf deren geräumigen Terrassen bis zu neun Meter hohe Bäume wachsen. So schießen Gebäude und Pflanzen in vorbildlicher Eintracht in den Himmel.

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