Sprachlos in Peking: Plausch auf dem stillen Örtchen
Ohne Chinesischkenntnisse stößt man in Peking ständig an seine Grenzen. Selbst auf den Toiletten wird das Gespräch gesucht.
PEKING taz Große Kenner der chinesischen Sprache beherrschen 40.000 Schriftzeichen. Ich kann gerade mal zwei erkennen. Sprachlich klappt es auch nicht so, wie ich mir das wünschen würde. Für Smalltalk auf dem Klo reicht es jedenfalls noch nicht. Neulich traf ich auf einer der Gemeinschaftstoiletten in den Pekinger Hutongs einen Chinesen. Er kauerte auf einem Abort. Da keine Trennwände vorhanden waren, gesellte ich mich zu ihm. Er redete in einem fort auf mich ein. Ich konnte nichts sagen, nicht einmal meine Standardvarianten waren verfügbar. Im barbarischen Europa wird das Klo als Kontaktanstalt unterschätzt. Da plauscht man nicht, sondern versucht mit erledigtem Bedürfnis die Stinkestätte eilig zu verlassen. Anders der Chinese. Er findet wohl nichts Peinliches am gemeinsamen Geschäftemachen. Wo sich der Europäer schämt, scheint er souverän.
Die Sprachlosigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch unseren Pekingbesuch. In Restaurants bemühen wir uns mit Hilfe eines Büchleins um korrekte Aussprache und werden doch nur mit großen Augen angeschaut. Das Handy schafft Abhilfe. Die Barbaren sollen ja nicht hungrig in ihr Lager zurückkehren. Also ruft der Wirt entweder einen Freund an, der Englisch kann - oder es taucht ein kleines, etwa siebenjähriges Mädchen auf, das mit ihrem Handy virtuos umgehen kann. Nachdem sie geklärt hat, dass wir deguo-ren, also Deutsche sind, steuert sie auf ihrem Mobilgerät das englisch-chinesische Wörterbuch an und vermittelt zwischen der doch etwas begriffsstutzigen Kellnerin und uns. Als die Bedienung meinen Speisewunsch vernimmt, kann sie ihren Ekel kaum verbergen. Aber warum? Was ist so schlimm an Spinat? Oder hat sie wie ich den Koch gesehen, der vom Geschäftemachen gekommen ist, ohne sich die Hände zu waschen?
Auch im Taxi wird unsere Sprachbehinderung offenbar. Das Reiseziel sollte man dem Fahrer schon in chinesischen Schriftzeichen zeigen können, sonst kanns passieren, dass man im wunderbar klimatisierten VW Jetta sitzt, sich schon am Ziel seiner Träume wähnt, doch das Auto bewegt sich keinen Zentimeter. Mit Stadtplänen, so mussten wir erfahren, kommt man in so einem Fall nicht weiter. Weil wir ohne Sprache sind, ergeben wir uns notgedrungen in unser Schicksal. Wir können nicht nach den Warums und Wiesos fragen, die überall in dieser riesigen Stadt herumschwirren. Dabei möchten wir doch wissen, weshalb die Herrscher der Spiele die Stadt mit tausenden von Kilometern Trassierband in einen Hindernisparcours verwandelt haben und warum es im Hutong so heimelig ist. Die Barbaren werden es wohl nie erfahren.
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