Sportjuristin über DFB-Zoff: „Keller scheiterte an sich selber“

Sylvia Schenk möchte beim Deutschen Fußball-Bund mit Expertise aushelfen. Dem Ex-Präsidenten Fritz Keller gibt sie eine Mitschuld an der DFB-Krise.

Ex-DFB-Präsident Fritz Keller im Freiburger Stadion.

„Ein Trauerspiel“: DFB-Präsident Fritz Keller hat seinen Rücktritt angekündigt Foto: Uli Deck/dpa

taz: Frau Schenk, Sie haben dem an einer akuten Führungskrise leidenden Deutschen Fußball-Bund – Präsident Fritz Keller hat nun auch seinen Rücktritt angekündigt – Ihre Hilfe angeboten. Warum?

Sylvia Schenk: Weil man das Trauerspiel um den DFB einfach nicht mehr mit anschauen kann. Im Kern ist der DFB sehr wichtig. Da wird total gute Arbeit geleistet, von der Basis in den Vereinen bis zu den Hauptamtlichen in der DFB-Zentrale. All das geht völlig unter angesichts des Bildes, das der DFB derzeit in der Öffentlichkeit abgibt. Wenn man sich anschaut, dass wir uns sowohl im internationalen als auch im nationalen Fußball in einer Zeit befinden, in der große Weichenstellungen anstehen, dann ist es von immenser Wichtigkeit, dass der DFB gut aufgestellt ist. Genau das ist derzeit definitiv nicht der Fall. Deshalb will ich meine Mithilfe anbieten, zumindest für einen Übergangszeitraum.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass der DFB zumindest kein hoffnungsloser Fall ist.

Nein! In diesem Verband steckt ganz viel Kraft, sonst hätte er sich die ganzen Eskapaden in den letzten Jahren gar nicht leisten können. Ein schwächerer Verband wäre längst untergegangen.

Die ehemalige Leichtathletin ist seit Januar 2014 Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International Deutschland.

Wie sähe Ihre Erste-Hilfe-Maßnahme aus?

Als erstes muss man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sagen, dass sie wichtig sind und eine gute Arbeit machen. Und man muss schauen, an was in den einzelnen Bereichen gerade gearbeitet wird. Ich habe über die letzten Jahre mitbekommen, dass sich Dinge immer wieder verzögert haben, obwohl sie vorbereitet waren. Das Menschenrechtskonzept lag beispielsweise über zwei Jahre auf dem Tisch und wurde nicht verabschiedet. Zudem müsste man diese ganzen Steuerfragen, also all das, was da noch bei den Finanzbehörden und der Staatsanwaltschaft liegt, grundlegend analysieren und in Ordnung bringen, sodass die Dinge endlich geklärt werden können. Auch die geplante Strukturumstellung, die vorsieht, einen Teil in eine GmbH auszugliedern sowie den eher gemeinnützigen Bereich im e. V., also im Verband, zu belassen, ist meines Wissens immer noch nicht konsequent umgesetzt.

Und das würden Sie angehen?

Mein Vorschlag wäre: Einen Übergangszeitraum mit unabhängigen Personen anzustreben, die sagen: „Ich helfe – und danach bin ich wieder weg.“

Ist das ein probates Mittel, um jahrzehntelange Vetternwirtschaft und die daraus entstandenen Seilschaften zu zerschlagen?

Das wird sich zeigen. Auf jeden Fall sollte man auch beim DFB zu einer Amtszeitbegrenzung kommen, so wie man es witzigerweise aus deutscher Sicht bei der Fifa gefordert hat, als dort die großen Skandale losbrachen. Das ist etwas, was heutzutage zu moderner Führung dazugehört. Es geht darum, dass jede handelnde Person die eigene Rolle kennt. Nur so erhält man eine Machtbalance mit klaren Verantwortlichkeiten zwischen dem operativen Geschäft durch das Hauptamt und der Kontrolle durch das Ehrenamt. Wobei das Präsidium meines Wissens in den vergangenen Jahren nie ehrenamtlich tätig war. Fritz Keller hat meines Wissens 260.000 Euro pro Jahr bekommen, DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge 150.000, und Vize Rainer Koch wird zumindest sein Richtergehalt vom DFB gezahlt. Das ist alles kein Ehrenamt.

Hat der Deutsche Fußball-Bund auch ein Demokratiedefizit?

Nein. Wir haben ja auch in der Bundesrepublik eine repräsentative Demokratie. Die Frage im Sport ist eher, wie so eine Demokratie gelebt wird.

Die Grabenkämpfe zwischen der Amateur- und der Profifraktion im Verband gibt es schon seit Jahrzehnten, sie sind quasi Tradition und scheinen unüberbrückbarer denn je. Wäre es am Ende vielleicht sogar besser, eine komplette Trennung vorzunehmen nach dem Motto: Der DFB kümmert sich ausschließlich um die Belange der Amateure, die DFL um jene der Profis?

Solange die Männer-Nationalmannschaft aus Profis, die in der DFL spielen, besteht, ist eine völlige Trennung ja unmöglich. Es wird immer Schnittstellen geben, wo die beiden Organisationen kooperieren müssen. Umso mehr muss man darauf achten, dass dieses Grundmisstrauen aufgearbeitet und beseitigt wird.

Woran ist DFB-Präsident Fritz Keller gescheitert ?

An sich selber. Fritz Keller ist bestimmt kein unrechter Typ, und er hat das in Freiburg mit seiner kumpeligen Art und seinem Weingut im Hintergrund gut gemacht. Aber an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt mir dieser Medienlandschaft rund um den DFB – das ist was völlig anderes. Hinzukommt, dass Keller sich aus meiner Sicht ganz intensiv in viele Themen hätte reinarbeiten und strukturiert vorgehen müssen. Das aber habe ich nicht beobachten können. Er ist offenbar keiner, der auch mal längere Texte liest und ein Thema durchdringt, das man dann auch nach außen vertritt. Das geht als DFB-Präsident nicht. Auch sein Umgang mit Mitarbeitern war nicht immer so, wie es hätte sein sollen.

Hat er den DFB als Konstrukt mit all seinen Machenschaften unterschätzt?

Ja. Und immer nur zu sagen, ich bin der, der aufräumen will, aber alle blocken mich ab, das trägt auf Dauer nicht.

Wie könnte es denn zur Erneuerung des DFB kommen?

Zunächst einmal müssten die derzeit handelnden Personen zurücktreten. Vorher geht gar nichts.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben