Spielbank-Prozess: Zweiarmige Banditen

Hildesheimer Spielbank-Prozess: Nach umfangreichen Geständnissen sieht der Richter die Schuld von mehr als einem Dutzend Kasino-Bediensteten sowie eines staatlichen Kontrolleurs als erwiesen an

So sah es 2005 in der Spielbank Hannover aus, nachdem die Manipulationen aufgeflogen waren Bild: dpa

Es waren zweiarmige Banditen, die ihre einarmigen Kollegen benutzten, um das ganz große Geld zu machen. 14 Bedienstete der Spielbank Hannover und ein korrupter Finanzbeamter des Landes Niedersachsen hatten demnach eine Sicherheitslücke der Spielbank Hannover ausgekundschaftet - und von einem perfekten Coup geträumt.

Ein Traum, der jetzt nach 22 Verhandlungstagen vor dem Hildesheimer Landgericht endete: mit der Ankündigung des Vorsitzenden Richters, sein Urteil werde nahe an der Forderung der Staatsanwälte landen. Die hatten die Spielbankbediensteten wegen Untreue, Bestechung, Bandendiebstahls und Steuerhinterziehung angeklagt. Vorwürfe, die "in vielen Fällen bejaht" werden können, sagte der Richter am Dienstag.

Zuvor hatte der Hauptangeklagte, der 56-jährige Finanzamtsangestellte Ingo B., ein umfassendes Geständnis abgelegt. Und immer mehr Spielbankmitarbeiter hatten sich im Laufe des Verfahrens entschlossen, ebenfalls strafmildernd zu plaudern. Nur zwei der sechzehn Angeklagten beteuern noch ihre Unschuld, werden aber von ihren Ex-Kollegen belastet.

Im Frühjahr 2003 begann die beispiellose Manipulationsserie. Durch Zufall entdeckte ein Mitarbeiter der Spielbank Hannover, dass die Glücksspielautomaten 500-Euro-Scheine nicht registrierten - ein technischer Fehler. So kamen ein paar Bedienstete auf die Idee, sich entsprechende Scheine aus der Kasino-Kasse zu "leihen", in die Automaten einzuführen und sich das angezeigte Spielguthaben auszahlen zu lassen. Ingo B. öffnete anschließend mit seinem Schlüssel die einarmigen Banditen, der 500-Euro-Schein wurde entnommen und wieder zurückgelegt.

Mit fingierten Gewinnauszahlungs-Belegen sorgte die Bande, zu der immer mehr Mitarbeiter stießen, schließlich dafür, dass die Bilanz stimmte. Ging es anfangs nur um kleine Beträge, wurden die Diebe mit der Zeit immer dreister. Mindestens 273.000 Euro sollen sie so erbeutet haben. Ingo B. war bei der Aufteilung der unterschlagenen Gelder nicht dabei - immer wenn ihn die Spielbankangestellten aufforderten, sich "die Hände zu waschen", wusste er, dass ihn auf der kaum frequentierten Behindertentoilette ein Geldbündel erwartete.

Eine Masche, die auch deshalb erst nach über zwei Jahren aufflog, weil mit Ingo B. der Mann im Mittelpunkt der Betrügereien stand, der eigentlich über den korrekten Ablauf des Spielbankbetriebs zu wachen hatte. Durch Videoaufzeichnungen, die routinemäßig mit den Spielprotokollen der Automaten abgeglichen wurden, wurden Unregelmäßigkeiten entdeckt. Spielbankaufsicht und Staatsanwaltschaft hakten nach und kamen so den Machenschaften auf die Spur.

Eine Razzia in der Spielbank und zwölf Privatwohnungen lieferte im August 2005 die Beweise für die kriminellen Manipulationen. Schnell waren die Beteiligten identifiziert, begann in ihren Verhören das "Singspiel".

Während die Staatsanwaltschaft von "Habsucht" spricht, gibt der altgediente Finanzbeamte Ingo B., der sich nie etwas hat zu Schulden kommen lassen, "finanzielle Probleme" als Motiv für seine kriminellen Aktivitäten an: Er sei allein erziehender Vater dreier Kinder, ein Sohn drogenabhängig und auf finanzielle Unterstützung angewiesen - da habe das reguläre Einkommen eben irgendwann einfach nicht mehr gereicht, sagte B. Die Versuchung sei zu groß geworden.

Nun ist er seinen Job los. Das Land - das der Spielbank mehr als 200.000 Euro zahlen musste, weil seine Aufsicht versagt hat - will seinen Schaden von B. ersetzt haben, den eine Haftstrafe erwartet. Trotzdem sei "er froh" gewesen, als endlich alles aufflog, gab Ingo B. zu Protokoll: "Meine Festnahme war wie ein Befreiungsschlag."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de