Sozialstudie zu Kreuzberg: Der Zweiklassenkiez

Im Osten Kreuzbergs besteht die Gefahr einer Polarisierung zwischen wohlhabenden Zuziehenden und armen Migranten, warnt ein Stadtforscher. Bürgermeister: Im Hinterhof klettern die Mieten

Ihren Porsche können Reiche bald neben ihrem Schlafzimmer parken, in Kreuzberger Carlofts Bild: AP

Der Kontrast könnte kaum größer sein: An der Reichenberger Straße in Kreuzberg richten sich ab Ende des Jahres Wohlhabende in bis zu 225 Quadratmeter großen Lofts ein. Ihre Wagen können sie dank eines Autoaufzugs gleich neben dem Wohnzimmer parken. Einige Häuser weiter üben sich in einem Internetcafé vorwiegend migrantische Jugendliche regelmäßig in Ballerspielen. Alte Männer trinken an der Bushaltestelle ihr Bier.

Die BewohnerInnen der Reichenberger Straße 114 können erst einmal aufatmen. Die für Dienstag geplante Zwangsversteigerung ihres Hauses wurde vom Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg kurzfristig abgesagt. Den Grund wollte die Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG als Gläubigerin und Betreiberin der Versteigerung der taz nicht verraten. Die BewohnerInnen des Hauses sehen in der Aussetzung der Versteigerung einen Erfolg ihrer Mobilisierung (taz berichtete). Schon im November letzten Jahres war eine Zwangsversteigerung abgesagt worden. "Wir werden uns weiter gegen die Umstrukturierung im Stadtteils einsetzen", sagte eine Hausbewohnerin. Das gilt auch für das "Carloft", die noblen Eigentumswohnungen in einem neu errichteten Gebäude an der Ecke Liegnitzer Straße/Reichenberger Straße. Potenziellen InteressentInnen wird ein Kauf mit dem Argument schmackhaft gemacht, dass sie ihr Auto direkt auf der Etage parken können. Am Donnerstag protestierten rund 50 AnwohnerInnen mit einer spontanen Straßenparty gegen die Präsentation der bezugsfertigen Lofts. Am 29. November soll außerdem eine berlinweite Demonstration gegen steigende Mieten am Carloft vorbeiziehen.

PETER NOWAK

Armut und Wohlstand direkt nebeneinander - das findet man im Osten Kreuzbergs immer häufiger. Der Stadtforscher Sigmar Gude vom Planungsbüro Topos hat im Auftrag des Bezirks die Entwicklung des Gebiets SO36 untersucht. Erste Ergebnisse präsentierte er am Mittwochabend bei einer Bürgerversammlung. Es sei zu beobachten, dass vorwiegend Haushalte mit höherem Einkommen ohne Kinder in die Gegend zögen, so Gude. Dort träfen sie auf einkommensschwache, meist migrantische Familien. "Es besteht die Gefahr einer Polarisierung", warnte der Stadtforscher.

Das durchschnittliche monatliche Haushaltseinkommen stieg in SO36 von 1.480 Euro im Jahr 2002 auf 1.756 Euro in diesem Jahr. Spitzenreiter sind die Kieze am Lausitzer Platz und an der Reichenberger Straße. Gude glaubt aber nicht, dass diese Entwicklung den Stadtteil binnen kurzer Zeit völlig verändert. In ganz Berlin seien die Zahlen nach oben gegangen. "Das Einkommen im Wrangelkiez liegt seit Jahren konstant bei Dreiviertel des Berliner Durchschnitts."

Besteht die Gefahr, dass ärmere Alteingesessene aus dem Kiez gedrängt werden? Die höhere Mietbelastung lässt das vermuten. In der Gegend um die Wrangelstraße musste man 1993 im Schnitt nur ein Fünftel seines Einkommens für die Miete ausgeben. Heute sind es 32 Prozent.

Der Bezirk kann nur bedingt etwas gegen höhere Mieten tun, sagte Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne). Früher sei es möglich gewesen, Mietobergrenzen festzulegen. Heute könne der Bezirk mit dem Instrument des Milieuschutzes lediglich Luxussanierungen verhindern, beispielsweise den Ausbau einer Wohnung mit zwei Bädern oder die Einrichtung eines Fahrstuhls. Eine zweischneidige Angelegenheit, wie Schulz einräumte. Gerade Ältere würden von Aufzügen profitieren.

Gegen die "Carlofts" an der Reichenberger Straße sei er machtlos, sagte Schulz. "Anders als bei Sanierungen haben wir bei Neubauten keinen Zugriff." Dafür gehen jetzt die Anwohner auf die Straße: Rund 50 Menschen äußerten am Mittwoch Protest (siehe Kasten).

Es sind übrigens nicht so sehr die schönen Vorderhauswohnungen, die teuer werden, sondern vor allem die Bleiben in Seitenflügeln und Quergebäuden, sagte Schulz. Dort wechselten die Mieter häufiger - mit jedem Wechsel kann der Vermieter den Preis nach oben setzen.

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