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So kühn wie Henry Miller

■ Das ZDF zeigt Jackie Burroughs provozierende Literaturverfilmung „Ich atme mit dem Herzen“

In den 70er Jahren reist Maryse Holder, eine in der Frauenbewegung engagierte Literaturdozentin aus New York, nach Mexico, um „Urlaub vom Feminismus“ zu machen, wie sie selbst provokant formuliert. Sie ist auf der Suche nach erotischen Abenteuren und will die (scheinbare?) Diskrepanz zwischen emanzipatorischem Anspruch und den sinnlichen Bedürfnissen ausloten. In ausführlichen Briefen an ihre New Yorker Freundin Edith schildert sie mit entwaffnender Direktheit ihre zahlreichen flüchtigen Affären mit Mexikanern am Strand von Acapulco, in Bars, Discos und Hotelzimmern. Einerseits ist sie fasziniert von der Sinnlichkeit, andererseits fühlt sie sich aber gleichzeitig abgestoßen von dem machohaften Selbstverständnis ihrer Liebhaber und registriert die Demütigungen, denen sie sich im Zuge ihres Selbstexperiments freiwillig unterwirft. Die Begegnung mit Miguel Novaro wird zum Wendepunkt ihrer Reise. Nach Tagen und Nächten berauschender körperlicher Intimität spürt Maryse, daß sie bei Miguel die strikte Trennung zwischen Körper und Kopf nicht aufrechterhalten kann, sie beginnt, sich in ihn zu verlieben. Aus Angst vor drohender emotionaler Abhängigkeit flüchtet sie an einen entlegenen Küstenstreifen, verfällt mehr und mehr dem Alkohol und landet wegen Verführung Minderjähriger im Gefängnis. Die Rückkehr nach Mexico-City, wo sie im Hotelzimmer sehnsüchtig -besessen auf Miguel wartet, kommt einer Kapitulation gleich.

1979, zwei Jahre nach dem mysteriösen Tod der New Yorker Autorin, wurden die Briefe, die Maryse Holder an ihre Freundin Edith schrieb, unter dem Titel Give Sorrow Words: Maryse Holder's Letters from Mexico veröffentlicht. Dieser authentische Briefroman bildet die Grundlage für das Drehbuch des kanadischen Spielfilms A Winter Tan, der ebenso wie das zugrunde liegende Buch schon bald nach seiner Uraufführung kontroverse Diskussionen auslöste. Im Vorwort der Buchausgabe würdigte Kate Millet die Sprengkraft dieser oft als provokativ empfundenen Thematik: hemmungsloser Sextourismus, praktiziert von einer Frau. Sie sah in Maryse Holder „eine Schwester, Abenteurerin, eine Verrückte, so kühn wie früher Henry Miller, so selbstzerstörerisch wie Janis Joplin, die Stimme Genets in einer Frau...“ Laut 'epd -film‘ bricht dieser Film ein Tabu, weil dem Kino, aber auch Teilen der Frauenbewegung die sexuellen Phantasien und Begierden der Frauen immer ein Problem waren. Er zeige das Streben nach ihrer Verwirklichung so aufbegehrend, so radikal und kompromißlos, wie man es vielleicht noch nie im Kino sah. Ich atme mit dem Herzen, ZDF, 23.00 Uhr

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