piwik no script img

Smokingzwang hat abgedankt

Das Theater hat sich in den letzten Jahren geöffnet, und das Publikum ist jünger geworden. Themen und Werke der Spielzeit 2026/27 zeigen zugleich, dass Naturalismus und Neue Sachlichkeit ein Comeback erleben – und der politische Druck wächst

Von René Hamann

Theater zu Parkhäusern, das war ein Slogan, der in den 1980er Jahren noch von den sogenannten Poplinken kommen konnte, genauer gesagt vom Autor und Musiker (FSK) Thomas Meinecke. Es waren andere Zeiten, das Theater ächzte noch sehr unter einerseits bedeutungsschweren Monolithen mit Großschauspielern unter Großregisseuren, andererseits Ansprüchen, für die „bildungsbürgerlich“ ein zu mildes Wort wären; das Publikum indes reichte meist nur von akademisch bis zur repräsentanzwütigen Oberschicht.

Da hat sich über die Jahre also schon einiges getan, das Theater hat sich geöffnet, nicht zuletzt technisch (Video und so), dramaturgisch, popkulturell; die Großregisseure haben nach und nach abgedankt, das Publikum ist urbaner, fresher, jünger, unangepasster geworden. Kein Aufbrezeln, kein Smokingzwang. Vielleicht kann man sagen, dass das Theater in den nuller bis zehner Jahren so eine neue Blüte erreicht hat.

Spätestens seit Corona weht allerdings ein Gegenwind. Und obige Forderung kommt, anders formuliert, inzwischen nicht selten von rechts. Und nicht nur als Slogan, sondern als reale Bedrohung: Theater als Brutstätten linksgrüner Gegenkultur, haha, sollen weg. Es bleibt spannend, was sich insbesondere nach diesem Herbst, in dem es „entscheidende“ Wahlen gibt, kulturpolitisch tun wird. Meist leider negativ spannend.

Aber natürlich gibt es auch Lichtblicke und Hoffnungsträger. Matthias Lilienthal zum Beispiel, dem als neuer Intendant der Berliner Volksbühne im Sommerloch mit dem „Volksbad“ ein Coup gelungen ist, inklusive rechter und linksidentitärer Empörungswellen. Ein Schwimmbad als Theaterstück mit mehreren Ebenen, ein Kopfsprung in den politischen Diskurs. Bravo.

Dazu hat er sich mit der österreichischen Künstlerin Florentina Holzinger einen Star an die Bühne (zurück)geholt. Ihr „A Year Without Summer“ (2026 kann eigentlich nicht gemeint sein) läuft mindestens noch eine Spielzeit lang im Repertoire; unter anderem vom 9. bis 11. Oktober. Der Auftakt in die neue Spielzeit ist schon mal gelungen, das „House of Hopes“ vom Rimini Protokoll, das am 1. Oktober Uraufführung hat, ist gleich ausverkauft. Als Zuschlag läuft dann noch Schnitzlers „Fräulein Else“ von Leonie Böhm und Julia Riedler, vielleicht das Stück des Jahres, als Gaststück vom Wiener Volkstheater (Volksbühnen-Premiere am 19. Dezember).

Zwei, drei andere Theater, die mit gutem Programm oder mindestens guter Selbstdarstellung auf sich aufmerksam gemacht haben, sind eben das Volkstheater in Wien unter Jan Philipp Gloger oder auch das Theater Magdeburg, das „Thea­ter des Jahres“ 2025. In Wien startet man in die neue Spielzeit klassisch mit „Macbeth“ (Regie: Rieke Süßkow, Pre­miere am 10. September), während sich Gloger selbst gleich zwei Stücke vornimmt, erst „Die Ankunft“ von Jelinek (26. September), dann „Der Untergang der Titanic“ von Enzensberger (12.Dezember).

In der Burg Wien, quasi gleich nebenan, laufen unter anderem „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus unter der Regie von Dušan David Pařízek (5. September), später im Akademietheater, wie auch an vielen anderen Spielorten, was von Ibsen, diesmal die „Gespenster“ (Regie: Thomas Jonigk, 14. September). Überhaupt sollen ja Naturalismus und Neue Sachlichkeit die neuen Trends sein beziehungsweise ihr Comeback feiern, was so auch zum Zeitkolorit passen soll.

Also viel Ibsen, Tschechow, Hauptmann, viel Kästner, Tucholsky, Horvath. Schaut man genauer hin, wird tatsächlich viel Ibsen angeboten, aber das schon seit einiger Zeit. Horvath und Kästner beispielsweise nur, wenn es sich wirklich anbietet. Von den Damen der Saison, man denke an Gabriele Tergit, Irmgard Keun oder die in den letzten Jahren ebenfalls wiederentdeckte Maria Lazar, gibt es so gut wie nichts. Ach, die haben keine Theaterstücke geschrieben? Das hat Dorothee Elmiger („Die Holländerinnen“, Theater Magdeburg, Premiere am 19. September) auch nicht. Und Lazar schon.

Apropos. In Magdeburg, der Hauptstadt Sachsen-Anhalts, die im September schon vielleicht nicht mehr das sein wird, was sie einmal war, versucht man es ansonsten mit viel Musik und Oper oder mit Wasser, nämlich mit „Kanton Plankton“ von Julia Oschatz, Premiere am 11. September. Ob damit der Titel verteidigt werden kann? Wo bleibt die politische Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten? Man wird sehen.

Das Staatstheater Wiesbaden hingegen lädt zu einer Reihe unter dem Titel „Wem gehört die Stadt?“ ein, einem ohnehin unvergänglichen Thema, in Zeiten der Klimakrise noch mal mit neuer Brisanz. Premiere feiert hier das gleichnamige Rechercheprojekt von Helge Schmidt & Team am 2. Oktober. „Ausgehend von Interviews entlang aktueller stadtpolitischer Diskurse“, heißt es in der Vorschau, „soll das erforscht werden, was uns und unser Publikum verbindet: den Ort, an dem dieses Theater steht“. Sogar der Chor der Stadt Wiesbaden ist dabei.

Zum Schluss sei noch auf das Berliner Ensemble hingewiesen, an dem Oliver Reese sein zehnjähriges Jubiläum als Intendant begeht. Hier wird allerlei geboten: Die Spielzeit wird am 29. August im Großen Haus mit der Berlin-Premiere von Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ eröffnet, zum Abschluss der Saison lädt Fritzi Wartenberg dazu ein, sich mit dem Modeln und dem Casting zu beschäftigen. „Leider kein Foto für dich“ kommt aber erst am 7. Mai 2027 auf die Bühne. Highlight könnte natürlich „Mephisto“ von Frank Castorf werden; Premiere ist am 17. September. Am 5. November folgt noch die Premiere von Shakespeares „Hamlet“, hier von Ersan Mondtag.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen