Sierra Leone: Der Schatten der Geschichte

Die Rebellenarmee RUF in Sierra Leone wird als Kreatur von Charles Taylor dargestellt. Tatsächlich entstand sie aus Protest. Die Situation damals war ähnlich wie heute.

Grafitti der Rebellenarmee RUF in Sierra Leone. Bild: reuters

BERLIN taz | Vor dem internationalen Sondertribunal in Den Haag wird Liberias Ex-Diktator Charles Taylor als Schöpfer der sierraleonische Rebellenarmee RUF (Revolutionäre Vereinigte Front) dargestellt. Tatsächlich aber wurde sie von sierraleonischen Exilstudenten in Libyen gegründet, noch bevor Taylor überhaupt in Erscheinung trat.

Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi, der nigerianische Protestsänger Fela Kuti, die karibisch-westafrikanische Reggaekultur – das alles waren Bezugspunkte für die sierraleonische Jugend, die gegen die herrschende Elite in den Krieg zog.

Zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg gibt sich Sierra Leone heute als ein verändertes Land. Es ist eine stabile Demokratie – die letzten Wahlen 2007 brachten einen friedlichen Machtwechsel zwischen den beiden großen Parteien des Landes. Sierra Leone erfreut sich der höchsten Wachstumsraten der Welt, mit 35 bis 50 Prozent dieses Jahr nach amtlichen Prognosen.

Das Sondertribunal für Sierra Leone hat den früheren liberianischen Staatschef Charles Taylor wegen Kriegsverbrechen während des Bürgerkrieges in dem westafrikanischen Land schuldig gesprochen. Taylor habe die Rebellen in Sierra Leone bewaffnet, um im Gegenzug so genannte Blutdiamanten zu erhalten, urteilte das im niederländischen Leidschendam bei Den Haag ansässige Gericht am Donnerstag.

Das Gericht befinde Taylor in allen ihm zur Last gelegten Punkten für schuldig, sagte Richter Richard Lussick bei dem Urteilsspruch. Der heute 64-Jährige, der zwischen 1997 und 2003 Präsident von Liberia war, kontrollierte nach Ansicht des Gerichts die Rebellen der Revolutionären Vereinten Front (RUF) in Sierra Leone.

Er sei damit verantwortlich für die Verbrechen der Rebellen, die unter anderem Kindersoldaten in den Kampf schickten; mit Hilfe der Rebellen häufte Taylor nach Überzeugung des Gerichts Diamantenschätze an. Das Strafmaß gegen Taylor soll am 30. Mai verkündet werden. (afp)

Sierra Leones Diamanten, während des Krieges weltweit als „Blutdiamanten“ verrufen und boykottiert, werden heute wieder weltweit verkauft. Im größten sierraleonischen Diamantengebiet Koidu plant der Israeli Benny Steinmetz für seine Betreiberfirma BSG Resources als erstes afrikanisches Unternehmen überhaupt den Börsengang in Hongkong, um chinesisches Kapital aufzunehmen.

Der wichtigste Wachstumsmotor aber sind die gigantischen Eisenerzminen von Tonkolili, mit Reserven von knapp 13 Milliarden Tonnen die größten der Welt. Erschlossen von der in London notierten, aber einheimisch geführten Firma „African Minerals“ (AML), wurde im November die erste Exportladung aus Tonkolili nach China verschifft; der chinesische Abnehmer Shandong erwarb im März für 1,3 Milliarden Dollar einen 25-Prozent-Anteil an AML, was den weiteren Ausbau ermöglicht.

Doch im Land selbst herrscht Skepsis. Ob die nächsten Wahlen im November 2012 so glatt über die Bühne gehen wie die von 2007, wird weithin bezweifel. Erst vor kurzem kaufte die Regierung von Präsident Ernest Bai Koroma für mehrere Millionen Dollar modernes Gerät zur Aufstandsbekämpfung für die Polizei. Das Land steht nach wie vor auf Platz 180 der 187 Länder umfassenden UN-Rangliste der „menschlichen Entwicklung“.

Die damalige Regierungspartei ist zurück

Konflikte um die Rohstoffförderung nehmen zu. Schon vor Jahren sorgte die Vertreibung tausender Familien zugunsten des Ausbaus der Diamantenförderung von Koidu für Unruhen. Am 23. April endete in den Eisenerzminen von Tonkolili ein einwöchgiger Streik für höhere Löhne, in dessen Verlauf die Polizei die nahe Kleinstadt Bumbuna stürmte, eine Frau erschoss und mindestens neun Menschen teils schwer verletzte. AML hatte zuvor seine Förderprognose für dieses Jahr um ein Drittel auf zehn Millionen Tonnen gesenkt.

Schwunghafte Rohstoffgeschäfte, aus denen sich die lokale Bevölkerung ausgeschlossen fühlt - das war vor zwanzig Jahren einer der Gründe für die Entstehung der Rebellenarmee. Sierra Leones heutige Regierungspartei APC (All People's Congress) ist die gleiche APC, die 1978 das Mehrparteiensystem des Laandes abschaffte und eine Diktatur errichtete, deren Sturz durch junge Soldaten im Bündnis mit der RUF 1992 das Land in den blutigen Bürgerkrieg trieb, um den es jetzt in Den Haag ging.

So wirft die Geschichte einen Schatten über Sierra Leone. Der wichtigste Gegenkandidat für Präsident Ernest Bai Koroma im November wird ausgerechnet Maada Bio sein: 1996 zur schlimmsten Zeit des Krieges war er ein kurzlebiger Militärherrscher Sierra Leones, seine ältere Schwester war zugleich die höchstrangige Kommandantin in der Rebellenarmee RUF. Bio tritt heute für die oppositionelle SLPP (Sierra Leone People's Party) an, die das Land nach der Unabhängigkeit zunächst regiert hatte.

Die RUF selbst hatte sich nach Ende des Bürgerkrieges 2002 in eine politische Partei namens RUFP (Revolutionary United Front Party) verwandelt und war dann in der Versenkung verschwunden. Aber tot ist sie nicht. Unter Führung eines einstigen RUF-Sprechers, Eldred Collins, eröffnet sie jetzt landesweit neue Parteibüros und setzt auf die Unzufriedenheit der Jugend. Collins lobte die RUF kürzlich in einem Interview als „Freiheitskämpfer“.

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