Sicherheit: Kein Spielverbot für Amateure

Extreme Gewalt bei Dritt- und Viertligaspielen ist rückläufig. Grüne sprechen von Entspannung und einer zu harten Politik des Polizeipräsidenten. Dieser will aber nur Vereine in die Pflicht nehmen

Ein Fan von Dynamo Dresden diskutiert mit einem Polizisten nach dem Spiel gegen Union Berlin am Samstag, 4. November 2006, in Dresden Bild: AP

Ein Artikel in einer Polizeifachzeitschrift über die Sicherheit bei Fußballspielen erhitzt die Gemüter der Bündnisgrünen. "Polizeipräsident droht mit Blutgrätsche", so der Innenexperte Benedikt Lux am Montag in einer Presseerklärung. Lux interpretiert den Artikel so, dass die Polizei Fußballspiele der Dritten und Vierten Liga verbieten will, wenn die Vereine ihre gewaltbereiten Fans nicht in den Griff bekommen. "Dazu besteht kein Anlass", empört sich Lux. Schließlich seien die Fußballspiele friedlicher und die gewaltsuchenden Fans weniger geworden.

Polizeipräsident Dieter Glietsch dementierte gegenüber der taz mit Nachdruck, dass Spielverbote geplant seien. "Dafür gibt es keinen aktuellen Anlass." Er verfolge auch nicht die Absicht, mit solchen Maßnahmen zu drohen. "Unser Ziel ist, die Vereine zu überzeugen, mehr in die Sicherheit der Fußballspiele zu investieren." Denn anders als Lux findet Glietsch: "Von Entspannung kann keine Rede sein."

Eine Anfrage des Grünen bei der Senatsinnenverwaltung hat ergeben, dass in Berlin in der Fußballsaison 2005/2006 noch 275 Personen von der Polizei in Kategorie C (gewaltsuchende Fans) geführt wurden. Zum Ende der Fußballsaison 2007/2008 waren es nur noch 140 Personen. Zugeordnet werden sie den Vereinen Hertha BSC Berlin, 1. FC Union Berlin, BFC Dynamo und Tennis Bourussia Berlin. C ist die höchste Kategorie.

Die Zahl der ganz harten Hooligans habe sich "deutlich verringert", konstatiert auch Innenstaatssekretär Ulrich Freise (SPD) in der Antwort auf die Anfrage. Im selben Zeitraum hat sich aber die Anzahl der in der Kategorie B geführten Personen von 780 (2005/2006) auf heute 940 erhöht. "B" steht für gewaltbereit.

Aus Freises Antwort geht auch hervor, dass die Kosten für Polizeieinsätze bei Fußballspielen in Berlin im selben Zeitraum von 4,4 Millionen auf 3,5 Millionen gesunken sind. "Die Gewalttätigkeit wird weniger, die Kosten nehmen ab", so das Fazit von Lux. "Die Vereine kriegen ihre Problemfans offensichtlich besser in den Griff."

Der Polizeipräsident kommt zu einer anderen Einschätzung. Das Einzige, was sich verändert habe, sei eine Verschiebung der Fanzahlen von C nach B. Die Berliner Vereine "tun nicht genug", findet Glietsch. "Sie müssen die Bekämpfung der Gewalt zu ihrem eigenen Anliegen machen." Ein Beispiel: Bei einem Wochenendseminar des Berliner Fußballverbands 2007 zum Thema Prävention seien zwar viele Polizeibeamte anwesend gewesen, aber kaum Vertreter von Vereinen. "Man muss die Dinge offenbar ein bisschen erzwingen", meint der Polizeipräsident.

Der Artikel, der die Grünen so empört, ist im August in der Fachzeitschrift Die Polizei erschienen. Verfasser sind zwei ranghohe Polizisten. Ihr Fazit: Rechtlich gebe es "keine Bedenken", ein Risikospiel zu verbieten, wenn von dritter Seite keine ernsthaften Anstrengungen unternommen würden, "der bestehenden Gefahrenquelle zu begegnen". Polizeipräsident Glietsch sagt, der Artikel sei nur für die Polizeiausbildung bestimmt. "Es gibt keinen Grund, ein Fass aufzumachen."

Der Präsident des Berliner Fußballverbandes, Bernd Schultz, kann die Aufregung der Grünen insofern verstehen, als ein Spielverbot aus Sicherheitsgründen "eine Bankrotterklärung" für den Fußball bedeuten würde. Aber davon sei man in Berlin weit entfernt. Alle Vereine würden sich vor kritischen Spielen mit der Polizei abstimmen. Bei dem Beitrag in der Fachzeitschrift handele es sich um "ein Positionspapier ohne aktuellen Bezug", so Schultz. "Die ganze Diskussion ist ein alter Hut."

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