Sicherheit im Speckgürtel

Nüsse, die geknackt sein wollen

In Großhansdorf vor den Toren Hamburgs hat die Polizei einen mutmaßlichen IS-Terroristen aus einer Flüchtlingsunterkunft geholt.

Fast nichts mehr zu sehen: Nur eine Spanplatte vernagelt das Fenster unten rechts Foto: Miguel Ferraz

Die grobe Spanplatte zeigt, wo die Spezialkräfte eingedrungen sind: Die Fensterscheibe im Erdgeschoss, ganz rechts, ist eingeschlagen worden. Wahrscheinlich haben sie eine Gasgranate hinterher geworfen, wie man das aus dem Kino kennt – das Ganze morgens kurz nach drei Uhr in Großhansdorf, Schleswig-Holstein, gleich an Hamburgs nordöstlicher Stadtgrenze.

Ziel der Operation vor Morgengrauen: Mahir Al-H., ein „netter junger Mann“, wie Angelika Woge vom Freundeskreis Flüchtlinge Großhansdorf beschreibt. Der 17-Jährige mit bis dahin tadellosem Ruf sitzt seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, er sei im November im Auftrag des „Islamischen Staates“ (IS) nach Deutschland gekommen, um Terroranschläge zu verüben.

Keine konkreten Hinweise

Parallel zu der Festnahme in Großhansdorf schlug die Polizei im benachbarten Ahrensburg und im 30 Kilometer entfernten Reinfeld zu, wo sie zwei weitere Männer im Alter von 18 und 26 Jahren festnahm. Sie alle seien dringend der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung verdächtig. „Konkrete Aufträge oder Anweisungen“, teilte die Bundesanwaltschaft mit, „konnten bislang nicht festgestellt werden.“

„Eigentlich kann man’s nicht glauben“, sagt Woge. Sie beschreibt ein Gefühl „zwischen traurig und fassungslos“, wobei das Traurige überwiege: Jetzt, befürchtet sie, gewinnen diejenigen die Oberhand, die immer schon gewusst haben wollen, dass den Flüchtlingen nicht zu trauen ist.

Die Unterkunft, in der Al-H. gewohnt hat, liegt im Kortenkamp, einer ruhigen Nebenstraße, was im ohnehin ruhigen Ortsteil Schmalenbeck nicht viel heißen will. Direkt nebenan residiert in einem spitz bedachten Klinkerbau der Großhansdorfer Polizeiposten, unter dessen Augen, aber ohne dessen Mitwirkung sich der Anti-Terror-Einsatz abspielte. Während auf der gegenüberliegenden Seite dicht gedrängt große Einfamilienhäuser stehen, liegt das Flüchtlingshaus in einem parkartigen Gelände neben flachen weißen Häusern, die die Gemeinde für Leute mit schmalem Geldbeutel vorhält.

Die Flüchtlingsunterkunft selbst ist ein einstöckiger, u-förmiger Bau aus roten Containern mit schwarzem Satteldach. Er sieht fast so aus wie ein richtiges Haus und bietet vier Wohnungen mit je sechs Betten. Vier solcher Modulhäuser hatte die Gemeinde beschafft. Das neueste steht neben der Nachkriegs-Backsteinkirche der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde in der Alten Landstraße. Der Zufall will es, dass für den Tag nach der Festnahme eine Führung in dem noch unbezogenen Gebäude angesetzt ist. Janhinnerk Voß, Großhansdorfs parteiloser Bürgermeister, hat die Nachbarn eingeladen, die Gemeindevertreter und die Leute vom Freundeskreis. „Das ist sicher nicht das letzte Mal, dass sowas passiert“, sagt Carsten Pieck von der FDP, ein blonder Mann um die 40. Die Festnahme zeige, dass Polizeibehörden und Rechtsstaat funktionierten. Dass Bundes- und Landeskriminalämter monatelang ermittelt hättten, sagt er, „ist eigentlich beruhigend“.

Das Grundstück für den Modulbau hat die 9.000-Einwohner-Kommune von der Kirche gepachtet. „Die Festnahme schürt möglicherweise Emotionen“, vermutet auch Pastor Wolfgang Krüger. Er schätze seine Gemeinde aber als ziemlich besonnen ein. Aus einem Fenster im Erdgeschoss blickt er auf einen alten Obstgarten. „Das sind natürlich paradiesische Zustände“, sagt er und bittet um Verzeihung für seinen „Theologen-Jargon“. Es sei wichtig, fügt er an, „das Paradies miteinander zu teilen“.

Einige der älteren Herrschaften, die zur Besichtigung gekommen sind, finden, die Flüchtlingsunterkunft sei recht komfortabel. „Nach dem Krieg haben wir nicht so gut gewohnt“, sagt Uwe Sommer, ein Mann mit weißem Haarkranz und kurzen Hosen. Er hat es übernommen, Fahrräder für die Neuankömmlinge herzurichten und auszugeben – weniger aus karitativen Motiven, sondern „aus einem Interesse am Rad“, sagt Sommer. Er habe Spaß daran, viele Fahrradtypen kennenzulernen und sie wieder in Gang zu bringen.

Umso mehr befremdet ihn der achtlose Umgang mit den Rädern, den er bei den Flüchtlingen wahrnimmt – und deren Anspruchshaltung. Sie nutzten die Räder, bis die kaputt seien, erzählt Sommer. Beim Reparieren stünden sie dann neben ihm, ohne einen Finger zu rühren, im schlimmsten Fall die Kippe im Mund und das Smartphone in den Fingern. Dass unter seiner Kundschaft auch ein Terrorist gewesen sein könnte, lässt ihn dagegen kalt. „Das gehört dazu“, sagt Sommer. „Ich würde so einen Mann nicht erkennen können.“

Birgit Karlsson, die das kommunale Flüchtlingsamt leitet, zeigt sich dagegen geschockt, „weil das so nah ist“. Sie habe es sich zur Aufgabe gemacht, die übrigen Flüchtlinge zu beruhigen und umso intensiver zu betreuen. „Wir schotten die ab“, sagt sie, „das haben die so gewünscht.“

Ihr Chef, Ortsbürgermeister Janhinnerk Voß, findet, dass es bisher eigentlich ganz gut lief mit der Aufnahme der Flüchtlinge, vor allem dank des Freundeskreises mit seinen 40 Paten und 60 bis 70 Aktiven. „Deshalb sind wir auch von ganz oben nach ganz unten gefallen durch diese Festnahme“, sagt Voß. 140 Geflüchtete beherbergt Großhansdorf zurzeit, im Herbst 2014 seien es noch 19 gewesen. Natürlich stellten ihm die Leute jetzt Fragen wie: „Sind wir noch sicher in Großhansdorf? Können Sie ausschließen, dass es hier noch weitere Terroristen gibt?“ Und es meldeten sich all jene, die sich in ihren Vorurteilen bestätigt fühlten.

„Der Fehler, den wir gemacht haben, war vielleicht, kritische Fragen gleich in eine rechte Ecke zu stellen“, räumt Voß ein. Und er erzählt eine Geschichte: „Im vergangenen Jahr habe ich eine Frau getroffen, die sich sehr kritisch äußerte und auch zu einer Pegida-Demonstration nach Dresden fuhr. Sie fand die Politik zu lasch, sagte aber: Um zu verhindern, dass passiert, wovor ich mich fürchte, muss ich was für die Flüchtlinge tun“, führt Voß aus. „Ich habe zwar nicht verstanden, wie man das psychologisch zusammenbringt, aber es hat mir imponiert.“

Ein paar Straßen entfernt vom Rathaus, wieder am Kortenkamp, geht ein junges Paar mit einem kleinen Jungen spazieren. Die Anschlagsgefahr, sagt Yasmin Raabe, habe nicht speziell mit den Flüchtlingen zu tun: „Ich glaube, dass der IS genug Kohle hat, um seine Leute auch so einschleusen zu können.“ Ihr Mann Wayan hat gelesen, es sei 500-mal wahrscheinlicher, am Essen zu sterben als bei einem Terroranschlag. „Ich mache mir mehr Gedanken um die Flüchtlinge, die hier wohnen“, sagt er. Denn die müssten jetzt womöglich mit Ressentiments rechnen.

Die Straße runter, vor der Gemeindewohnung neben dem Containerhaus, haben sich Linda Kruske und Torsten Fabke gerade ein paar Nürnberger Würstchen gegrillt. „Wir sind entsetzt“, sagt Kruske. „Wir waren so lieb zu allen.“ Ihr Nachbar Fabke ergänzt: „Ich hab immer gesagt, wir haben hier irgendwann auch mal den Krieg.“ Im Großen und Ganzen habe er nichts gegen die Flüchtlinge. Einige der Bewohner von nebenan sagten zwar gerade mal „Hallo!“, aber mit anderen sei er sogar befreundet gewesen, erzählt Fabke. Mit seinem Computer habe er ihnen Bewerbungen ausgedruckt. „Bloß – diese Menschen sind weggezogen“, bedauert er.

Ein etwa siebenjähriges Mädchen mit nußbraunem Teint und langen braunen Locken kommt über den Rasen gelaufen. Auf der flachen Hand hält sie eine Haselnuss, mit der anderen macht sie eine stampfende Geste: Fabke soll die Nuss knacken. Das Mädchen gehört zu einer afghanischen Familie, die direkt bei Kruske und Fabke im Haus wohnt.

Es sei schwierig gewesen, den fremden Mitbewohnern manche Sachen beizubringen, etwa wie man den Müll trennt oder dass man ihn keinesfalls aus dem Fenster werfen sollte. Kruske weist auf zwei bunte Wäschestücke, die auf dem Dach liegen. „Jedem musst Du das wieder erklären“, ärgert sich Fabke.

Zusammenleben heißt auseinandersetzen

„Wenn man zusammenlebt, muss man sich auseinandersetzen“, findet Kruske. Und das berge Überraschungen. „Einer fing an, Russisch mit mir zu sprechen.“ Er habe sechs Jahre in Russland gelebt, erzählt Kruske, die selbst mal als Russlanddeutsche kam „Da war ich so erstaunt.“

Das Mädchen zieht mit dem weißen Nusskern wieder von dannen. Und Torsten Fabke sagt zum Abschluss: „Mach’da mal nicht so ein großes Ding draus!“

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