Sibylle Berg über Führerinnen: Ein schönes Aussterben noch

Was soll eine Führerin – oder sagen wir: Leaderin – leisten? Sibylle Berg, Schriftstellerin, fordert: Konzepte statt Führer*innen!

»Das Volk liebt die starke Hand. Heißt es.« Bild: Michael Kohls

Von SIBYLLE BERG

Das Volk liebt Held*innen. Es liebt, geführt zu werden. Es liebt König*innen, es liebt, ihnen zuzujubeln, es liebt, sie brennen zu sehen, es liebt die starke Hand, die Ansage, die Vision, es liebt Väter und Mütter.

Das Volk gibt gerne Verantwortung ab, es mag nicht selbst denken, führen, sich anstrengen, entscheiden.

Heißt es.

In einer Statistik (wir erinnern uns an die Vorhersagen der Wahlen in den USA) belegte die Uni Leipzig den Wunsch von 40 Prozent der Deutschen nach einer Diktatur.

Selbst wenn diese Statistik annähernd die Realität wiedergäbe, ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit den Grundideen der Demokratie einverstanden.

Würde eine starke linke Leaderin die restlichen Prozente einsammeln? Und taugt dieses Führer*innen-Konzept eigentlich noch?

»Ich glaube nicht an Führer*innen, denn sie sind Menschen, haben Launen und einen begrenzten Verstand.« Sibylle Berg

Entwicklungen beruhen darauf, mit Traditionen oder Gewohnheiten zu brechen, oder sie weiterzuentwickeln. Selbst die brillantesten Anführer*innen sind immer nur Politiker*innen – sind also immer auch teilweise Bürokrat*innen. Sie haben mehrheitsfähige Gesichter, sie tragen irgendwas, das auch hinter einem Bankschalter einen guten Eindruck machen würde. Sie sind, wenn sie Massen für sich einnehmen wollen, immer ein massenrepräsentierendes Abbild der Gesellschaft. Sie wollen das Beste für ihr Volk, und enden in Kompromissen, bis sie nach unendlichen Debatten nur noch eine verwaschene Kopie ihres kämpferischen früheren Ichs sind.

Irgendwann sind sie müde, die Politiker*innen, und nach langer Zeit als Bürokrat*innen gleichen sie dem Gebäck in runden Metalldosen, die mir immer als Erstes einfallen, sollte ich einmal über Politik nachdenken. Träume und Visionen in runde Dosen gesperrt.

Ich glaube nicht an Führer*innen, denn sie sind Menschen und haben Launen, einen begrenzten Verstand, sie wollen essen und trinken und austreten und ihr anfälliges System hat eine begrenzte Lebensdauer. Kurz – da taugt doch keiner zur Leitung eines demokratischen Betriebes mit Millionen Teilhabern. Keiner taugt dazu, immer lügen zu müssen, und täten sie es nicht, die Führer*innen, müssten sie sagen:

Liebe Menschen,

Die gute Nachricht ist: wir leben noch. Wir haben keine Kriege, außer denen, die wir ins Ausland ausgelagert haben, die wenigsten verhungern, die meisten haben Heizungen, eine befriedigende Ausbildung, Gesundheitsversorgung (wenn man die beschissene Bezahlung der Pflegenden außer Acht lässt), es gibt kaum Schießereien auf den Straßen und nun kommen wir zur schlechten Nachricht: Vermutlich wird die Menschheit nicht mehr sehr lange auf diesem Planeten stattfinden. Die Chance ist groß, dass jeder von uns es in Zukunft schlechter haben wird. Außer Elon Musk, der hat Raketen.

Die Rohstoffe und das Wasser sind begrenzt, die Klimaerwärmung werden wir nicht aufhalten, die Luftverschmutzung und das Aussterben der Tiere dito, wir werden die Kohlekraftwerke nicht stilllegen, das Bevölkerungswachstum nicht stoppen, die brennenden Wälder in Sibirien nicht löschen, die Nazis nicht bestrafen, die Pestizide nicht verbieten, die Steuern für Firmen und Plattformbetreiber und Unternehmen nicht anheben, die Steuerverstecke nicht aufspüren, denn wir brauchen die Wirtschaft. Das Wachstum. Weil.

Ähm. Nun, weil wir es so gelernt haben.

Und die Menschen wollen konsumieren, schnell, sofort, mehr, das haben wir auch so gelernt. Von wem? Egal, vermutlich von Vertretern der Wirtschaft, wie es immer so schön heißt. Sie wissen schon, graue Männer mit Aktenkoffern.

Wir hoffen darauf, dass ein diffuses Geoengineering den Planeten retten wird. Wir vertrauen darauf, dass die Märkte es regeln werden – weil wir es so in den Universitäten lehren, weil wir Professor*innen bevorzugen, die diesen Bullshit lehren, weil Lobbyisten aus der Wirtschaft es in ihren Vorträgen, man nennt es auch Lobbyarbeit, uns so vermitteln, weil wir Angst vor Arbeitslosen haben, und weil wir, wenn schon, Rechtswissenschaften studiert haben, und keine Ökonom*innen sind, oder Wissenschaftler*innen, sondern wir sind verdammt noch mal Beamtinnen und wir sind müde. Zum Umfallen müde von dieser globalisierten Welt mit ihren Problemen in allen Bereichen. Mit asiatischen Ländern, die immer mächtiger werden und die wir nicht verstehen, mit dem Müll, den wir erzeugen, den Menschen, die aus ihren Ländern fliehen, weil wir unsere Waffen dorthin verkauft haben, aber wer konnte auch annehmen, dass sie eingesetzt werden.

Hören Sie, wir sind nur Menschen und als Führer*innen komplett überfordert von all den Dingen, die geregelt werden müssten, die Sache läuft aus dem Ruder, um es mal forsch auszudrücken, und ich lege mich jetzt ein wenig hin, denn ich bin, falls ich es noch nicht erwähnt habe, müde, todmüde. Ein schönes Aussterben noch!

Sibylle Berg Bild: Katharina Lütscher

Aber – das sagt ja keiner.

Vielleicht ist das auch besser so, denn eine andere Studie (!) versucht zu belegen, dass nur 47 Prozent zufrieden mit Demokratie in Deutschland sind. Sie glauben, dass der Einfluss der Wirtschaft zu stark ist, der Mittelstand nicht genug bedacht wird, sie vertrauen der Wissenschaft mehr als der Politik. (Quelle Ebert Stiftung)

Es ist anstrengend, das Regieren, es ist unglamourös, man wird gehasst, fast immer, oder erschossen, falls Nazis im Spiel sind, das Gehalt ist ok, aber verglichen mit einem CEO, zum Beispiel Herrn Schwan, der 12.497.580 Euro dafür bekommt, ein Pharmaunternehmen zu leiten, ist es lächerlich. Nichts gegen gute Drogen, aber was ist so eine Pillenbude im Vergleich zu einem Land.

Die Wirtschaft muss wachsen, die Arbeitsplätze, die Wählerstimmen, der Mut, der nicht da ist, man müsste das Ganze neu denken, aber wann nur? Und womit? Wenn das Hirn im Dauerstresszustand keinen Gedanken zu Ende führen kann und nichts zu denken vermag, was über die Tagesaufgaben hinausgeht, über den nächsten Flug zum nächsten Gipfel, bei dem andere überforderte Politiker*innen ratlos vor den Problemen stehen, die eine vernetzte Welt mit sich bringt, die unlösbar scheinen.

So – und nun?

Was soll hier eine Führerin oder sagen wir, um alle Bilder zu übermalen, Leaderin leisten?

Den Bürger*innen die immer gleichen Versprechen geben, die nie eingehalten werden können, weil Demokratie – also eben diese halbherzig durchgesetzte Herrschaft des Volkes – eben auch meint, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerungen sich mit Gewinnern identifiziert, mit den Macherinnen, den Kapitalistinnen und darum neoliberale Vertreter*innen wählt.

Wer braucht da noch einen Menschen, die endlich eine Einkommensgerechtigkeit und Umverteilung beschwört, die verspricht, im Alleingang den ökologischen Kollaps zu verhindern?

Oder sollte man es besser lassen.

Und mit Gewohnheiten brechen.

Sie hat bisher 27 Theaterstücke und 15 Romane geschrieben, zuletzt »GRM – Brainfuck«, das unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde. Sie ist in Weimar geboren, lebt in Zürich, hat die Schweizer Staatsbürgerschaft und zählt sich zur Straight-Edge-Bewegung.

Hat man nicht viel zu lange gehört, dass der Kapitalismus zwar seine Schwächen hat, aber nun mal die beste aller Gesellschaftsformen sei? Ist Krätze besser als die schwarzen Blattern? Ist die Erde nicht scheinbar in einer immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich gelandet, weil eben das System versagt, sich abgenutzt hat, keiner an die Macht von Erbschaften gedacht hat, an die Gier des Systems, an den digitalisierten Aktienhandel, an die Steuerschlupflöcher, an die Ohnmacht der Gesetzgebung? Ist das Parteiprinzip nicht überholt, weil sich die Programme seltsam ähneln in ihrer Kraftlosigkeit?

Es braucht keine starken Führer*innen. Sondern neue Konzepte.

Vom Grundeinkommen über direkte Bürger*innen-Beteiligung, über rotierende Führungskollektive und eine stärkere Einbindung von Fachpersonen – es gibt gute, durchdachte Alternativen zu den nicht mehr funktionierenden politischen und wirtschaftlichen Systemen. Sie müssten nur bekannt gemacht werden, das ist die Aufgabe der Medien, die wir auch neu definieren sollten, wenn wir schon mal im Schwung sind.

Die Ideen für eine radikale Veränderung der Welt, die man nur noch als Einheit denken kann, gehören nicht in Sachbücher, sondern in die öffentlichen TV- und Radioprogramme, auf die Frontseiten der Zeitungen. Das Volk sollte darüber entscheiden, ob es eine Zukunft haben will. Oder ob aussterben bequemer ist. Jede und jeder, der eine gleichberechtigtere, gerechtere, neue demokratische Welt mitgestalten will, sollte Leader*in werden. Können.

Soweit dazu.

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°14 erschienen