Separates Lernen sozial Benachteiligter: Am Rande der Legalität

Am Wochenende fand in Köln der Kongress "Ein Schule für alle" statt: Pädagogen, Eltern und Forscher fordern die Abschaffung von Sonderschulen.

90 Prozent der behinderten Kinder gehen auf Sonderschulen. Bild: dpa

KÖLN taz Als Heinz Forcher seinen Sohn zum zweiten Mal in die Sonderschule brachte, wusste er nicht mehr ein noch aus. 100 Kilometer war er gefahren, weit weg von zu Hause. Sein Jüngster, ein schwerst mehrfach Behinderter schrie, er wollte nicht bleiben. "Er hörte nicht mehr auf zu weinen". Heinz Forcher ist danach sofort zur Bezirksregierung gefahren, um sich zu erkundigen, wie sein Sohn in eine Schule vor Ort gehen könnte. "Aber die Behörden haben mich erst mal sechs Wochen im Kreis herum geschickt."

Die Situation: Rund 420.000 Kinder und Jugendliche besuchen Sonderschulen. Nur ein Drittel von ihnen ist im engeren Sinne geistig oder körperlich "behindert". Die große Mehrheit (260.000) wird als lernbehindert oder sozial-emotional auffällig bezeichnet. Acht von zehn Sonderschülern erhalten keinen Schulabschluss.

Das Recht: Behinderte Kinder haben laut Verfassung ein Recht darauf, in die allgemeine Schule integriert zu werden. Deutschland hat erst im März die UN-Konvention "über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" unterzeichnet. Darin heißt es, kein Kind darf "aufgrund seiner Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden".

Die Resolution: Die TeilnehmerInnen des Kongresses "Eine Schule für alle" fordern die Bundesregierung auf, die UN-Konvention zu ratifzieren. Die Bundesländer sollen ein inklusives Bildungssystem einrichten. Sie sollen dafür Sorge tragen, dass alle Kinder, auch die mit Behinderungen, innerhalb des allgemeinen Bildungssystems ohne Diskriminierung lernen können.

Heinz Forcher ist ein Bulle von Kerl. Ein Macher, ein Hotelmanager, der im Kampf um das Schulrecht des Sohnes sein Vermögen verloren hat. Jetzt steht er vor Hunderten von Menschen in der Kölner Universität und sagt. "Es gibt nur eine Kraft, die das verändern kann, es ist die Kraft der Eltern."

Menschen wie Forcher sind es, die sich am Wochenende in Köln zum Kongress "Eine Schule für alle" eingefunden haben. Es sind ganz verschiedene Leute, Sonderpädagogen, Schulleiter, Forscher und eben Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen. Sie eint eine starke Behauptung: "Sonderschulen sind eine Menschenrechtsverletzung". Wenn dieser Satz im Auditorium Maximum der Uni fällt, dann brechen sie in einen befreiten Jubel aus. Manchen laufen auch die Tränen herunter. Denn ihre Kinder, die das Down-Syndrom haben, die geistig behindert sind, taubstumm oder blind, sie gehen zu 90 Prozent in Sonderschulen. Und die allermeisten von ihnen wollen da nicht bleiben.

Drei Mädchen machen einen Generalprobe für ihre Südafrikapräsentation. "In Südafrika im Süden von Afrika ist es sehr heiss und es gibt wenig Wasser", sagt eine. Macht eine Pause, guckt unsicher ihre Mitschülerinnen an. "Klingt gut, ist aber jetzt ein bisschen blöd, dass du das auswendig gelernt hast", sagt eine zu ihrer gehandikapten Freundin. "Das merkt die Lehrerin!"

So sieht gemeinsames Lernen von behinderten und - wie sie in Köln gerne sagen - "so genannten nicht behinderten Kindern" aus. An der Fläming-Grundschule in Berlin wird Integration schon fast 30 Jahre praktiziert. Eine Modellschule, deren Kinder klassenweise weiter auf die Sophie-Scholl-Oberschule gehen können. Es steht auch in beinahe allen deutschen Schulgesetzen, dass die Integration behinderter Kinder in normale Schulen Vorrang hat - nur in der Praxis sieht das oft ganz anders aus.

"Wir wissen nicht, ob wir kommendes Jahr wieder zwei Klassen mit gemeinsamem Unterricht haben werden", sagt Johannes Krane-Erdmann. Er ist Sonderpädagoge an der Ernst-Moritz-Arndt-Grundschule in Köln, die auf Integration auch schwer behinderter Kinder spezialisiert ist. Aber die Beschlüsse der Schulbürokratie sind schwer nachvollziehbar. Mal ist es die Landesregierung, die mit den nötigen Stellen für die Förderkinder knausert, mal sind es die Schulämter, mal sind es die Lehrerkollegien selbst, welche die Aufnahme behinderter Kinder blockieren. "Ich weiss nicht, ob ich mein Kind an eine Schule klagen soll, wo es nicht willkommen ist", berichtet Claudia Schirocki, die Mutter eines Down-Kindes von ihrer Situation.

Dass die Eltern ihre Kinder nicht in die vorhandenen Sonderschulen stecken wollen, ist kein Wunder. Hans Wocken, Integrationspädagoge aus Hamburg, hat Sonderschulen für Lernbehinderte untersucht. "Ich wollte wissen, ob die Förderschulen möglicherweise eine Provinz des Schulwesens sind, die nicht ungerecht und ineffzient sind", sagt Wocken mit Blick auf die schlechten Pisaergebnisse der deutschen Regelschule. Das Ergebnis: Sonderschulen beherbergen überproportional viele Sorgenkinder - Jungen, Migrantenkinder, sozial Schwache, Kinder Arbeitsloser. "Sonderschulen sind am Rande der Verfassungslegalität", meint Wocken. In der Tat schreiben sowohl das Grundgesetz als auch die meisten Verfassungen der Länder vor, dass nicht die wirtschaftliche Lage für den Schulbesuch ausschlaggebend sein darf.

Bei vielen Teilnehmern herrscht daher große Ungeduld. "Ich unterstütze mit meiner Arbeit das selektive System nicht mehr", empört sich eine Sonderschulpädagogin aus Münster. Und eine Kollegin fordert, "die Sonderschulen sofort und radikal abzuschaffen. Solange es Sonderschulen gibt, wird man Kinder dorthin abschieben". Andere warnen davor, in die pädagogisch schlecht vorbereiteten Regelschulen behinderte Kinder zu schicken: "Wir müssen versuchen, den gemeinsamen Unterricht zu verbreiten", rät der Kölner Sonderpädagoge Johannes Krane-Erdmann. "Nicht jede Schule kann von heute auf morgen Schule für alle werden."

Der erste bundesweite Sonderschulkongress kreist um die Frage: Reform des Schulwesens - oder Revolution. Ein Dilemma, das sich in Zahlen ausdrücken lässt: Auch der gesetzlich verankerte Vorrang der Integration behinderter Kinder hat keinen echten Fortschritt gebracht. Nur 15 Prozent der Kinder mit Handicaps gehen in "normale" Schulen. 420.000 Schüler hingegen werden in neun verschiedenen Sonderschultypen festgehalten - nicht selten gegen den Willen der Eltern.

Der Mann, der eine Antwort gibt auf die Verzweiflung der Eltern ist Heinz Forcher. Er hat das System bezwungen - in Österreich, genauer in der Region Außerfern. Dort sind die Sonderschulen abgeschafft. Jedes Kind, ganz gleich wie schwer es benachteiligt ist, kann in die wohnortnahe Schule gehen. Wie hat Forcher das geschafft? "Alle Menschen haben das Recht auf Würde und die respektvolle Achtung ihres Soseins. Das ist ein existenzielles Bürgerrecht", sagt er, "das nicht verhandelbar ist. Da muss man kompromisslos sein."

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de