Selbstzensur: Der verbotene Apfel

Journalisten, egal ob kritisch oder regierungtreu, sind nicht sicher vor staatlicher Willkür. Wer etwas Falsches sagt, verliert seinen Job.

„Der Satz mit dem verbotenen Apfel jedoch ist ein regelrechtes Juwel.“ Foto: dpa

Unsere Blicke trafen sich, als wir nach der letzten Röntgenkontrolle am Flughafen Esenboğa in Ankara unser Gepäck vom Band nahmen und auf einem der Tische ablegten, um unsere Gürtel wieder umzulegen. Es war für uns beide ein ziemlich schwerer Augenblick.

Wenn ich ihn grüßen würde, würde er sich freuen, das wusste ich. Wir hatten an derselben Uni Journalismus studiert. Anfangs war er als oppositionell eingestellter Kopf unterwegs, der immerzu für allerhand linke Publikationen schrieb.

Verhohlene Blicke

Mit der Zeit jedoch schlug er das Steuer hart rechts ein und wurde zu einem der wortgewaltigsten Verteidiger der Regierung. Da er seine Apologetik der Herrschenden aus einer vermeintlich linken Perspektive vorbrachte, brauchte es nicht lange, bis sein Stern in den regierungsnahen Medien aufstrahlte.

Und zwar so hell, dass ich mich, während wir beide unsere Gürtel umbanden, wunderte, warum er nicht durch den VIP-Bereich geschleust wurde und ohne Personenschutz reiste und noch nicht einmal jemand bei ihm war, um ihm seine Jacke hinterherzutragen.

Wollte er, als er mir in die Augen schaute, vielleicht sagen: „Tja, ich wohne zwar quasi im Flugzeug des Staatspräsidenten, aber eigentlich bin ich doch sehr volksnah, ich bin einer von euch, ich hab mich gar nicht so verändert, wie du denkst – wenn ich erst einmal erzähle, wirst du meine Position sicher verstehen.“

Neutralität unmöglich

Ich weiß es nicht. Denn wir schauten uns noch einmal, verhohlener jetzt, in die Augen, schnallten unsere Gürtel zu, und ohne eine Miene zu verziehen, nahmen wir unser jeweiliges Gepäck vom Tisch und entfernten uns in unterschiedliche Richtungen zu unseren Gates.

In einer Türkei, die keine Daseinsbedingungen für „neutralen“ Journalismus mehr bietet, muss jede Journalistin und jeder Journalist eine klare Wahl treffen, was die je eigene Beziehung zur Macht angeht. Es gibt niemanden, der oder die nicht weiß, welchen Preis Journalist*innen dafür zahlen, wenn sie kritisch über die Regierung berichten.

Aber wir wissen auch alle, dass sich regierungstreue Journalist*innen ganz schön anstrengen müssen, um ihre Posten nicht zu gefährden. Vor ein paar Jahren fragte ich einen regierungsnahen Journalisten (der selbst Kurde war und gesagt hatte, die Rechte der Kurden lägen ihm am Herzen), was er fühle, wenn oppositionelle Journalist*innen so hart verfolgt werden, wie es geschah und geschieht.

Regierungstreue, ein Balanceakt

Seine Antwort war ziemlich interessant und grundehrlich: „Wir haben es sogar noch schwerer als ihr. Wir müssen einen permanenten Balanceakt vollbringen. Wenn wir einmal aus der Gunst der Regierung gefallen sind, finden wir in den alternativen Medien nie und nimmer eine Anstellung. An dem Tag, an dem die AKP ihre Macht verliert, ist unsere Berufskarriere zu Ende.“

Vielleicht braucht es nicht allzu viel journalistische Intelligenz, um sich darauf einzustellen, wenn wieder ein innen- oder außenpolitischer Freund der AKP in Ungnade fällt oder ein vormaliger Feind zum Freund wird. Zu den ungeschriebenen Pflichten der Journalist*innen regierungsnaher Medien gehört es, diesen ständigen Austausch von Freund und Feind unter den Mächtigen einfach mitzumachen.

Gestern Feind, heute Freund

Zum Beispiel muss ein Journalist, der uns noch gestern am Fernsehbildschirm erklärte, welch großartiger Freund der Türkei Masud Barsani, der Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Nord­irak, sei, heute plötzlich unerhörte Geschichten über die wahren Wurzeln der Beziehungen zwischen Barsani und Israel vermitteln können, und zwar so überzeugend wie möglich.

Oder er muss vor den Wahlen in den USA tagelang auf allen Kanälen darlegen, wie pragmatisch Donald Trump als Führungspersönlichkeit veranlagt sei und dass sich die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA mit einem Schlag verbessern würden, sobald er einmal gewählt sei, was für die Welt einen großen Glücksfall darstellen würde.

Aktuell muss derselbe Journalist aber hieb- und stichfest belegen können, was für ein ausgemachter Dummkopf da im Amt sei, partout unfähig, sich mit der AKP zu verstehen.

Szenarien für die Regierung

Die regimetreuen Journalist*innen wissen, dass sie diese Performance nicht nur bezüglich der „äußeren Feinde“ der AKP, sondern auch für alle „inneren Feinde“ der Partei an den Tag legen müssen.

Zum Beispiel überboten sich die regimetreuen Kolleg*innen förmlich darin, Szenarien zu entwerfen, in denen Peter Steudtner und die anderen im Juli auf den Prinzeninseln verhafteten Menschenrechtsaktivist*innen einen finsteren Putschplan ausgeheckt hatten, mit dem sie unser schönes Land in eine Hölle verwandeln wollten.

Die Tatsache, dass eine der verhafteten Menschenrechtsaktivistinnen Mitglied einer WhatsApp-Gruppe war, in der Journalist*innen Solidaritätsaktionen für inhaftierte Kolleg*innen besprachen, ließ die regimetreuen Journalist*innen regelrecht austicken.

Konkurrenzkampf

Sämtliche Mitglieder besagter WhatsApp-Gruppe wurden mit ihren vollen Namen und weiteren persönlichen Angaben in regierungsnahen Zeitungen wie der Güneş vorgeführt und in Leitartikeln angegriffen und diffamiert. Dass dem nicht so war, dass weder die Menschenrechtsverteidiger*innen auf den Prinzeninseln einen Putschplan ausgeheckt hatten noch die beruflichen Solidaritätsbekundungen der Journalist*innen in der WhatsApp-Gruppe Teil des Umsturzplanes waren, kam natürlich in kürzester Zeit ans Tageslicht. Doch niemand in der regierungsnahen Presse zeigte auch nur den leisesten Anflug von Reue.

Unter den regierungsnahen Journalist*innen herrscht ein harter Konkurrenzkampf darum, den Machthabern einen geeigneten gedanklichen Boden zu bereiten. Wer in diesem Wettbewerb nicht die erforderlichen Leistungen erbringt, wird schnell beiseitegeschoben. Dort liegt schon eine Vielzahl gescheiterter Journalist*innen und Kolumnist*innen.

In Ungnade Gefallene

Je stärker die AKP innen- wie außenpolitisch in Bedrängnis gerät, desto schneller werden die Leute ausgesiebt. Erst vor Kurzem mussten wir erleben, wie Ahmet Taşgetiren, der jahrelang für die AKP schrieb, aus den regierungsnahen Zeitungen ausscheiden musste.

Taşgetiren hatte es gewagt, eine „freundschaftliche Kritik“ an ein paar Punkten der Regierungspolitik zu formulieren und wurde vor die Tür gesetzt, ohne dass jemand seine jahrzehntelange Loyalität in Rechnung gestellt hätte.

Mehtap Yıldız schickte ihm in der Yeni Akit noch einen Tritt hinterher: „Wir brechen mit jemandem, der gedankliche Turbulenzen durchläuft. Wir dürfen keine Risiken eingehen. Wir müssen wachsam bleiben. So sind wir nun mal! Finden Sie nicht auch, dass er seinen Fehler sehr hartnäckig verteidigt hat? […] Jedenfalls scheint sein Über-Ich ihm befohlen zu haben, in den verbotenen Apfel zu beißen. Nur damit eine Handvoll Hirnloser ihm applaudiert, hat er alle Brücken hinter sich verbrannt.“

Keine Kritik ohne Strafe

Was die regierungstreue Kollegin mit dem Biss in den verbotenen Apfel meint, ist, kritisch über die Regierung zu schreiben, und mit der Handvoll Hirnloser meint sie alle Oppositionellen. Der Satz mit dem verbotenen Apfel jedoch ist ein regelrechtes Juwel.

Entweder weiß die Autorin nicht, dass das Über-Ich doch gerade der Vater ist, der den Genuss des Apfels verwehrt, oder sie hat noch nie etwas vom Es gehört. In jedem Fall hat sie am Beispiel Ahmet Taşgetiren in aller Deutlichkeit zur Sprache gebracht, dass der verbotene Apfel nichts anderes ist als Kritik an der Regierung.

Der wohl radikalste Bruch trat mit dem Krieg zwischen der AKP und ihrem langjährigen Verbündeten, der Gülen-Gemeinde, ein.

Journalisten als Streitschlichter

Anfangs, als die Spannungen noch nicht in einen offenen Krieg ausgebrochen waren, spielten sich gerade regierungsnahe Journalist*innen zu regelrechten Mediator*innen zwischen den beiden Konfliktparteien auf. Als dann mit härteren Bandagen gekämpft und deutlich wurde, dass eine Mediation nicht glücken würde, mussten sie sich dafür entscheiden, sich einem der beiden Lager anzunähern.

Wer an dem Punkt, als noch nicht abzusehen war, wer wen zerschmettern würde, auf das Pferd ­Gülen gesetzt hatte, landete entweder im Gefängnis oder floh ins Ausland. Wer aber sein Geld auf die Regierung, aufs „Über-Ich“, gesetzt hatte, bekam den vielfachen Wetteinsatz zurück. Doch gerade für die Gewinner ist jetzt eine neue Periode der Spannungen angebrochen.

Bündnisse mit Kemalisten

Die AKP bemüht sich um neue Bündnisse und versucht derzeit, die Kemalisten auf ihre Seite zu ziehen, die sie in der Vergangenheit bekämpfte. Manche Kolleg*innen konnten diesen Schachzug der Machthaber schnell nachvollziehen und passten sich an, indem sie eine geeignete Position für den nun folgenden Vorstoß einnahmen. Einige gestandene islamistische Journalist*innen mit antikemalistischem Profil finden in letzter Zeit immer mehr Gutes an Atatürk, vor allem in ihren Fernsehprogrammen.

Einer von ihnen schoss sogar über das Ziel hi­naus, indem er vor lauter Aufregung in einer Livesendung begann, den Izmir-Marsch anzustimmen, ein altbekanntes Kampflied der Kemalisten. Tagelang wurde er in den sozialen Medien mit Spott überschüttet. Es handelte sich übrigens um den Mann, der als der Urheber der Falschmeldungen über die angeblichen Putschpläne in der WhatsApp-Gruppe der oppositionellen Journalist*innen gelten darf: den Chefredakteur der Zeitung Güneş.

Harte Zeiten für Regimetreue

Um es kurz zu machen: Für regierungstreue Journalist*innen reicht es nicht, ihre Treue zur Regierung zu beteuern, sondern sie müssen richtig hart Leistung bringen. Um in den Genuss der Vorteile von Regierungsnähe zu kommen, müssen sie immer unerbittlicher, vor allem auch untereinander, austeilen. Die Zeiten werden absehbar härter.

Seit Juli 2016 lebt die Türkei in einem Ausnahmezustand, der mittlerweile die Regel ist. Bei einem der per Notstandsdekret geschlossenen Fernsehsender arbeitete mein Freund Eren als Kameramann.

Lieber arbeitslos als permanente Angst

Er sagte damals über seine begünstigteren Kolleg*innen: „Ich bin lieber arbeitslos, als mich um die Gunst der Mächtigen zu bemühen. So ist es einfacher, die Berufsethik nicht zu verletzen, und man ist auch die permanente Angst los, bei einem falschen Schritt seinen Job zu verlieren, sobald man nicht rund um die Uhr den Politikern Honig um den Bart schmiert.“

Wenn ich mir den Kollegen vor Augen führe, der sagte: „An dem Tag, an dem die AKP ihre Macht verliert, ist unsere Berufskarriere zu Ende“, dann denke ich manchmal, dass es kritischen Journalist*innen trotz Gerichtsverfahren, Gefängnis, Exil und Zensur doch noch ein bisschen besser geht. Finden Sie nicht auch?

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

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1981 in Hakkâri geboren. Studium der Kommunikationswissenschaften an der Ankara Universität. Seine journalistische Karriere begann er im Jahr 2000 bei der Online Zeitschrift bianet. Er war als Reporter, Redakteur und Autor tätig für verschiedene Medien, unter anderem für Express, BirGün und Radikal und leitete das Hauptstadtbüro des Fernsehsender IMC TV. Aktan veröffentlichte zwei Bücher zum Thema Kurdenkonflikt und ist aktuell tätig für die Zeitschriften Express, Al Monitor und Duvar.

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