Schulsenator Rabe über Hilfe für schwache Schüler: "Nachhilfe für alle Kinder"

Schulsenator Ties Rabe (SPD) will schon diesen Sommer das Sitzenbleiben abschaffen. Stattdessen sollen alle leistungsschwachen Kinder Nachhilfe bekommen.

Schulsenator Rabe will an zwei Dingen nicht rütteln: den Klassengrößen und den Unterrichtsstunden. Bild: Schulbehörde

taz: Herr Rabe, was macht mehr Spaß, Opposition oder Regieren?

Ties Rabe: Regieren. Weil man viel klarer Dinge durchschauen und Dinge tun kann.

Sie wollen die Unterrichtsqualität verbessern. Sind Sie auch für eine neue Lernkultur, oder gehen Sie andere Wege?

50, ist Gymnasiallehrer, Vater von drei Kindern und seit März Schulsenator. War zuvor Journalist, SPD-Bürgerschaftsabgeordneter und SPD-Landesgeschäftsführer.

Ich fand diese Ansätze richtig. Ein binnendifferenzierter, individualisierter Unterricht muss in Hamburg weiter vorangetrieben werden. Aber das ist nicht das Einzige, was Qualität ausmacht. Dazu gehört, dass der Lehrer Anspracheformen entwickelt. Ich höre von Schülern: in dem Unterricht blühe ich auf, wo ich das Gefühl habe, der Lehrer mag mich und er ist mir zugewandt. Diese innere Haltung gilt es zu erzeugen. Dazu zählen viele andere Punkte. Ich würde das Thema gerne erweitern.

Ein Streitpunkt sind Zensuren. Wird es unter Ihnen wieder benotete Diktate geben?

Rechtschreibung lernt man auf vielfältigem Weg, nicht nur durch Diktate. Ich halte nichts davon, eine Methode kategorisch auszuschließen. Eine Rechtschreibarbeit sollte nicht aus einem Diktat bestehen. Aber das Diktat als ein Element einer Arbeit finde ich richtig. Falls der Bildungsplan dies nicht zulässt, werden wir das ändern.

Werden Sie das Sitzenbleiben abschaffen wie geplant?

Ja. Aber ich mache dies deutlich schneller. Nach dem alten Plan würden erst in fünf Jahren alle Kinder davon profitieren. Wenn wir die Mittel des Bildungspakets aus Berlin klug einsetzen, dann können wir vielleicht schon zum Sommer 2011 mit einem Förderprogramm starten, das allen vom Sitzenbleiben bedrohten Schülern hilft.

Das Programm "Fördern statt Wiederholen" gibt es jetzt schon in den 4. und 7. Klassen.

Hamburg hat die durch die Abschaffung des Sitzenbleibens frei werdenden Resourcen in Förderunterricht umgeschichtet. Das sind 2.400 Euro pro Kind, das bisher sitzenblieb.

Muss man nicht mehr Kindern fördern als nur die, die tatsächlich sitzenbleiben?

Das stimmt. Das zweite Problem ist der Stufenplan. In diesem Jahr fördert man die Klassen 3 und 7. Im nächsten 3,4 und 7 und 8. Ab 2013 dann 3,4, 5 und 7, 8, 9 und so weiter. Das macht uns Bauchschmerzen.

Weil es jetzt den Nachhilfe-Anspruch für arme Kinder gibt und es komisch wäre, sie nur diesen zu gewähren?

Richtig. Wir möchten hier keine Unterscheidung von armen und reichen Kindern.

Wer soll die Nachhilfe durchführen?

Hamburg hat den Vorteil, dass es schon erste Erfahrungen gibt. Bisher haben die Schulen die Wahl, ob sie Lehrer einsetzen oder Honorarkräfte bezahlen. Wir haben Rückmeldungen: Die erfolgreicheren Konzepte scheinen zu sein, dass über Honorarkräfte eine Art staatliches Nachhilfesystem aufgebaut wird.

Die GEW sieht das kritisch. Sie sagt, Lernförderung müsse durch qualifizierte Lehrer erfolgen.

Es gibt da ein zusätzliches Problem: Die Bundesmittel aus Berlin dürfen vermutlich nicht für Lehrerstellen eingesetzt werden. Deswegen können wir das Berliner Geld vermutlich nur in die andere Richtung bewegen, indem wir über Honorarkräfte oder Fristverträge dies organisieren. Wir wollen aber nicht zwei verschiedene Fördersysteme. Alle Schüler sollen die gleichen Angebote bekommen.

Wenn Sie dies zum Sommer 2011 starten, brauchen sie zusätzliches Geld.

Dass wir durch Umschichtung an anderer Stelle finden.

Wo denn?

Sie haben es in ihrer Zeitung ja schon angedeutet. Schon jetzt zahlt Hamburg beispielsweise das Essensgeld für arme Kinder. Wenn Berlin uns dabei hilft, müssen wir nicht mehr so viel Essensgeld finanzieren.

Sie werfen Schwarz-Grün Luftbuchungen vor?

Die auch von der SPD mit auf den Weg gebrachten kleinen Klassen kosten auch in Zukunft aufwachsend mehr Geld. Im jetzigen Etatentwurf von Schwarz-Grün wird dies durch angebliche Einsparungen von rund 70 Millionen Euro finanziert. Die sind zum Teil aus der Luft gegriffen.

Müssen die Schulen jetzt wieder sparen?

Es gibt ab 2020 ein Verschuldungsverbot. Entweder wir machen weiter wie bisher und schließen ab 2019 staatliche Einrichtungen. Oder wir versuchen, ab jetzt genau bei jeder Ausgabe zu gucken, gibt es eine andere, mit der wir dies gegenfinanzieren?

In CDU-Zeiten wurden die Klassen größer gemacht.

Für uns gibt es zwei Tabus: Die Klassengrößen und die Unterrichtsstunden werden nicht angefasst. Das begrenzt in der Tat das Sparen auf andere Bereiche.

Schwarz-Grün wollte die Nachmittagsbetreuung an die Grundschulen verlagern. Was wird aus dieser Hortreform?

Zum Sommer werden 21 Modellschulen starten. Wir waren immer vorsichtig, was die Ausweitung betrifft. Wir haben aber das Ziel, uns in den nächsten Monaten mit den Kita-Trägern und auch in der Politik und mit den Schulen auf einen Fahrplan zu verständigen.

Könnte es teuer werden, weil Sie den Betreuungsschlüssel nachbessern?

Das Prinzip sah bisher vor, dass Hamburg eine Summe von 90 Millionen Euro bereit stellt. Wir müssen damit auskommen.

Was wird aus der Inklusion? Jedes behinderte Kind hat das Recht, eine Regelschule zu besuchen. Aber die Schulen klagen über mangelnde Ressourcen.

Wir wollen ein Modell entwickeln, wie wir die vier verschiedenen Formen der Integration, die es bisher gibt, vereinheitlichen. Aber diesen großen Wurf schaffen wir nicht zum neuen Schuljahr. Deshalb gucken wir, ob wir die Schulen im nächsten Jahr durch Erzieherstunden entlasten können.

Die Vorschulen hatten mit über 8.000 Anmeldungen einen Rekord. Sie haben das begrüßt und jedem Kind einen Platz versprochen. Haben Kinder, die mit fünf in der Kita bleiben, schlechtere Chancen?

Nein, ganz und gar nicht. Wir haben zwei Systeme in Hamburg, die beide gut funktionieren. Beide haben ihre Stärken.

Sollte man die Konkurrenz beenden? Kita und Vorschule könnten das Jahr teilen.

Das halte ihr für juristisch schwierig. Es ist in der Regel so gewesen, dass die eine Hälfte sich für den einen und die andere für den anderen Weg entscheidet. Ich verstehe nicht, warum da etwas geändert werden muss.

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