Schulreformer treffen sich am Bodensee: Im Treibhaus des Lernens

Eine Doku über alternatives Lernen sorgt für Diskussionen unter Schulreformern. Die gründen Netzwerke und nehmen den Film zum Anlass für einen Bildungskongress der anderen Art.

Selber lernen statt Frontalunterricht. Szene aus "Treibhäuser der Zukunft". Bild: promo

Von 2. bis 5. Oktober treffen sich Schulerneuerer zum Kongress "Treibhäuser & Co". In Bregenz und in verschiedenen Schulen rund um den Bodensee werden ganz unterschiedliche Leute zusammenkommen, die zwei Dinge gemeinsam haben: Sie gehören zum Netzwerk des Filmemachers Reinhard Kahl. Und sie wollen das alte Lernen überwinden - und zeigen, wie das neue Lernen längst gelingt. www.adz-netzwerk.de.

Es ist ein Film, der die Diskussion über Bildung veränderte. Im Grunde ist es nur eine einzige Szene. Aber sie macht Zuschauer immer wieder fassungslos. Ein Klassenzimmer morgens gegen halb acht. Der Lehrer ist schon da und zwei Schüler. Es ist still. Der Lehrer bereitet den Raum für den Unterricht vor. Die Schüler gehen an ihren Platz, nehmen sich Hefte und Materialien - und beginnen zu arbeiten. Von sich aus. Für sich ganz allein. Jeder an etwas anderem. Nach und nach kommen noch mehr Schüler herein. Sie reichen ihrem Lehrer die Hand.

Wieder das selbe Bild. Die Schüler fangen an zu arbeiten. Einfach so. Der Lehrer sagt kein Wort. Es gibt kein Geschrei, keinen Gong, keinen Lehrervortrag. Die Schüler lernen einfach los.

Die Szene spielt in der Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen. Sie gehört zum Film "Treibhäuser der Zukunft: Wie Schulen in Deutschland gelingen". Der Film hat sich mittlerweile 50.000-mal verkauft. Er wird gern in Gruppen geguckt. Von Eltern, Lehrern und jenen Menschen, die endlich mal sehen wollen, dass Schule tatsächlich auch klappen kann. Denn die Bodenseeschule ist ja obendrein eine Hauptschule, und die beobachtete Klasse besteht aus 14-Jährigen, die in oder kurz vor der aufregenden Pubertät stehen. Die gefühlte Wahrnehmung solcher Klassen ist normalerweise die, dass Unterricht nicht etwa leise beginnt, sondern dass er eigentlich gar nicht beginnt.

In der Szene Kahls beginnt nicht nur das Lernen leicht, der Film ist auch der Startpunkt für eine Geschichte. Denn der "Treibhäuser"-Streifen ist zu einem Katalysator der Schulerneuerung geworden. Bei Reinhard Kahl klingelte nach dem Film ununterbrochen das Telefon. Eher aus Notwehr heraus baute er dann zusammen mit anderen das "Archiv der Zukunft" auf. Heute ist der Film Knoten eines Netzwerks von Schulerneuerern. Ende nächster Woche treffen sie sich zum zweiten Mal. Rund 1.500 Leute sind es dann, die am Bodensee zu "Treibhäuser & Co" zusammenkommen. Und es wird alles andere als einer der üblichen Bildungskongresse sein. Denn die Teilnehmer sind nicht nur Lehrer, es sind Unternehmer, Künstler, Architekten, Therapeuten, Forscher, sie sind ganz verschieden, es eint sie vor allem eines: Die alte Schule finden sie, auf Deutsch gesagt, scheiße. Sie wollen eine andere Schule, die Froks, die Friends of Reinhard Kahl.

Der Kongress ist ein Versuch. Überall im Land wird über neue Schule und neues Lernen geredet. Zum Beispiel bei Anne Will einen ganzen Sonntagabend lang über "individuelle Förderung" - ohne dass ein Mensch erklären könnte, was das eigentlich ist und wie es wirklich geht. Der Kongress aber will zeigen, dass neues Lernen gelingen kann. "Es ist ein Versuch, interessante selbst denkende, selbst handelnde, manchmal auch verrückte, auf jeden Fall eigensinnige Leute zusammenzubringen."

"Ein gutes Stück Eigensinn bringt Reinhard selbst mit", versichert Ulrike Kegler. Die Rektorin der Montessorischule in Potsdam ist ebenfalls eine Treibhaus-Schule. Für viele Gründungsmitglieder des "Archivs der Zukunft" wie Kegler war die Person Reinhard Kahl Auslöser für den Zusammenschluss. Zum Beispiel für den Architekten Peter Hübner: "Ich sehe in ihm eine Bestätigung meiner Überzeugung, dass nur einzelne Menschen mit Visionen die Welt verändern können." Der pädagogische Architekt plant zusammen mit Schülern und Lehrern, also den späteren Nutzern, die "andere Schule", die "Schule als Lebensraum". "Ich bin mir sicher, dass nur gemeinsam mit Gleichgesinnten ein Wechsel des Schulsystems erreicht werden kann", sagt Hübner. Die sollen, so unterschiedlich sie sind, zeigen, dass es klappen kann.

Früher hätte Reinhard Kahl nicht zuerst ans Gelingen gedacht. Es hätte versucht, zu kritisieren.

Reinhard Kahl gehört zur Generation der 68-er. "Diese Generation hat viele Vorteile, aber auch manche Macken", sagt der 60-Jährige. "Eine davon ist, dass wir uns lieber als Kritiker der Welt gefüllt haben denn als wirkliche Teilnehmer." So konnte es manchmal gar nicht schlimm genug kommen, wenn man dabei nur Recht behielte.

In seiner journalistischen Arbeit bei Fernsehen, Hörfunk und Zeitung wurde es für Kahl immer interessanter nach den Dingen zu suchen, die gelingen, und zu fragen: Was ist eigentlich die Bedingung, dass etwas gelingt? Und ist es nicht vielleicht so, dass etwas Gelingendes die viel schärfere Kritik an den schlechten Zuständen sein kann?

Dass es am Bodensee zu diesem Kongress kommt, hat seinen Grund. Weil die Bodenseeschule genau dort steht. Und weil Kahl am Bodensee auch andere exzellente Schulen und Schulreformer fand. Dabei ist etwas Merkwürdiges geschehen: Kahl lernte Menschen mit ganz ähnlichen Visionen vom neuen Lernen kennen - die sich untereinander gar nicht kannten. Auf der Schweizer Seite des Bodensees zum Beispiel arbeitet die Schule "Haus des Lernens", initiiert von Peter Fratton, der ein Lehrer war und es allen zeigen wollte, wie es anders geht. Inzwischen hat er 18 Schulen in verschiedenen Ländern gegründet. Aber Fratton wusste nicht viel über die Bodenseeschule auf der anderen Seeseite.

Wenn man sich am Bodensee schon nicht kennt, dachte sich Reinhard Kahl, wie sieht es dann erst im Großen aus? Also galt es, den Austausch zu fördern. Denn auch heute ist es immer noch ein Hauptproblem, dass viele vereinzelt nebeneinander arbeiten. Die Leute, die etwas taugen, die es in ihrer Intuition haben, dass sie kritisch prüfend vieles weiterbringen könnten, schreiben sich häufig nicht die Würde und die Kompetenz zu, das machen zu können. Oft genug verlangen sie, dass ihnen im Zweifelsfalle doch noch die Behörden sagen, was richtig ist. Sie widersprechen nicht, sie verstecken sich. "Sie suchen nach wissenschaftlichen Blaupausen", regt sich Kahl auf. "Da kann man zitieren, statt in erster Stimme selbst zu sprechen." Kahl setzt dagegen, wie er es nennt, die Intelligenz der Praxis. Denn sie ist ein ständiger Dialog mit den Ansprüchen und den Bedingungen - und keine selbstgenügsame Theorie.

Sich von anderen kritisieren und dadurch prüfen zu lassen - dazu benötigen gute Schulen noch andere Erwachsene als nur Lehrer. Gesellschaft, die gute Schulen machen will, muss die Schule zum hervorragenden Thema für die Erwachsenen und zum interessanten Ort für die Kinder und Jugendlichen machen. "Das müssen unsere modernen Tempel sein, die Kathedralen, wo wir sagen: So sieht ein gelungenes Haus aus." Diese These brachte Kahl vor Jahren aus einer dänischen Berufsschule mit.

"Ausgerechnet in einer Berufsschule hing überall Kunst an den Wänden, und die Türklinken waren pures Design", erinnert sich Kahl. "Wir Deutschen fanden es ein wenig übertrieben." Doch der dänische Kollege konterkarierte das deutsche Verständnis: Umwelt sei nicht nur, wenn irgendwo Öl ausläuft. Umwelt bedeute Milieu. Die Gemeinde stellt der Schule jährlich 20.000 Euro zur Verfügung, um Originalkunst einzukaufen und sie auch hinzuhängen. Die erste Frage der Deutschen: "Wird es denn nicht zerstört?" Für Reinhard Kahl ist dadurch eines klar: Die deutschen Lehrer und die deutschen Schüler haben die gleiche Fantasie, die sich ändern muss.

Kahl geht es übrigens nicht um die Schulstudie Pisa und die Schockwellen, welche sie alle paar Jahre durchs Land schickt. Pisa ist nicht unwichtig, aber es ist nur der Mindesteinsatz. Es zeigt, was alles nicht geht. Es geht aber darum zu zeigen, was alles möglich ist - und wie. Wieso die Kunst in einer deutschen Kunsthalle nicht zerstört wird, wahrscheinlich aber an einer deutschen Schule, verrät Alfred Hinz, der ehemalige Rektor der Bodenseeschule: "Wenn die Atmosphäre und die Gelegenheiten gut sind, lässt sich Lernen überhaupt nicht vermeiden." Dann machen die Schulen ihre Pisa-Ergebnisse mit links.

"The problems are our friends", diese Sichtweise des kanadischen Erziehungswissenschaftlers und Change-Theoretikers Michael Fullan verbreitet Kahl mit seinem Film und dem Netzwerk. Aus einem Problem nicht nur Lösung, sondern auch eine neue Möglichkeit machen - das können auch Schüler selbst. Die Schüler der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden etwa weigerten sich, erst über die Dritte Welt nachzudenken - und dann nach Schulschluss die türkischen Putzfrauen ihren Dreck wegräumen zu lassen. Nun putzen sie selber - und die Schule kann das so eingesparte Geld für professionelle Theaterregisseure ausgeben. Seitdem ist im achten Schuljahr sechs Wochen lang Theater angesagt. "An der Stelle, wo man normalerweise keinen Weg sieht, haben die Schüler selbstständig gehandelt und etwas Neues entwickelt", erklärt Kahl. Diese Schule sei voller solcher Geschichten. Das zeichne gelungene Schulen aus. Sie haben eine Biografie. Sie sind institutionelle Individuen. Und nur Individuen können lernen.

Alle Treibhaus-Schulen sind anders, und doch sind sie verwandt. Keinesfalls sind das Einzelfälle. Ein Beispiel folgt dem anderen. Heute würde kein vernünftiger Unternehmer oder Politiker diesen Schulen widersprechen. Auch VW oder Mercedes braucht keine Leute mehr, die Befehlsempfänger sind. Die Maschinenarbeiten machen die Maschinen. Neu ist: Die Menschen dürfen beziehungsweise sollen etwas wollen. Häufig herrscht aber noch in den Schulen die Vorstellung: Eigentlich müssen wir, auch wenn wir es nicht wollen, uns irgendwie aufs spätere Leben abrichten.

Dagegen kämpfen auch die Eltern, die die Schulen mit neuen Elementen vorantreiben: Die auf Frontalunterricht, Fächer, Zensuren und klassische Sitzordnung verzichten, die es lieber hätten, wenn ihre Kinder in der Schule jahrgangsübergreifend lernen, individualisiert und selbstständig arbeiten können, wenn sie, kurz gesagt: lernen zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinander.

Dennoch trauen sich viele Lehrer und Erwachsene nicht. Sie haben Angst davor, einen Einbruch zu erleben. Sie zweifeln, ob Schüler wirklich so lange selbstständig arbeiten können. Schulleute haben einfach kein Bild im Kopf von naturhaften selbstständigen Schülern, sie muten ihnen nichts zu.

"Genau das war der Impuls meiner journalistischen Arbeit", betont Reinhard Kahl. Bilder zu zeigen, dass es doch geht. "Ich erfinde nichts. Ich bin eine Art Trüffelschwein." Damit sind nicht nur Bilder im fotografischen Sinne gemeint, sondern Bilder als Entwürfe und Metapher für das, was man für möglich hält. "Mit meinen Bildern will ich den Möglichkeitssinn erweitern", sagt der Filmemacher. "Wenn Erwachsene nicht daran glauben, dass es in den Kindern viel mehr steckt, als man weiß, dann werden sie es nicht herausfordern."

In einer Szene des "Treibhäuser"-Films wird der Lehrer nach einem Schüler befragt, der sich gerade ein bisschen mit dem Lernen quält. Der Lehrer ist ganz gelassen. Der könne das, es gebe nur grad ein Problem zu Hause, das ihn behindere. Aber darüber könne man reden. "Denn ich interessiere mich für ihn", sagte der Lehrer dann. "Ich interessiere mich wirklich für ihn."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben