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Schüttel den Bauch

Eine kurze Geschichte des Bauchtanzes könnte sich etwa so lesen: Zunächst tanzten die orientalischen Männer vor ihren Kalifen und Königen, zumeist mit Schwert oder Stock bewaffnet. Nach einiger Zeit fanden auch viele Frauen hieran Geschmack, bis im prüden Mittelalter ein reicher Pascha in Bagdad beschloss, dass Frauen nicht mehr öffentlich tanzen sollten, schon gar nicht bauchfrei. Wieder mussten die Männer ran. Um die erotische Komponente nicht zu kurz kommen zu lassen, wurden nun hauptsächlich Eunuchen und weiblich wirkende Homosexuelle zum Tanz berufen. Aber irgendwann wurde das den meisten Männern doch zu weiblich, vor dem Fürsten die Hüfte zu schwingen, und so wurde es wieder zum Frauenjob. Allerdings wird in einigen orientalischen Kulturen, etwa im Jemen, auch heute noch weiterhin nur von – bewaffneten – Männern bauchgetanzt.

Auch in Deutschland widmen sich immer mehr Männer dem Bauchtanz, wie Katharina Joumana vom Studio für Orientalischen Tanz „Azadeh“ in Berlin bestätigt. Hauptsächlich in der Homosexuellengemeinde ist der Tanz im bauchfreien Dress, der sich weibliche Bewegungen zum Vorbild nimmt, en vogue. „Schwule Männer schmücken sich gerne, und es macht ihnen Spaß, sich zu verkleiden, deswegen spricht sie das Angebot für Bauchtanzkurse vielleicht mehr an“, mutmaßt Joumana. Das stößt bei Traditionalisten freilich auch auf Widerstand. So findet Sven Loos, Bauchtänzer in Berlin, dass viele Schwule die Sache nicht ernst genug nähmen und ihnen der historische und kulturelle Hintergrund meist unbekannt oder gleichgültig sei.

Die Frauen tun es sowieso. Längst ist der Bauchtanz fester Programmbestandteil jeder besseren Volkshochschule – ob in Berlin oder in Weiden in der Oberpfalz. Dass türkischen Frauen beim Anblick ihrer bauchtanzenden deutschen Schwestern Tränen in die Augen treten, stört offensichtlich die wenigsten. Und Fachfrau Joumana weiß, dass es nicht darauf ankommt, möglichst orientalisch-üppige Formen zu haben. „Am besten tanzen einfach feminine Frauen, die ein gutes Körpergefühl haben.“

Im Übrigen scheint der Bauchtanz ein echtes Allheilmittel zu sein: Ob Regelschmerzen, Zellulitis, Essstörungen oder Rückenbeschwerden – das Schwingen mit Hüften und Leib verspricht in jedem Fall Erleichterung. Besonders beliebt: orientalischer Tanz zur Geburtsvorbereitung. Eines der Kultbücher in der Szene heißt „Der Ruf der Großmutter. Oder die Lehre des wilden Bauches“.

CATHARINA RETZKE

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