Schöne Aussicht: Liebe zum Balkon

Er ist die Schnittstelle zwischen Natur und Wohnung, aber auch Beobachtungsposten zur Außenwelt: Der Balkon.

Balkon in Hamburg. Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

HAMBURG taz | Schaut man die Immobilen-Anzeige in den Zeitungen durch, gewinnt man den Eindruck, dass sich kaum noch eine Wohnung ohne Balkon vermieten oder verkaufen lässt. Früher allenfalls zum Kühlstellen von Bierkästen geschätzt, erlebte dieser kleine Austritt an der Wohnung in den letzten zehn oder auch zwanzig Jahren einen enormen Zuwachs an Wertschätzung.

Wird ein Althaus saniert, werden sofort auch Balkone als Stahl- oder Holzkonstruktionen vor die Fassade gestellt, es werden neue Dachgeschossgauben mit schmalen Freiluftzonen veredelt, Altane aufs Dach gebockt oder, wenn die Bauordnung derartiges nicht zulässt, wenigstens einige Fenster durch die französische Version, bodentief zu öffnen, ersetzt, sozusagen als Minimalangebot eines gerade noch gefühlten Balkons.

Ein Sehnsuchtsort

Ob die Wohnqualität einer im Renovierungszuge zumeist gedämmtem und dazu abgedichteten Bleibe durch diese Sauerstoffexklave wirklich etwas dazu gewonnen hat, sei zumindest einmal hinterfragt. So wie sich ja ganz grundsätzlich die Frage aufdrängt, was in Zeiten von Billigflügen in reizvolle Landschaftsregionen denn nun das Faszinosum des häuslichen Balkons ausmacht, des am Wochenende oder gar zu den Ferien so gepriesenen Sehnsuchtsortes Balkonien?

Der Balkon hat eine lange Baugeschichte. Im mehrstöckigen Bauernhaus des Alpenraumes erfüllte er die Funktion eines trockenen, durch das große Hausdach geschützten Lagerortes, auch für Viktualien. Mitunter zierten mehrere Balkone übereinander stolze Giebelfronten, aber trotz ihres fotogenen Geranienschmucks: Plätze des Müßigganges waren sie nicht.

Feudale Variante

Die feudale bis bürgerliche Variante des Mittelalters, als Erker auf der Fassade oder als Auslug an der Gebäudeecke, war wehrtechnischen Ursprungs, ermöglichte den partiellen Rundumblick. Später diente ein Erker zur besseren Belichtung des Innenraums, wurde dessen stärker durchfensterte Erweiterung sowie die Fassade gliedernder Bauschmuck.

Der Platz im Erker oder allgemein am Fenster wurde zum Refugium der bürgerlichen Frau. In ihrer außerhäuslichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt, versprach ihr die sensible Schnittstelle zwischen Innen und Außen ein Mindestmaß an Orientierung, Information oder Kommunikation.

Die holländische Genremalerei etwa eines Jan Vermeer verewigte diese Situation, Caspar David Friedrich unterlegte sie später mit Momenten der Freiheitssehnsucht. In islamischen Ländern hält sich der als Maschrabiyya bezeichnete Erker immer noch als Platz der Frau.

Herrschaftssymbol Balkon

Dass sich der umschlossene Erker zum ganz oder teilweise offenen Balkon entkleidete, war nur eine Frage der Zeit. Aber über Jahrhunderte war er noch weit entfernt von seiner heutigen Instrumentalisierung als Freizeitbereich. Er wurde etwa zum Herrschaftssymbol, so in seiner Ausprägung als Erscheinungsbalkon kirchlicher oder säkularer Würdenträger, die von erhöhter Position dem Volke verkündeten.

Der Papst pflegt noch immer diesen Auftritt, Despoten weltweit ohnehin sowie Hochzeitspaare des europäischen Hochadels. Und ja: Auch meisterliche Fußballmannschaften in Deutschland bedienen sich dieses rituellen Ortes, selbst wenn uns hierzulande die unrühmliche Variante als Führerbalkon eigentlich zur Vorsicht gemahnen sollte.

Schmuckbalkon nach Norden

Die Profanisierung des Balkons setzte mit dem erstarkenden Bürgertum ein, seinen Siegeszug auch in norddeutscher Klimaregion erlebte er im 19. Jahrhundert. Herrschaftliche Wohnhäuser erhielten dann oft zwei Sorten Balkone, straßenseitig sogenannte Schmuckbalkone und hofseitige Wirtschaftsbalkone für Hausarbeit oder die Wäsche.

Da die schematischen Raster gründerzeitlicher Stadterweiterungen nicht unbedingt auf die optimale Ausrichtung der Bebauung Wert legten, konnten schon mal der Schmuckbalkon nach Norden und der Küchenbalkon zum Süden liegen. Was nur unterstreicht, dass eine Nutzung zur großbürgerlichen Sonnenexposition gar nicht vorgesehen war.

Erst der Wohnungsbau der 1920er-Jahre orientierte seine mitunter winzig kleinen Balkon oder die in die Fassadenfront eingezogene Loggia konsequent nach Westen, begründete seine Feierabendfunktion für die werktätige Klasse. Zum programmatischen Emblem modernen Lebens erhob die experimentelle Fotografie des Bauhauses die minimalistischen Betonaustritte an seinem Atelier- und Wohntrakt in Dessau.

Proletarische Usurpation

Die mitschwingende Historie einer proletarischen Usurpation vormals herrschaftlicher Bauattribute sowie die alltagspraktische Tauglichkeit erklären aber nicht die ungemeine Liebe zu Balkon. Was also dann? Ob mit Outdoor-Mobiliar überfrachtet, zum Grillen missbraucht oder als Ort gärtnerischer Ambition der private Traum vom Paradies: Der Balkon scheint der letzte Raum ungehemmter Eigeninitiative zu sein, der gelebten Anarchie in einer durchrationalisierten und optimierten Lebenswirklichkeit.

Er bietet tröstliche Exklaven elementarer Erfahrung: mit dem Wetter, den Tages- und Jahreszeiten, der Flora und Fauna oder auch nur der direkteren sozialen Nähe zum ansonsten unbekannten Nachbarn, für die es neue Formen der Interaktion zu ersinnen gilt.

Weitere Berichte und Geschichten über den Balkon im Norden (mit Gastbeiträgen aus Berlin) finden Sie in der Nord-Ausgabe der gedruckten Wochenend-taz oder hier.

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