Schlechter Start des CSU-Chefs: Seehofer muss erst Bayer werden

Auf dem CSU-Parteitag wollte sich Horst Seehofer als starker Mann für Bayern zeigen. Doch die Delegierten feierten lieber den scheidenden Ministerpräsidenten Beckstein.

Schon seine erste Niederlage kassiert: CSU-Chef Horst Seehofer Bild: dpa

Wenn Georg Pfister, 73, aus Breitengüßbach bei Parteitagen auf die Bühne steigt, wird er für gewöhnlich ausgelacht. Daheim ist er ein kleiner Kreisrat, an diesem Samstag in München spricht er vor 1.000 Parteifreunden. Er trägt einen schwarzen Filzhut und nuschelt extravagante Thesen ins Mikrofon. Etwa wenn er über die Ursache für das Wahldebakel spricht: "Ihr habt die Wahl verloren, weil ihr nicht auf den Pfister gehört habt."

Aber dies ist kein Parteitag wie jeder andere. Heute wird Georg Pfister nicht ausgelacht. Er wird beklatscht. Die CSU höre zu wenig auf die Stammtische, meint Pfister. "Das Rauchverbot hat uns viele Stimmen gekostet." Im ganzen Saal gibt es Applaus. Es ist der wochenlang aufgestaute Ärger an der Parteibasis, der in diesen Momenten herausbricht.

Dabei sollte der Sonderparteitag auf dem Münchner Messegelände eine feierliche Krönungsmesse für den neuen Parteichef und bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer werden. Dann kam die Krise bei der bayerischen Landesbank. Die Koalitionsverhandlungen mit der FDP wurden vier Tage lang unterbrochen, der Koalitionsvertrag erst am Abend vor dem Parteitag noch schnell unterzeichnet. Seehofer wollte seine Macht demonstrieren und den Landesbank-Vorstand zum Rücktritt zwingen. Aber die Mitarbeiter demonstrierten dagegen und die Vertreter der bayerischen Sparkassen stellten sich gegen Seehofer. Der Vorstand blieb im Amt. Als der neue starke Mann Bayerns am Samstag die Halle des Parteitags betritt, hat er schon seine erste Niederlage kassiert.

Seehofer steht schon eine Stunde vor dem Beginn des Parteitags zwischen den noch leeren Tischreihen. Er sagt, er habe gut geschlafen und könne die aufgewühlte Seelenlage der Basis gut verstehen. Hinter ihm steht das Ehepaar Andreas und Stilla Spreng aus Nassenfels. Sie halten ein Transparent mit der Aufschrift "Seehofer für Bayern und Deutschland" in die Höhe - genau wie auf dem CSU-Parteitag vor einem Jahr. Seehofer verlor damals die Kampfabstimmung zum Parteichef gegen Erwin Huber. Den Sprengs zeigten viele Delegierte noch einen Vogel. "Wenn die vor einem Jahr schon auf uns gehört hätten", meint Andreas Spreng, "hätten sie sich das heute hier sparen können."

Aber so überzeugte Seehofer-Anhänger wie die Sprengs gibt es immer noch wenige. Das wird wenig später klar. Als die geschasste Generalsekretärin Christine Haderthauer bei ihrer letzten Rede Seehofer begrüßt, gibt es nur mauen Applaus. Als sie den scheidenden Ministerpräsidenten Günther Beckstein aufruft, stehen hinten in der Halle die fränkischen Delegierten auf und hören minutenlang nicht mit dem Klatschen auf. Beckstein winkt kurz, seine Augen sind feucht. Neben ihm sitzt Edmund Stoiber, die treibende Kraft hinter Becksteins Rausschmiss und Seehofers Triumph. Als er sich erhebt, wird er ausgebuht. So nett war man bei der CSU zuletzt zu Gabriele Pauli.

Delegierte melden sich zu Wort. "Es gibt vor allem in Franken enorm viele Wähler, die enttäuscht sind, weil sie Günther Beckstein gewählt haben und er nun nicht Ministerpräsident bleibt", beschwert sich der Erlanger Oberbürgermeister Siegfried Balleis. Und sein Kollege aus Baiersdorf, Andreas Galster, ruft: "Wir haben einen Ministerpräsidenten Günther Beckstein gewählt und niemand anders."

Dann betritt endlich Horst Seehofer die Bühne. Er sagt: "Meine Aufgabe ist es, alle Volksstämme Bayerns zu vereinen." Seehofer legt sich die linke Hand auf die Brust, er möchte demütig wirken, meint: "Wir alle haben nicht mehr die Nähe zu den Menschen gehabt." Er wirbt für einen neuen Politikstil und für seinen Koalitionsvertrag. Die Delegierten applaudieren freundlich, aber nicht begeistert.

Als die Delegierten ihre Stimmkarten in die Höhe recken, gibt es dennoch kaum Gegenstimmen für die Koalitionsvereinbarung. Seehofer wird mit 90,3 Prozent und 84 Gegenstimmen zum neuen Parteichef gewählt. Ob er die Wahl annehme, wird Seehofer gefragt. "Ich denke schon", murmelt er nur. Er wirkt mitgenommen. Eine Siegerrede mag er nicht halten. Er winkt ab: "Zu den Dingen, die wir anders machen wollen, gehört auch, dass wir nicht mehr so viel reden wollen."

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