Schillernde Uniwelt (1): Theoretiker eines starken Gefühls

Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus hat sich beruflich schon oft geekelt. Er erforscht eines der stärksten Gefühle der Menschheit: Ekel. Sein Fazit nach Jahren der wissenschaftlichen Beschäftigung: Man kann sich nicht gewöhnen

Warum ekeln wir uns vor Ratten? Ekelforscher Winfried Menninghaus hat Antworten. Bild: AP

Berlin ist die deutsche Hauptstadt der Wissenschaft: 4 Universitäten, 4 Kunsthochschulen, 4 Fachhochschulen, 12 Privathochschulen und etwa 140.000 Studierende. Dahinter verbergen sich viele Potenziale, viel Kreativität - und jede Menge schillernde, absonderliche oder skurrile Ideen. Die taz stellt in loser Folge einige Wissenschaftler und ihre Forschungsgegenstände vor. Diese Experten zeichnet das aus, was Wissenschaft eigentlich ausmacht: unbändige Neugier für das Abseitige und Neue.

Deutlich spiegelt sich das Gesicht von Winfried Menninghaus auf dem blanken Glastisch. Akkurat sitzt der Anzug. Das Gesicht des Forschers ist glatt rasiert. Ein einsames Blatt Papier ziert den kleinen Papierkorb auf dem geleckten Teppichboden, auch im Regal herrscht penible Ordnung. Keine schlechte Atmosphäre, um den Ekel zu erforschen und das zu ergründen, was bei anderen Brechreiz auslöst.

Der Professor für Literaturwissenschaft an der Freien Universität ist Ekelforscher. Einer der wenigen seiner Zunft. Der Wissenschaftler, der seinen Studenten in Seminaren die Theorie des Schönen näher bringt, beschäftigt sich theoretisch mit den Ursachen der Abneigung gegenüber Sekreten, Exkrementen und anderen wabbeligen Substanzen. Über 500 Seiten füllt seine "Theorie und Geschichte einer starken Empfindung". Dabei muss der Leser nicht befürchten, sich bei der Lektüre zu übergeben. Menninghaus sagt: "Lust und Ekel liegen nur hauchdünn auseinander."

Leichen, offene Wunden, Kot, Urin, Eiter, Würmer, Ratten oder Maden, neuerdings sogar Körperbehaarung lösen beim Menschen ein starkes Gefühl aus: Ekel, der manchmal zum Erbrechen, sogar zur Ohnmacht führt. Jeder Mensch kennt das Gefühl, jeder hat sich schon einmal geekelt, und doch sagt der Forscher: "Die Empfindung Ekel ist dem Menschen nicht angeboren."

Denn auch das lässt sich beobachten: Kleinkinder, die mit ihrem Kot spielen und Würmer in den Mund nehmen. Fragt man den Professor nach dem Sinn des Ekels, hält er gleich ein ganzes Bündel Erklärungsmuster bereit. "Die Ekelschranke ist Teil des Erwachsenwerdens", sagt Menninghaus. Das beweist auch die Tatsache, dass Ekel in allen Kulturen vorhanden ist.

Um dem Ekel auf die Spur zu kommen, musste sich Menninghaus nicht die Hände schmutzig machen. Er schlug den Gang zum Bücherregal ein. Er begann bei den Antiken-Dramen, in denen eiternde Wunden besungen werden. Danach führte sich Menninghaus jede Menge Insektenfilme - ein nicht gerade unterentwickeltes Filmgenre - zu Gemüte. Und natürlich bot auch die Kunst dem Ekelprofessor genügend Anschauungsmaterial, um das starke Gefühl zu erforschen.

Wie Menninghaus auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer sitzt, sieht er aus wie das Klischee des zerstreuten Professors: Seine Haare stehen ihm zu Berge, als ob er grade dem Ekel persönlich begegnet wäre. "Mein Ekelempfinden ist seit der wissenschaftlichen Beschäftigung eher zurückgegangen", sagt er allerdings.

Ekelshows, in denen Prominenten mit allerlei Unappetitlichem übergossen werden, schaut Menninghaus sich trotzdem nicht an. "Ich wollte mir nicht ansehen, wie Daniel Küblböck mit Maden übergossen wird." Doch die Lust am Ekel, die Zuschauer dieses zweifelhaften Vergnügens empfinden, ist kein Phänomen unserer, wie Kulturkritiker sagen würden, niveaulosen Zeit. "Ekel ist so alt wie die Menschheit selbst." Über die Antike, Aufklärung, Romantik gelangte der Forscher schließlich zum französischen Poeten Charles Baudelaire, ein großer Verehrer des Ekels. Um die Pariser Noblesse im 19. Jahrhundert zu schockieren, ließ Baudelaire sich in seinen Werken lustvoll über Darmwürmer aus, erhob genüsslich die Läuse der Bettler in den Rang der Literatur und besang die Schönheit alter, hässlicher Frauen. Angesichts der vielen Ekelschilderungen in der Literatur drängt sich dem Ekelforscher die Frage auf: Warum behandelte man diese Gefühlsregung bisher so stiefmütterlich? Eine Kernfrage von Menninghaus Forschung - auf die er bislang keine Antwort hat.

Dabei hat das starke Gefühl Ekel durchaus seine Berechtigung in der Natur. Es hält uns auf Abstand vor Dingen, die krank machen. "Die Emotion hält uns fern von Schimmel, schlecht gewordenen Lebensmittel oder schlicht Ungenießbarem", erklärt Menninghaus. Ekel ist also auch eine Schutzreaktion.

Wie viel eigener Ekel schwingt bei der wissenschaftlichen Arbeit mit? Menninghaus schaut bei solchen Fragen belustigt: "Ich habe viel gelacht", erzählt er. Sogar einen Ekellolly - ein Lutscher, in dem sich sichtbar ein Insekt befindet - hatte der Professor auf seinem Schreibtisch liegen. Ekel, ein amüsantes Forschungsfeld.

Besonders der Theorie Sigmund Freuds ist der Ekelforscher zugeneigt. Die besagt, Ekel ist dem Menschen erst im Laufe des Erwachsenwerdens antrainiert worden. Das Ergebnis dieses Zwangs: Man kann sich zeitlebens an seine kindliche Perversionsfreiheit erinnern - und sehnt sich danach.

Was das Ekelempfinden der Privatperson Menninghaus betrifft, unterscheidet sich der Forscher nicht von seinen Mitmenschen. "Trete ich in einen Hundehaufen, ist meine Freude auch nicht groß." Da überwiegt trotz jahrelanger Forschung dann doch das menschliche Gefühl. An bestimmte Dinge kann man sich eben nicht gewöhnen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de