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SchaubühneViele Hände, schnelles Ende

Durch explodierende Lebensmittelpreise wächst der Druck auf arme Menschen. Die jüngst eröffnete Commons Kitchen in Stuttgart-Bad Cannstatt soll Abhilfe schaffen. Hier gibt es nicht nur gratis Essen abzustauben. Dahinter steht ein Gegenentwurf, wie Gesellschaft funktionieren kann.

Gemeinschaftserlebnis Gemüseschnippeln. Fotos: Joachim E. Röttgers

Von Nelly Rommel

Gut ein Fünftel der Menschen in Deutschland ist von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Die Zahl der Wohnungslosen ist stark gestiegen. Viele Menschen kämpfen mit der anhaltenden Inflation und sind zum ersten Mal auf die Tafeln angewiesen. Diese wiederum bekommen immer weniger Lebensmittel, da Supermärkte Konzepte entwickelt haben, die zu weniger Überschuss führen.

Wenn das Geld für Essen knapp wird oder Einsamkeit plagt, gibt es nun eine neue Anlaufstelle im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt. Seit dem 25. November hat die Commons Kitchen in den Räumlichkeiten der alten Schwabenbräu-Passage offiziell geöffnet, eine Gemeinschaftsküche, die gerettete und gespendete Lebensmittel zubereitet und kostenfrei zur Verfügung stellt.

„Jeder, der kommt, ist Mitorganisator“, erklärt Matthias Murjahn, erster Vorstand des jungen Projekts. In der Commons Kitchen wird nämlich nicht für, sondern mit den Gäste gekocht. In dem büroähnlichen Raum mit selbstgebauter Bar gibt es nur die nötigste Einrichtung. An Möbeln steht hier nicht viel mehr als ein langer Tisch mit 20 zusammengewürfelten Stühlen. Den Backofen haben sie von einer Waldorfschule bekommen, die anderen Küchengeräte von Haushaltsauflösungen zusammengeklaubt. Auf der rechten Wand prangt ein Mosaik mit bunten Steinchen. „Daran haben wir sicher drei Wochen gebastelt“, erzählt ein Besucher der Commons Kitchen, der auf der Baustelle mitgeholfen hat. Als das Team der Commons Kitchen im Juni 2022 die Schlüssel erhalten hatte, war der Raum noch komplett leer, sogar die Elektrik fehlte. Nun versammeln sich Murjahn und um die 20 weitere Gäste um das Dutzend grüner Plastikkisten voll mit Spargel, Salat, Paprika und anderen Lebensmitteln. Diese Spenden erhalten sie meist von Großmärkten und Bäckereien.

Ein Raum für alle

„Jeder ist hier willkommen, so wie er ist“, sagt der 42-jährige Murjahn. Zu Gast sind Wohnungslose und Menschen mit Fluchterfahrung, die noch nicht lange in Deutschland leben. Aber auch Personen, die stabil im Leben stehen und genügend Einkommen haben, können mitmachen.

Ein Herr mit weißem Bart lässt einen anderen rohe Rüben und Karottengrün kosten, ein Vater schnippelt Kartoffeln mit seinem 12-jährigen Sohn, zwei ältere Frauen führen ein Gespräch auf Türkisch. Zwar sprechen einige Teilnehmer:innen nur gebrochenes Deutsch, doch verständigen können sie sich trotzdem. Auch Menschen mit Behinderungen, mit denen eine Konversation schwieriger ist, sitzen mit allen anderen gemeinsam am Tisch. Es wird sich nach Allergien erkundigt, jüngere Teilnehmer:innen fragen untereinander auch nach Pronomen. „Ich wasche deinen Teller mit ab“, „Soll ich dir ein Bier mitbringen?“ – die Leute gehen achtsam miteinander um.

Ganz konfliktfrei geht es allerdings nicht. Murjahn betont, dass es schon gewisse Regeln brauche. In der Commons Kitchen sind auch Alkoholiker:innen zu Gast. Wenn ab einem gewissen Pegel der Respekt verloren geht, erfolgt erst eine Verwarnung, später womöglich ein Verweis.

Der Name der Commons Kitchen bedeutet übersetzt „Gemeingut Küche“. Murjahn hat Chemie und BWL studiert und ein Praktikum bei Cradle to Cradle absolviert, einem Projekt, das an Kreislaufwirtschaft arbeitet, um weniger CO2 auszustoßen und möglichst ressourcenschonend zu produzieren. So ist er auf das Thema Commons gekommen.

Gemeingut als gesellschaftliches Konzept

Das Prinzip des Gemeinguts gibt es schon lange. Zu den bekanntesten Commons gehören die Allmenden aus dem Mittelalter, also ein Stück Land, das gemeinsam bewirtschaftet wurde. Tomislav Knaffl wird öfter zu dem Thema als Referent eingeladen. Er ist Mitgründer der „teilbar“ im Stuttgarter Westen, eine Art Bibliothek für Haushaltsgeräte und Werkzeug. Beim Gespräch mit Kontext fasst er das Konzept von Gemeingut grob zusammen als „das gemeinsame Bearbeiten, Teilen, Pflegen und Organisieren von Ressourcen“.

Das kann zum Beispiel ein Föhn sein, der der ganzen Familie gehört, die gemeinsam schaut, wann er gebraucht wird oder ob er repariert werden muss. Aber auch bekannte größere Projekte wie Wikimedia oder Open-Software lassen sich als Commons verstehen.

Auch Commons-Projekte, die sich um Nahrungsmittelversorgung kümmern, gibt es im großen Stil, etwa Cecosesola (Central Coperativa de Servicios Sociales del Estado Lara), eine kooperative Zentrale für soziale Dienste im Bundestaat Lara, Venezuela. Sie betreibt in der Hauptstadt drei Wochenmärkte, die ein Viertel der Bevölkerung versorgen.

Bei Commons-Projekten steht nicht das Eigentum, sondern der soziale Prozess und der gemeinschaftliche Umgang mit dem Eigentum im Vordergrund. „Die Lebensmittel sind nur der Katalysator für den sozialen Raum“, sagt auch Matthias Murjahn über die Commons Kitchen. Da das Essen gespendet wird, müssen die Besucher:innen nichts bezahlen.

Vor der Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008 wurden Commons in der klassischen Ökonomie meist als zum Scheitern verurteilte Projekte gesehen, so etwa durch den US-amerikanischen Ökologen Garrett Hardin und seinen Essay „The Tragedy of the Commons“ („Die Tragödie des Gemeinguts“). Laut Hardin würden Menschen, sobald eine Ressource frei zugänglich sei, versuchen, diese für sich selbst zu maximieren. Sobald zu viele Menschen diese nutzen, und alle möglichst viel für sich rausholen wollen, greife die Tragik der Commons, die im Endeffekt zum Ruin aller führen würde.

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Doch diese Sichtweise ist umstritten. Durch die Wirtschaftskrise 2008 kam eine kurze, aber lebhafte Debatte auf, die die Selbstregulierung des freien Marktes in Frage stellte. Auch die Verleiher:innen des Wirtschaftsnobelpreises erweiterten ihren Horizont. So kam es dazu, dass 2009 die US-amerikanische Professorin für Politikwissenschaft Elinor Ostrom den Preis für ihre Analyse ökonomischen Handelns im Bereich Gemeinschaftsgüter gewann.

International bekannt war sie bereits 1990 geworden mit ihrem Werk „Governing the Commons“, in dem sie sich mit Problemen des Allgemeinguts beschäftigt. Sie entwickelte acht Prinzipien, die eine erfolgreiche Bewirtschaftung von Allgemeingut möglich machen sollen. Zu diesen zählt sie ein Mindestmaß von staatlicher Anerkennung, Konfliktlösungsmechanismen und gemeinschaftliche Entscheidungen.

Bei der „teilbar“, beschreibt Knaffl, wird viel Wert daraufgelegt, untereinander zu kommunizieren und Konflikte zu lösen. Wenn jemand die Bohrmaschine schon zum dritten Mal verlängert hat, eine andere Person aber nächste Woche ein Baumhaus bauen will, dann kann die Person die Kontaktdaten der anderen einsehen und sich mit ihr absprechen. Wenn ein Ding kaputt geht, wird die schuldige Person aufgefordert, bei der Neuanschaffung mitzuhelfen, ohne dass sie diese bezahlen muss. Denn „es ist wichtig, zusammenzulegen. So entsteht kein ökonomisches Gefälle“, sagt Knaffl.

Auch durch die Klima- und Umweltkatastrophe gibt es genug Gründe, Dinge gemeinschaftlich zu nutzen. Laut Knaffl ist „die nachhaltige Nutzung von Ressourcen hier ein ausschlaggebendes Thema“. Während moderne Produktionsmethoden in den vergangenen Jahrzehnten zwar bemerkenswerte Effizienzsteigerungen bei der Herstellung einzelner Waren vorweisen können, wächst der globale Ressourcenhunger beständig: So wurden der Natur nach Angaben der Vereinten Nationen im Jahr 2017 mehr als drei Mal so viele Rohstoffe entnommen wie 1970. Das Wiederverwenden, Teilen oder Upcyclen von Dingen wird durch steigendes Bewusstsein für die ökologische Krise immer öfter praktiziert.

Firdes kümmert sich um die Paprika.

Durch ihr bedürfnisorientiertes Wirtschaften und flache Hierarchien in der Organisationsweise heben sich die Commons ab von der konventionellen, profitorientierten Wirtschaftsweise. Die Theorie, Gemeingüter gesamtgesellschaftlich zu organisieren, heißt Commonismus. Die Nähe zum Kommunismus beschränkt sich nicht alleine auf den ähnlichen Namen. Auf der Website „Keimform“, die sich um Commons dreht, sind Kapitalismuskritik, Karl Marx, Geldlogik und ähnliche antikapitalistische Stichwörter ganz vorne bei den Tags dabei.

Valentin – ein Mitgründer der Commons Kitchen, der nur seinen Vornamen in der Zeitung lesen möchte – sieht ebenfalls Überschneidungen. Er war fünf Jahre bei einer linksradikalen Gruppe aktiv, doch ihm fehlte die Praxis. „Wenn der Fokus darauf liegt, eine theoretische Analyse zu produzieren, die den genauen Weg der Revolution schildert, bleibt halt keine Zeit, eigenständige Räume aufzubauen und zu pflegen“, sagt er.

Zwar sei es in der Commons Kitchen schwer, über den Alltag hinaus gemeinsame politische Standpunkte zu entwickeln, sagt er: „Dafür ist die Gruppe, die sich hier trifft, zu heterogen, bei manchen fehlt auch einfach das Interesse.“ Doch vereinzelt gibt es auch politische Projekte, die aus dem Umfeld der Commons Kitchen heraus entstanden sind, kleinere Gruppen gehen zum Beispiel gemeinsam auf Demonstrationen.

Wenn man in der Commons Kitchen gemeinsam Karotten schält, wirkt die Möglichkeit, die Gesellschaft mit flachen Hierarchien und ohne Profitlogik zu organisieren, nicht mehr so abstrakt. Valentin findet: „Die linke Szene sollte hier mal mitschnippeln.“ Und Matthias Murjahn meint: „Auch Anarchie funktioniert nicht, wenn es keine Kultur der Achtsamkeit gibt.“

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