Sarkozy in Moskau: Zwei Oberstreber auf Schmusekurs

Mit seinem russischen Amtskollegen Putin versteht sich Frankreichs Präsident Sarkozy prächtig: Er dämpft die nach Chiracs Abgang aufgeblühte Kritik an Moskau.

Gute Stimmung: Russlands Präsident Putin und Frankreichs Präsident Sarkozy Bild: dpa

"Mit offenem Herzen" erwarten wir Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy - für alle Fälle stünde "auf einem Nebengleis aber ein gepanzerter Zug bereit", zitierte die Nesawissimaja Gaseta eine anonyme Quelle aus dem Kreml. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy beendete gestern seinen ersten Staatsbesuch in Russland, und der Zug blieb auf dem Abstellgleis. Zu Beginn hatte Präsident Wladimir Putin den Gast mit einem Klassikerzitat empfangen, wonach sein Land sich nicht mit dem Verstand begreifen lasse, man an Russland einfach glauben müsse.

Nach einem dreistündigen Abendessen in Putins Residenz und einem "offenen und warmen Treffen" wirkte Sarkozy sehr zufrieden. Beide Politiker gingen gleich zum Du über. Ihr Ruf als Pragmatiker scheint sich zu bestätigen.

Die Beziehungen zwischen Paris und Moskau hatten nach Ende der Amtsperiode Jacques Chiracs, der sich noch als europäischer Sachwalter russischer Interessen verstand, zunächst den tiefsten Punkt seit Jahren erreicht. Ohne Chirac und ohne den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder kann Putins Russland auf keine einflussreichen Fürsprecher in der EU mehr zurückgreifen. Für erhebliche Verstimmungen im Kreml hatten im Vorfeld überdies Sarkozys Avancen gegenüber den USA gesorgt und die Ankündigung, Frankreich wolle auch am militärischen Programm der Nato wieder teilnehmen. All dies sind rote Tücher für den Kreml, der eine größere internationale Rolle einklagt, sich aber, wenn es darauf ankommt, schmollend in seine Trutzburg zurückzieht.

Frankreichs kompromisslose Haltung gegenüber dem iranischen Atomprogramm ist ebenfalls ein Streitpunkt. Moskau sperrt sich gegen Sanktionen des UN-Sicherheitsrates, nachdem es jahrelang mit Teheran kooperiert hatte. "Unsere Positionen haben sich sehr aufeinander zubewegt", sagte Sarkozy jetzt zum Iran, ohne Einzelheiten zu nennen. Er sprach auch den unaufgeklärten Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja und den Tschetschenienkonflikt an.

Dennoch klang die Kritik an Moskau längst nicht mehr so scharf wie noch vor Tagen in Paris, als Sarkozy dem Kreml vorgeworfen hatte, in der Energiepolitik mit "Brutalität" die eigenen Interessen durchzusetzen. Es sei auch nicht Frankreichs Absicht, Russland Lektionen in Sachen Tschetschenien zu erteilen, beruhigte Sarkozy seine empfindlichen Gastgeber, bevor er am Nachmittag mit Menschenrechtlern der Gruppe Memorial in Moskau zusammentraf. Vor Studenten des Baumann-Instituts bekräftigte er noch einmal, dass dem Westen nicht an einem schwachen Russland gelegen sei - im Gegenteil. Zum Lieblingsthema des Kremls, der Multipolarität der Welt, sagte Sarkozy, Multipolarität sei schon eine Realität.

Sarkozy war der erste westliche Staatsbesucher in Moskau, seit Putin letzte Woche angekündigt hatte, bei den Dumawahlen im Dezember zu kandidieren, und auch nicht ausschloss, nach Ablauf seiner Präsidentschaft im März das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen. Der Franzose sei als "Kundschafter" unterwegs, vermutete die russische Presse. Trotz Unstimmigkeiten scheint Moskau mit Sarkozy Russlands zukünftigen Mittelsmann in der EU ausgewählt zu haben. Dem Pragmatiker aus Paris mit Anspruch auf Führungsrolle kommt dieses Ansinnen nicht ungelegen. Die Vorleistung hat der Kreml bereits erbracht: Im Sommer erhielt der Energiekonzern Total den Zuschlag als Partner Gazproms bei der Erschließung des Schtokman-Gasfeldes in der Barentssee.

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