SPECTRUM-PREIS FÜR FOTOGRAFIE : Befreiung durch Tradition

Im Sprengel Museum Hannover wird das Werk des Preisträgers Bahman Jalali zu Geschichte und Gegenwart des Iran umfassend vorgestellt.

Bahman Jalali, ohne Titel, aus der Serie Iran-Irak-Krieg 1980–1988. Bild: Sprengel-Museum Hannover

HANNOVER taz | Das Foto zeigt Menschen, so weit das Auge reicht. Alle gehen in dieselbe Richtung. Die meisten haben die Faust geballt und in die Höhe gestreckt, so dass in der Ferne Köpfe und Fäuste kaum noch zu unterscheiden sind. Die Gesichter im Vordergrund sind ernst. Frauen sind fast keine zu sehen. Die Menschenmasse ist unterteilt durch eine Reihe von Alleebäumen, die eine Diagonale von links oben nach rechts unten bilden. Es ist eine fallende Diagonale, fallend wie das Regime des Schahs, gegen den diese Menschen demonstrieren.

Zugetragen hat sich diese Szene in Teheran während der iranischen Revolution vermutlich am 10. Dezember 1978, dem Tag der ersten Massendemonstration gegen den Schah. Der damals 33-jährige iranische Fotograf Bahman Jalali hat die Szene festgehalten, diese und viele weitere, die in diesen Tagen zum Sturz des Schahregimes und der Gründung eines Gottesstaats unter der Führung von Ajatollah Chomeini führten. Derzeit ist das Foto in einer umfangreichen Jalali-Werkschau im Sprengel Museum in Hannover zu sehen. Der Anlass für die Ausstellung ist der Spectrum-Preis für Fotografie, den die Stiftung Niedersachsen an Bahman Jalali verliehen hat. Das allerdings posthum: Jalali ist vergangenes Jahr verstorben, den Preis nahm nun seine Frau Rana Javadi entgegen.

Bahman Jalali stammt aus Teheran und hat sein fotografisches Schaffen fast ausschließlich dem Iran gewidmet. Über Jahrzehnte hinweg bereiste er das Land, um festzuhalten, was er vorfand. Entstanden sind so neben den Fotos von der iranische Revolution Serien über das Leben der Fischer am Persischen Golf, über die klimatisch bestimmte, märchenhafte Architektur in den Wüsten und über die Stadt Bushehr, in der das erste Atomkraftwerk des Iran gebaut wurde.

Zudem gibt es zum Teil sehr grausame Bilder vom Krieg zwischen dem Iran und dem Irak in den Jahren 1980 bis 1988. Dieser Serie der Zerstörung gegenüber stehen wiederum Fotos aus dem Alltagsleben im Iran: Es gibt Bilder von Männern auf dem Land, die neben ihren Kamelen im Fluss baden und Bilder von Frauen in Teheran, die Burka tragen und Rollkoffer hinter sich herziehen.

Jalali geht es in diesen Arbeiten um das Dokumentieren, um eine Zeitzeugenschaft, die keiner ästhetischen oder politischen Setzung verpflichtet ist. Er will zeigen, was passiert in seinem Land. Allerdings bereichert Jalali sein dokumentarisches Anliegen mit einem kompositorischem Gespür, das die Aussagekraft seiner Motive verstärkt: Da gibt es den Chomeini-Anhänger, der mit hochgerissenen Armen auf einem Verkehrsschild steht, als wäre es ein Siegertreppchen. Oder es gibt die ausgebrannten Autos, die aus der Erde des Kriegsschauplatzes ragen und - abgelichtet in der Totalen - eine apokalyptische Landschaft der Zerstörung bilden.

Neben den dokumentarischen Bildern ist der zweite große Bereich in Jalalis Werk die Serie "Image of Imagination". Darin überlagert Jalali historische Fotografien aus der Regierungszeit der Kadscharen mit anderen historischen Fotos, mit Text, Blütenblättern oder einem Anti-Schah-Schriftzug aus dem Jahr 1910. Die historischen Fotografien stammen aus der Sammlung des Golestan-Palasts, in dem die damaligen Herrscher bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts - kurz nach der Einführung der Fotografie in Europa - begannen, ihr Leben im Palast festzuhalten. Jalali bringt hier nun verschiedene Zeitebenen zueinander, setzt Text wie Arabesken ein und Blüten wie Symbole der Vergänglichkeit.

Die "Images of Imagination" sind nicht nur poetische Veredelung, sie feiern zugleich die lange Tradition der Fotografie im Iran. Diese Tradition liegt mitunter konträr zu den gegenwärtigen Prinzipien des Landes: Der Schah, so ist zu sehen, erfreute sich auch am Foto einer unverschleiert auf einem Sofa liegenden Dame. Im Iran der Gegenwart würde dieses Motiv von den herrschenden Autoritäten nicht akzeptiert.

Möglich war immerhin, ein Fotografie-Museum zu gründen. Jalali war dabei 1997 Mitbegründer und Kurator. Er schaffte es, für das Museum Fotoarchive von privaten und oftmals angefeindeten Fotostudios zu bekommen. Auch damit machte er sich um das fotohistorische Erbe des Iran verdient.

Jalali, der eigentlich Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, arbeitete außerdem bei der Fotografieabteilung des Verlags Soroush Press, bei der Fotozeitschrift Aksnameh und unterrichtete an verschiedenen Universitäten Fotografie. Die Vielseitigkeit seines Tuns war für die Jury des Spectrum-Preises ein wichtiges Argument für die Vergabe des Preises an ihn: Es sollte mit ihm Jalalis Lebenswerk geehrt werden.

Insgesamt sind es 160 bis 170 Jahre iranische Fotogeschichte, die Jalalis Arbeit umspannt. Das Bild, das er vom Iran zeichnet, ist paradox, und das ist die Stärke seines Werks: Jalali macht es sich nicht einfach. Sein wacher, unvoreingenommene Blick offenbart viel von der Geschichte und Gegenwart des Landes. Vor dem Hintergrund einer gegenwärtigen Führungsriege, die jede Öffnung als Bedrohung wahrnimmt, wirkt Jalalis Arbeit auch in ihren fotohistorischen Ausprägungen äußerst befreiend.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de