SPD-Machtkampf: Münte gibt sich erfreut über Moses-Satz

Biblische Note im Streit um die Agenda 2010: Ein Moses-Satz von Altkanzler Schröder, ein Moses-Satz von Minister Müntefering - ergibt mehrere politische Theorien.

"Moses hat viel erreicht für sein Land": Vizekanzler Müntefering und Altkanzler Schröder Bild: dpa

BERLIN taz Der Machtkampf in der SPD ist um eine biblische Note bereichert worden. Verantwortlich dafür ist Gerhard Schröder. "Die Agenda 2010", sagte der Altkanzler, "sind nicht die Zehn Gebote, und niemand, der daran mitgearbeitet hat, sollte sich als Moses begreifen. Er ist es nicht."

Das Zitat fiel am Montagabend in der Berliner SPD-Zentrale, Anlass war eine Gedenkveranstaltung zum 15. Todestag von Willy Brandt, und Schröder sprach selbstverständlich nicht über den zornigen Propheten Moses, sondern über den zornigen SPD-Vizekanzler Franz Müntefering. Der führte seit Tagen einen beinharten Machtkampf mit dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck über eine arbeitsmarktpolitische Fachfrage, die er zum Symbol für die rot-grüne Reformpolitik auflud. Ausgerechnet der Vollstrecker dieser Reformpolitik mahnte jetzt seinen alten Freund Müntefering, nicht ganz so dicke aufzutragen. Nu' mach ma' halblang, Franz - so würde es ihm Schröder vermutlich unter vier Augen sagen.

Müntefering tut so, als nehme er Schröder die Moses-Nummer nicht krumm. "Zwischen mir und Gerhard Schröder, mit dem ich gut kann, ist kein Problem", sagte er Mittwochmorgen im Deutschlandfunk. "Glauben Sie mir." Dann fügte er noch an, dass Moses doch eigentlich ein "ganz toller Typ" gewesen sei. "Der hat viel erreicht für sein Land." Vielleicht sei das ja ein kleiner Hinweis des Altkanzlers gewesen.

Man kann Müntefering diese Arglosigkeit glauben - oder auch nicht. Man kann Schröders Moses-Bemerkung über Müntefering als Undankbarkeit des Kanzlers gegenüber seinem treuesten Diener auslegen - oder auch nicht. Das Verhältnis der beiden war sowieso schon immer ein Eldorado für die Schröder- und die Münteferingdeuter. Bis heute ist eine der zentralen Fragen dieses Verhältnisses ungeklärt: Stand der Ursozialdemokrat Müntefering seinem sozialdemokratischen Kanzler wirklich immer treu zur Seite - als Minister, Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender und Parteichef? Oder kam Schröders Rückzug als SPD-Vorsitzender im Februar 2004 auf Druck von Müntefering zustande? Hatte Müntefering gar geputscht?

Die beiden haben diese Theorie natürlich immer ins Reich der Legenden verwiesen. "Es war nicht seine Idee. Es war meine Idee", sagte Schröder im März 2004 in einem Interview. Auch hier gilt: Kann man glauben - muss man aber nicht.

Die andere Theorie geht so: Müntefering habe im Spätherbst 2003 eine mehrwöchige Dauertour durch die SPD angetreten, um die Agenda 2010 zu verteidigen. Damit habe er sich für seine Partei so unentbehrlich gemacht, dass Schröder nur noch der Rückzug vom SPD-Vorsitz blieb - erzwungenermaßen. Kolportiert wird dazu ein Telefonat zwischen den beiden: Als Schröder im Herbst 2003 von Münteferings Reiseplänene quer durch die Partei erfuhr, soll er ihn aufgebracht angerufen und gefragt haben: "Willst du mich putschen?"

Kann man glauben - muss man nicht. Auf jeden Fall war Schröders Moses-Müntefering-Satz neuer Stoff für allerlei Legenden.

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