Rückkehrer: Go East

Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa sind schlecht in den Arbeitsmarkt integriert. In ihrer alten Heimat boomt die Wirtschaft. Viele denken deshalb über eine Rückkehr nach

Ein bisschen neidisch ist Wladimir R. (68) auf seinen Sohn. Der lebt seit zwei Jahren wieder in Riga, der Hauptstadt Lettlands und der "schönsten Stadt der Welt", wie der russische Rentner meint. 1993 hatte Familie R. Lettland gen Berlin verlassen. Wladimir R. ist Russe und spricht kaum Lettisch. Damit wurde er nach dem Zerfall der Sowjetunion zum Staatenlosen und sozial ausgegrenzt. Was ihn rettete, war die jüdische Herkunft seiner Frau. Die Familie kam als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland.

Dem studierten Schiffsingenieur R. machte es nichts aus, sich in der neuen Heimat seine Brötchen bis zur Rente als Hausmeister zu verdienen. "Ich habe ja den Krieg noch miterlebt. Da bin ich gewohnt, jede Arbeit zu verrichten", sagt er. Doch sein Sohn, ein Mathe-Physik-Lehrer, kam nicht damit klar, in Deutschland nur Hilfstätigkeiten verrichten zu dürfen. Sein sowjetischer Lehrerabschluss ist hier nicht anerkannt. Elf Jahre lang wechselte der Mann zwischen Aushilfsjobs und vom Arbeitsamt finanzierten kaufmännischen Qualifizierungen. Er belegte Englisch- und Computerkurse an der Volkshochschule. Eine qualifizierte Stelle bekam er dennoch nicht.

Die Einwanderung von Russlanddeutschen und jüdischen Kontingentflüchtlingen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion erfolgte aus politischen Gründen. Über eine Integration der Neuankömmlinge in den Arbeitsmarkt wurde kaum nachgedacht. Unter den Migranten sind viele Hochschulabsolventen, deren Abschlüsse nicht anerkannt sind. Somit arbeiten Lehrer, Ärzte und Musiker als Zimmermädchen, Reinigungskräfte, Altenpfleger oder als 1-Euro-Jobber im sozialen Bereich.

Karin Weiss, die Integrationsbeauftragte des Nachbarlandes Brandenburg, erzählt zu diesem Thema gern die Geschichte von zwei Freundinnen aus Kasachstan. Beide hätten an exakt demselben Institut in dem zentralasiatischen Land ihre Lehrerausbildung erworben. Sie hätten danach an derselben Schule unterrichtet. Die eine Freundin hat jüdische Wurzeln und wanderte vor sieben Jahren nach Israel aus. Karin Weiss: "Dort habe ich sie als selbstbewusste Leiterin einer Eliteschule kennengelernt, in der viele Zuwandererkinder aus den GUS-Staaten integriert werden." Ihre Freundin hatte deutsche Wurzeln und kam zur gleichen Zeit als Spätaussiedlerin nach Deutschland. Doch weil Deutschland außerhalb der EU erworbene Qualifikationen nicht anerkennt, jobbt sie als Putzfrau.

Damit zumindest medizinische Qualifikationen nicht brachliegen, hat Brandenburg ein Programm zur Nachqualifizierung von in den GUS-Staaten ausgebildeten Ärzten aufgelegt. Derzeit werden 20 Ärzte in einem einjährigen Kurs nachqualifiziert. Damit soll dem Ärztemangel in ländlichen Regionen begegnet werden. Seit wenigen Monaten gibt es auch ein Bundesprogramm zur Nachqualifikation von Lehrern.

Russland und Kasachstan haben das brach liegende Potenzial der nach Deutschland Ausgewanderten schon eher erkannt und Programme zur Rückwanderung aufgelegt. In beiden Staaten boomt die Wirtschaft, qualifizierte Fachkräfte mit Fremdsprachenkenntnissen fehlen. Da werden Spätaussiedler und Juden mit finanziellen Anreizen zur Rückkehr gelockt. Im westfälischen Bielefeld gibt es für rückkehrwillige Spätaussiedler eine Beratungsagentur, die bundesweit kontaktiert wird.

Auch andere Staaten locken. "Als mein Sohn seinen deutschen Pass hatte, fuhr er nach Riga und suchte dort einen Job", sagt Wladimir R. Den fand er 2006 bei einem Reiseveranstalter, der westliche Touristen ins Baltikum holt. Der Arbeitgeber erkennt das kulturelle Kapital an, das Wladimir R.s Sohn mitbringt: Er spricht Russisch, Deutsch und Englisch und kennt sich mit der Mentalität der Balten wie der Westeuropäer aus. Anders als 1993 ist der junge Mann jetzt in Lettland kein Staatenloser, sondern deutscher Staatsbürger, EU-Bürger in einem EU-Land. Damit stehen ihm Türen offen, die ihm bei seiner Auswanderung noch verschlossen waren.

"Mein Sohn ist kein Einzelfall", weiß Wladimir R. In seinem russischen Bekanntenkreis in Friedrichshain machten sich immer mehr Zuwanderer der zweiten Generation auf den Rückweg nach Russland, Kasachstan, der Ukraine oder ins Baltikum. Das beträfe Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge gleichermaßen. "Die Rentner bleiben hier. Nur die Jungen und Qualifizierten gehen", sagt er.

Von einem Rückkehrerboom möchte Konstantin Ijulski, russischer Redakteur von Radio Multikulti, noch nicht sprechen, sondern lediglich von Einzelfällen. "Es gehen Leute, die gut qualifiziert sind, aber hier auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnten", sagt er.

Irene Runge vom Jüdischen Kulturverein geht auch auch bei Juden aus der früheren Sowjetunion bisher lediglich von Einzelfällen aus, die es gen Osten zieht. "Das betrifft zum Beispiel Juristen in der zweiten Generation, die in Deutschland ihren Schul- und Studienabschluss erworben haben, aber in den großen russischen Städten die besseren Jobaussichten haben", sagt sie. Da stehe die Aussicht auf eine Karriere bei einem internationalen Investor gegen Generation Praktikum. "Denen geht es in Moskau oder St. Petersburg oft besser als ihren Eltern, die in Berlin geblieben sind." Runge vergleicht das mit türkischen Akademikern, die es wegen der schlechten Integrationspolitik in Deutschland und den besseren Jobaussichten in die Türkei zieht. Das hatte ein Krefelder Institut nachgewiesen. Seiner Studie zufolge wollen mehr als ein Drittel der für türkische Akademiker einen Job in der Türkei suchen.

Die Integrationsbeauftragte Weiss sieht die Wissenschaft in der Pflicht, eine Studie über die Rückkehrbereitschaft von Migranten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vorzulegen. "Erst dann wissen wir, ob es ein Trend ist oder nur Einzelfälle."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de