Roman „Ein Hologramm für den König“: Die Fata Morgana des Happy End

Dave Eggers' „Ein Hologramm für den König“ ist eine endspielartige Untergeher-Geschichte. Der Roman mischt geschickt Reales und Surreales.

Dave Eggers' Held schlägt seine Zeit mit Wüstenfahrten tot. Bild: reuters

Ein Hologramm ist ein dreidimensionales Abbild, eine visuelle Täuschung, die uns einen Gegenstand oder eine Person im Raum lediglich vorgaukelt. Man könnte auch sagen: Es ist die reinste heiße Luft.

Das ist ein schönes Bild für all das, womit wir es im neuen Roman des amerikanischen Starautors Dave Eggers zu tun bekommen. Inmitten der saudi-arabischen Wüste entsteht das King Abdullah Economic Center (KAEC), ein megalomanisches, modernes Dienstleistungszentrum, Ausweis der Größe des Königs und zugleich eine Vision des absolutistischen Landes.

Dass der Bau dieser fantastischen Stadt stockt und man es noch eher mit einer Fata Morgana zu tun hat, irritiert Alan Clay zunächst wenig. Der leicht abgehalfterte amerikanische Geschäftsmann möchte dem König ein holografisches Telefonkonferenzsystem verkaufen, ein Millionengeschäft und der noch uneingelöste Scheck auf die Zukunft eines Mannes, an dem die Zeit schon ihre Kratzspuren hinterlassen hat.

Dave Eggers: „Ein Hologramm für den König“. Roman. Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, 2013, 349 Seiten, 19,99 Euro.

Der 54-jährige Alan Clay sitzt mit seinen drei halb so alten Assistenten in einem Zelt ohne WLAN-Empfang, versucht sich für die große Präsentation zu wappnen und wartet auf den König. Allein, Abdullah macht Staatsbesuche im Jemen oder sonst wo auf der Welt; und im KAEC soll er sich dem Vernehmen nach schon anderthalb Jahre nicht mehr blicken gelassen haben. Ob der feudale stadtplanerische Traum aus krisenfesteren Zeiten nach den weltweiten Turbulenzen der Finanzkrise noch verwirklicht werden kann, ist mehr und mehr zweifelhaft.

Man schlägt Zeit tot

So wird die Wüstenexpedition zum Geduldspiel. Nicht umsonst zitiert Eggers als Motto einen Satz aus Samuel Becketts „Warten auf Godot“: „Uns braucht man nicht alle Tage.“ So schlägt man also die Zeit tot, nimmt an Partys anderer Ausländer und Botschaftsangehöriger teil.

Clay freundet sich mit seinem saudi-arabischen Fahrer an, macht mit ihm eine Tour in die Berge, schreibt Briefe an seine Tochter, die er nicht abschicken wird; denkt zurück an einen Ausflug, den er einmal zusammen mit ihr nach Cape Canaveral unternommen hat, um einen der letzten Starts des Space Shuttle mitzuerleben – eine nostalgische Reise in eine Zeit, als der Weltraum für die Amerikaner keine Grenze darstellte, sondern eine neue Möglichkeit, die New Frontier noch ein Stück zu verschieben.

Dave Eggers gelingt nach dem Tatsachenroman „Zeitoun“ mit dieser fiktiven Erzählung eines Scheiternden etwas Beeindruckendes: „Ein Hologramm für den König“ ist nicht nur eine Zustandsbeschreibung der globalisierten Wirtschaft, die sich zunehmend in Bereichen des Fantastischen abspielt und damit selbst zu einer Form von Literatur wird.

Talent zum Selbstbetrug

Der Roman ist auch eine klassische Untergeher-Geschichte. Man denkt an andere traurige, in Umbruchzeiten aufgeriebene Helden der amerikanischen Literatur wie Willy Loman. Alan Clay hat bei genauerer Betrachtung allerdings keine große Ähnlichkeit mit dem noch fest in seinen moralischen Grundsätzen aufgehobenen Handlungsreisenden von Arthur Miller; daher ist Clays Talent zum Selbstbetrug nicht allzu groß.

Er sieht relativ klar, dass er hier – um noch einmal Beckett zu zitieren – an einem Endspiel teilnimmt, auch wenn er noch immer an ein Happy End glauben möchte. Gleichwohl deutet alles auf seinen Niedergang.

Das fängt schon damit an, dass Clay einmal in den guten alten Zeiten Fahrräder hergestellt hat und dafür verantwortlich war, dass die Produktion nach China verlegt wurde – er machte damit über kurz oder lang auch seinen eigenen Job überflüssig. Gegenüber seinen drei jüngeren Kollegen sieht er sich als alten Mann; und sie wiederum betrachten ihn als ein verstaubtes Relikt der Old Economy, von der sie nicht mehr den Hauch einer Idee haben.

Clay schwindet die Manneskraft

Wann immer sich ihm auf seiner Geschäftsreise die Gelegenheit zu einer Affäre bietet, schwindet Clay die Manneskraft. Mit seiner Potenz ist es nicht besser bestellt als mit jener der amerikanischen Wirtschaft.

Und dann noch das: Eine Zyste, die an seinem Rückgrat angedockt hat und unübersehbare Ausmaße annimmt, gibt Alan Clay unmissverständlich das Gefühl, den Zenit längst überschritten zu haben und allein einem sehr unschönen Ende entgegenzustreben. Auch wenn eine junge saudische Ärztin das Geschwür entfernt und seine Gutartigkeit feststellt – etwas geschieht hier, und Mr Clay weiß nicht, was es ist.

Eggers vermischt in seinem neuen Roman subtil Reales und Surreales. Sein Held findet sich in einer diffusen Szenerie wieder, einmal in einer geradezu kafkaesken Bürolandschaft, die mitten im Nichts wie eine Schaltzentrale von Außerirdischen wirkt. Er kann die Zeichen der Zeit nicht mehr recht deuten, bewegt sich in der Fremde zuweilen wie ein Blinder, dem aber doch immer wieder die Augen aufgehen – er staunt dann, was schöne, desillusionierende Effekte erzeugt.

Halluzinatorische Schwerelosigkeit

Manchmal knallt sich Clay mit Drogen in eine halluzinatorische Schwerelosigkeit, die ihn nach dem Rausch nur umso wuchtiger wieder auf dem Wüstenboden aufschlagen lässt. Eggers erzählt in bester amerikanischer Manier mit stilistischer Schnörkellosigkeit so, dass einem diese Farce wie eine Komödie und die Komödie wie eine bittere Parabel erscheint.

Natürlich ist das auch in anderer Hinsicht ein sehr amerikanisches Buch. Man spürt darin die Angst einer Nation vor den fundamentalen Veränderungen, die seit einigen Jahren ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen. Die Supermacht ist angreifbar geworden, auf allen erdenklichen Ebenen.

„Ein Hologramm für den König“ beschreibt das als Symptom: Während die lethargischen US-Dienstleister mit ihren Ideen noch brav auf ihre Kunden warten, haben die Chinesen längst schon den Deal klargemacht. Es muss eigentlich gar nicht mehr gesagt werden, dass Alan Clay und sein Team umsonst in der Wüste sitzen. Man braucht sie nicht alle Tage, womöglich gar nicht mehr.

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