Rocko Schamonis "Dorfpunks"-Verfilmung: Im Schlafanzug zur Schule

Rocko Schamonis Biografie "Dorfpunks" beschreibt lustig und schwungvoll das Punksein im Westdeutschland der 80er Jahre. Für die jungen Schauspieler ist das sehr weit weg.

"Dorfpunks"-Autor Rocko Schamoni wirkt bei der Verfilmung unsichtbar im Hintergrund mit. Bild: promo

Plastiktütenweise werden Zigarettenkippen auf dem Boden ausgeleert. Dazu pustet eine Nebelmaschine abgestandenen Rauch in den Raum, damit es auch wirklich nach 1984 riecht, wenn in der Gaststätte "Zum Dorfkrug" in Dannau an der Ostsee eine Szene für "Dorfpunks" gedreht wird. Der Film über den letzten sorglosen Sommer eines Punkteenagers in der norddeutschen Provinz, nach Motiven des autobiografischen und gleichnamigen Romans von Rocko Schamoni, entsteht gerade an Originalschauplätzen in der Holsteinischen Schweiz. Im Frühjahr soll Premiere sein. Die Kulissen hierfür müssen nicht eigens präpariert werden.

Vor der Gaststätte des verschlafenen Örtchens werben Plakate für eine "Scheunendisco", in der "Udo Lindenberg-" und "Wolfgang-Petry-Doubles" auftreten. Jugendliche sitzen in einem Buswartehäuschen. Auch in Schamonis "Dorfpunks" frequentieren die Protagonisten mangels Alternativen Landdiscotheken und Ausflugslokale, werden in haarsträubende Schlägereien verwickelt oder brechen diese aus schierer Langeweile gleich selbst vom Zaun. Roddy Dangerblood alias Rocko Schamoni teilt in den 80ern aus und bekommt auf die Mütze. Eingebettet ist sein stumpf funkelndes Glorifizieren von Gewalt in uneitle und selbstironische Betrachtungen des Uncoolseins in der Provinz. Musik ist der Außenbordmotor, der die Jugendlichen sicher durch alle Untiefen tuckert.

Bis heute ist Schamonis Haltung von dieser Punk-Spontaneität geprägt. Ihm, der irgendwo zwischen Popstar, Komiker, Kneipenwirt und Schriftsteller zu verorten wäre, hat der Mainstream bisher nichts anhaben können.

Dem Hauptdarsteller von "Dorfpunks", dem Schauspieldebütanten Cecil von Renner, war der Autor vor den Dreharbeiten gar kein Begriff. Im Gespräch entpuppt sich der Schüler als das glatte Gegenteil seiner Rolle als hysterisch aufgeladener Adoleszenz-Gefahrguttransport. Adrett kommt dieser Roddy Dangerblood rüber, trotz Stachelhaaren, zerschlissenem T-Shirt und Domestos-gebleichter Röhrenjeans (die Klamotten wurden von der Fotografin und Kostümbildnerin Dorle Bahlburg, Schamonis Lebensgefährtin, aus alten Beständen zusammengestellt).

Höflich und zuvorkommend beantwortet von Renner alle Fragen der anwesenden Journalisten unter einem Regenschirm. Eine Regenwolke nach der anderen wirft ihre nasse Ladung ab, sodass man eine Ahnung davon bekommt, wie trist es für Jugendliche auf dem Land sein kann.

Kräuter gegen Salami

"Die Luft am Set ist ständig verqualmt", sagt der 18-Jährige. "Ich selbst rauche aber nur Kräuterzigaretten", gesteht er. Von Renner, der in seiner Freizeit Cello spielt, könnte sich auch nicht vorstellen, so wie einst Rocko Schamoni während seiner Lehrzeit als Töpfer im Schlafanzug zur Schule zu fahren, oder sich nachts eine zackenförmig ausgeschnittene Salami auf die Stirn zu legen, damit am nächsten Tag ein roter Pustelstern auf der Haut erblüht. "So etwas macht heute einfach keiner mehr", sagt von Renner, der im niedersächsischen Tötensen wohnt und in Hamburg die Waldorf-Schule besucht.

"Punk ist längst ein festgelegter Lebensstil wie jeder andere." Im Jahr 1984 riefen feuerrot gefärbte Haare, wie sie Schamoni trug, in der norddeutschen Provinz noch alle möglichen Autoritäten auf den Plan. "Jetzt gibt es viele jung gebliebene Eltern, da macht es doch als Jugendlicher gar keinen Sinn mehr, gegen sie zu rebellieren", sagt von Renner. Ob er bei der Filmerei bleiben will, weiß er noch nicht. "Erst mal Abi machen", sagt von Renner, der als "Roddy" die Schule schmeißt.

Im Dorfkrug steht eine Musikszene auf dem Drehplan, eine Talentshow, die in einem Soldatenheim spielt. Warhead, die Punkband von Roddy und seinen Kumpels, misst sich mit virtuosen Hardrockbands und zieht am Ende den Kürzeren. "Wir müssen schlecht spielen", mault von Renner. Der leibhaftige Rocko Schamoni ist selbst nicht anwesend. Er wirkt unsichtbar im Hintergrund mit, hat die Drehbuchfassung seines Romans durchgesehen und Regisseur Lars Jessen auch in Sachen Musik beraten. Seine Idee war es auch, die Hauptdarsteller die Instrumente tauschen zu lassen.

Von Renner kann passabel Gitarre spielen, bei Warhead muss er singen, während der Filmschlagzeuger im richtigen Leben in einer Band singt. "Die Protagonisten verkörpern die Musik im Film auch, sie stinken eben nicht gegen eine Konserve an, die als Score drübergebraten wird", erklärt Lars Jessen. Auf die Frage, ob Popmusik in einem Spielfilm überhaupt zu fiktionalisieren sei, sagt er nur, dass die Darsteller durch ihr musikalisches Experimentieren zusätzliche Energien freisetzen. Bis auf einen hat keiner bisher Schauspielerfahrung gesammelt.

Zaghafte Soldaten

"Ihr wart sicher alle auf dem Konservatorium?", höhnt der schmierige Talentwettbewerbs-Conferencier (dargestellt vom Hamburger Musiker Tex Strzoda). "Nee, wir sind viel im Wald!", entgegnet der Film-Roddy. Dann schrubben Warhead gar nicht naturschön auf ihren Instrumenten und bringen einen ohrenbetäubenden Krachsong mit einigen Schlenkern gerade noch zu Ende. Das Publikum besteht aus johlenden Bundeswehrrekruten, echten Soldaten übrigens, die aus einer Kaserne im nahe gelegenen Lütjenburg gecastet wurden. Sie mucken gegen die Katzenmusik von Warhead auf. Der Protest der Komparsen ist Regisseur Lars Jessen allerdings noch zu zaghaft. Die Szene muss noch einmal geprobt werden.

Für Rocko Schamoni waren "Rotärsche", wie er die Wehrdienstleistenden in seinem Buch nennt, ein gefundenes Fressen. Er notierte ihre alkoholgeschwängerten Gespräche und montierte daraus Hörspiele. Vorlage auch heute für "Studio Braun", das Komikerteam, das Schamoni mit Heinz Strunk und Jacques Palminger betreibt. Es wird viel davon abhängen, ob das Filmformat Schamonis eigenwilligen Sprachspielen gerecht werden kann. Lars Jessen verbreitet Zuversicht am Set. Mit einem Auge liest er Zeitung, unterhält sein Team mit Wissenswertem ("Wie hieß der erste schwule deutsche Punksong? ,Samen im Darm' von den Cretins, 1980") und gibt ruhig Anweisungen.

Am Set arbeiten zehn Leute: Hier hängt jemand noch einen Scheinwerfer auf, dort wird die Garderobe eines Schauspielers zurechtgezupft. Punks würden bis hinunter zur Catering-Ebene bevorzugt am Set beschäftigt, hieß es vor einigen Monaten auf der Homepage von Schamonis Plattenfirma Nobistor. Tatsächlich ist die Atmosphäre am Set familiär. Florian Koerner von Gustorf, der Produzent der Berliner Schrammfilm (und Schlagzeuger der Krachband Mutter), verbreitet gute Laune. "Dorfpunks" ist seine bis dato größte Produktion, während der Film für den Fernseh- und Serienspezialisten (unter anderem "Tatort", "Großstadtrevier") Jessen ungewohnt intimes Arbeiten bedeutet. "Berliner Schule gegen Hamburger Schule" witzelt er.

Nachhilfe in Punk

Im Dorfkrug schleppt der Regisseur seinen Regiestuhl jedenfalls noch selbst durch die Gegend, setzt sich in aller Ruhe hin und überprüft auf einem kleinen Monitor die Perspektiven der beiden Kameraleute. "Ich habe erst später mitbekommen, was Punk ursprünglich mal bedeutet hat", sagt Jessen, der in Melldorf im Landkreis Dithmarschen aufgewachsen ist. "Dass Punk auch lustig war, lebensbejahend und nonkonformistisch, wusste ich früher nicht. Diese Geister will ich mit meinem Film wieder beschwören. Außerdem ist Punk auch immer Behauptung und Ablehnung. Das Zurückweisen von anderen Lebensformen geschah in den frühen Achtzigern aber viel spielerischer und positiver als bei den Abziehbildern, die heute auf den Bahnhöfen als Punks rumlaufen." In der sanfthügeligen Landschaft an der Ostsee wirkt die Punkästhetik auch heute noch alienmäßig. Ortskundige sprechen davon, wie sehr das wechselhafte Ostseewetter die Psyche der Menschen beeinflusst.

Geografische Abkoppelung gemischt mit gesellschaftlichem Ausgegrenztsein, das ist die Essenz von "Dorfpunks". Und die Angst, vor der großen weiten Welt. Aber wehe, die Sonne scheint und Roddy und seine Kumpels rennen über ein Stoppelfeld. "Das hat dann einfach Anmut, klassische Schönheit, die gar nicht gebrochen ist", sagt Lars Jessen und grinst.

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