Rentierüberfluss in Schweden

Rudolf muss sterben

Hoch im Norden gibt es zu viele Rentiere – sie verhungern, die Umwelt leidet. 76.000 Rentiere stehen nun auf der Abschlussliste, doch die Lobbyisten protestieren.

Ihm droht die Zwangsschlachtung: Rentier. Bild: imago

STOCKHOLM taz | Rudolf Rentier und seinen Brüdern und Schwestern geht es an den Kragen. Der Rentierbestand in Nordnorwegen ist so gewachsen, dass die Weideflächen nicht mehr ausreichen, die Tiere verhungern und die Umwelt leidet. Die Regierung in der Hauptstadt Oslo will nun den Bestand permanent um ein Drittel senken, das sind etwa 76.000 Tiere. Aber die Lobby der Rentierzüchter protestiert dagegen.

Der viel zu große Rentierbestand in der norwegischen Nordprovinz Finnmark ist seit Jahren ein Konfliktthema zwischen Staat, Umweltschützern sowie dem nicht Rentierzucht betreibenden Teil der Bevölkerung einerseits und den rentierzüchtenden Sami andererseits. Mit Rentierzucht ist Geld zu verdienen. Das Fleisch ist begehrt. Ebenso wie beim Elchfleisch brauchen sich Konsumenten keine Gedanken zu machen, mit dem Kauf vielleicht qualvolle Massentierhaltung zu unterstützen, wie sie etwa bei der Schweine- und Hühnermast seit Jahren gang und gäbe ist.

Doch auch die Branche der Rentierzucht hat ihre Schattenseiten. Für die wachsenden Herden werden im Sommer die Weideflächen zu knapp, die Hochebenen werden überweidet und drohen zu versteppen. Und der Klimawandel, der offenbar zu wärmeren Wintern und einem ständigen Wechsel zwischen Schnee, Regen und Frost führt, schafft bei den Winterweideflächen neue Probleme, weil die Tiere oft nicht mehr an die unter einem Eispanzer liegenden Flechten kommen. Während sie Schnee beiseite kratzen können, gelingt ihnen das auf vereisten Flächen nicht. Vor fünf Jahren drohte Zehntausenden Rentieren der Hungertod, und unterernährte Tiere mussten notgeschlachtet werden.

Kultur gefährdet

"Die hohe Rentierzahl gefährdet diese ganze Kultur", meint Landwirtschaftsminister Lars Peder Brekk, und sei im Übrigen ökologisch nicht länger tragbar. Der Staat werde die gesetzlichen Zwangsmittel nun auch anwenden. Im Klartext heißt das: Geldbußen für die Züchter und massenweise Zwangsschlachtungen.

Züchterlobbyist Nils Henrik Sara entgegnet, er werde Norwegen vor internationalen Gerichten verklagen, denn immerhin sei die Rentierzucht der Ursprungsbevölkerung der Sami durch internationale Konventionen geschützt. Die hohe Bestandszahl werde sich selbst regulieren. Doch das verspricht die Branche seit zwei Jahrzehnten, ohne dass Resultate erzielt wurden. Intern wird das auf eine kleine Minderheit "schwarzer Schafe" geschoben, die wegen ihrer kurzfristigen Gewinninteressen die Zukunft der traditionellen Rentierzucht in Nordnorwegen insgesamt gefährdeten.

Im Januar dieses Jahres sorgten Medienreportagen für große Empörung, wonach Züchter eine große Anzahl von Tieren auf den Weiden einfach verhungern ließen, da ihnen der Zukauf von Futter für die Tiere offenbar zu teuer war. Ein solches Verhalten werde in Zukunft nicht mehr akzeptiert, kündigt der Landwirtschaftsminister an, auch dort gelte das Tierschutzgesetz. "Wir haben schon viele Krisen erlebt, aber nun muss etwas geschehen", meint auch der Abgeordnete des Samiparlaments Mathis Nilsen Eira, selbst Rentierzüchter: "Sonst sind wir am Ende."

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