Regionale Wikis

Ode an die Heimat

Stadtwikis liegen im Trend, es gibt bereits über 160 davon. Sie bieten Möglichkeiten zur aktiven Bürgerbeteiligung, nicht nur in Demokratien.

Heimatgefühle in einem Dorf irgendwo in Bayern. Bild: dpa

Altötting in Niederbayern hat eins. Pforzheim-Enz auch. Karlsruhe hat laut eigenen Angaben das größte weltweit. Und natürlich dürfen Städte wie München oder Berlin nicht fehlen. Die Rede ist von Stadt- und Regionalwikis.

Das Prinzip ist simpel: Bei Stadtwikis handelt es sich um eine Mischung aus Online-Lexikon und Informationsportal. Wie bei Wikipedia kann jeder Leser auch hier gleichzeitig Autor sein. Im Mittelpunkt steht aber Regionales, beispielsweise bekannte Persönlichkeiten, Stadtgeschichte oder aktuelle Kunstausstellungen. Wie ein digitaler Stadtführer, der immer weiter erweitert werden kann.

Hipster berichten über Szenekneipen und Flohmärkte, Professoren über Landschaften und Gewässer und Politaktivisten über die nächste Demo oder eine lokale Initiative. Ein bunter Haufen also, der dafür sorgt, dass Themen und Geschichten nicht auf vergilbtem Papier in den Tiefen von Kleinstadtarchiven vor sich hin vegetieren. Er rettet Wissen in das digitale Zeitalter - wenn auch sehr spezielles, nur für die interessant, die wissen, wovon die Rede ist.

Bayerisch für Anfänger

Bei einem genaueren Blick auf das RegioWiki Altötting-Niederbayern etwa entdeckt man eine sorgfältig zusammengetragene Sammlung der bayerischen Sprache. Ein Boarisch:bayerisch–deutsches Wörterbuch also, wie man es bei Wikipedia nicht finden würde. Das ist nicht nur für Einheimische hilfreich.

Denn wissen, Sie, was „auszuzeln“ bedeutet? Oder kennen Sie Dagmar Plenk? Sie war Bürgermeisterin der Stadt Passau und engagierte sich auf kommunaler Ebene. Doch bei Wikipedia findet sich kein Eintrag zu ihr. Ein Fall für das Regiowiki.

Aber nicht nur in Europa, auch in China oder den USA verbreiten sich Stadtwikis. Über 160 gibt es bereits und es werden immer mehr. Peter Mambrey von der Universität Duisburg-Essen prognostizierte 2009 in einer Studie zum Thema „eine Tendenz zur aktiven selbstorganisierten Kommunikation". Seitdem breiten sich die Plattformen immer weiter aus.

„Chance für Bürgerbeteiligung“

Maxim Votyakov sieht auch großes Potential in der Entwicklung von RegioWikis. Der IT-Unternehmer aus Tomsk in Westsibirien gründete vor ein paar Jahren zusammen mit ein paar Freunden ToWiki, die lokale Plattform der Stadt. Vor allem im Internet stößt er auf Themen, die er für das Wiki wichtig findet.

„Die Russen sind im Netz sehr aktiv, also wundert es mich nicht, dass die Zahl unserer Autoren immer weiter steigt“, sagt er. Es gehe vor allem darum, Themen zu behandeln, die die Bewohner der Stadt bewegen, aber für andere Online-Lexika nicht relevant seien, kommentiert er.

Votyakov sieht sein Stadtwiki aber auch als Chance. Gerade für Gesellschaften, in denen Partizipation von Seiten der Bürger nicht üblich und oft auch nicht gewünscht ist, wie in Russland. Er betont aber, dass „politische Themen im Wiki keine größere Rolle spielen als im Alltag der Menschen". Die Russen seien eher unpolitisch, fügt er nach einigem Zögern hinzu.

Stefan Daller, Politikstudent und in seiner Freizeit Wikipedianer für das Regiowiki Altötting-Niederbayern, sieht sein Projekt primär als Ergänzung, nicht als Ersatz zu lokalem Journalismus. „Es geht eher darum, Informationen aufzuarbeiten, die man so nicht woanders findet, ein Online-Lexikon zu sein", sagt er. Er ist stolz auf die Entwicklung seines Wikis. Nach nur vier Jahren finden sich dort über 14.000 Artikel von etwa 50 Autoren.

Bis zu zehn Stunden pro Woche durchforstet Daller Stadtarchive, Tageszeitungen und Verlagsseiten, um relevante Themen herauszufischen. Er sucht etwa nach Geschichten über Menschen „die etwas nicht-alltägliches vollbracht haben oder eine herausragende Stellung in der Gesellschaft haben“. Kochrezepte regionaler Speisen haben aber genauso ihren Platz wie ein Eintrag zum „Holledauer Fidel“, einem niederbayerischen Singspiel.

Das Wiki als politisches Instrument zu nutzen, das steht für Daller nicht im Vordergrund. Er sieht das Projekt eher als „ein Stück Heimat im Internet“. Heutzutage würden die Menschen Informationen googeln, anstatt in Bibliotheken zu gehen, sagt er: „Regionales Wissen soll unter keinen Umständen verloren gehen, also versuchen wir die Menschen wieder für ihre Heimat zu begeistern“.

Wie beim großen Bruder Wikipedia, stellt sich aber auch die Frage nach der Qualität. Bei Wikipedia ist die Anzahl der Autoren zu einem Thema bedeutend größer, doch selbst da herrschen mitunter gewaltige Qualitätsunterschiede. Schreiben die Autorinnen und Autoren der Stadtwikis über den Bäcker um die Ecke, kann das Niveau entsprechend inhaltlich und formal stark variieren. Die Texte müssen also unter Umständen detaillierter bearbeitet werden, eine Herausforderung für die nicht nur ehrenamtlichen Mitarbeiter.

So wurde das niederbayerische Regiowiki 2008 von der Zeitung Passauer Neue Presse ins Leben gerufen. Heute betreibt die Zeitung das Wiki zusammen mit dem Verein RegioWiki Bayern e.V.

Von Sängerknaben und Dombauten

Eine andere Problematik sind die Einträge, die sich sowohl bei Wikipedia als auch im RegioWiki finden. Man fragt sich zu recht, wie sinnvoll diese Dopplungen sind. Für Daller sind das zwei Seiten ein- und derselben Medaille: „Ich vergleiche das oft mit dem Unterschied zwischen Allgemeinlexikon und Fachlexikon. Im Allgemeinlexikon hat ein Thema vielleicht nur drei Zeilen, im Fachlexikon hingegen drei Seiten“, sagt er. So würden seine Autoren immer darauf achten, einen alternativen Schwerpunkt zu bieten und bei einer Person etwa herauszuarbeiten, warum sie für die Region bedeutend ist.

Der Artikel zum „Holledauer Fidel“ verdeutlicht diese alternative Schwerpunktsetzung. Ist das Theaterstück dem Wikipedia-Autor nur wenige Zeilen wert, so findet sich im RegioWiki ein ausführlicher Beitrag über vergangene Aufführungen und eine detailierte Übersicht der Handlung.

Ob nun politisches Tool zur Meinungsbildung als Chance in einigen Ländern oder reines Online-Lexikon wie in Deutschland. Eines wird vor allem deutlich: Zurückbesinnen zu den eigenen Wurzeln, das Interesse für die Region wecken, das ist hier das Motto. Das Wort „Heimat" gewinnt so eine ganz neue Bedeutung.

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